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Die Welt · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · p. 491

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Article
Wilhelm Wachtel
Date
1914-05-15
Page
491 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 20 DIES^ELT 491 iii»iittliiliiiiiiiiii»iiiiiii»iliiiiiiiii»ili„iiiiiii»i»ii»»»i»ii»ii»iiiiii»»»i»i»i»ii»»lL FEUILLETON Wilhelm Wachtel Von Dr. Otto Abeies In der letzten Ausstellung des Bundes österreichischer Künstler zog es mich immer wieder zu einer Schmalwand, welche fünf Bilder Wilhelm Wachtels deckten. Ich war sehr überrascht über seine Entwicklung seit jener ersten, symbolosierenden, schwanz-weißen Vignettenkunst, die man aus Jahrbüchern und Zeitschriften kannte, über die bewußte Kursänderung seit der Krakauer Ausstellung im Jahre 1906, in welcher eine Anzahl seiner weichen, verträumten Bilder aus dem galizischjirdischen Leben zu sehen war. Was in diesem Künstler wirkt und wie ihn eine neue, freudige Kraft mit unermüdlicher Schaffenslust beschenkt, nahm ich aber erst in. seinem Wiener Atelier wahr. Es erklingt in ihm immer ^gebieterischer der Ruf, den einmal Börries v. Münchhausen in diese Verse faßte: Geächtet Volk, ich zeige dir die Stege Aus Haß und Hohn zu deiner Jugend Glück, Verlorner Stamm, ich weise dir die Wege, Und deiner Wege Losung heißt: Zurück! Zurück zur Schönheit einst gesungner Psalmen, Zurück zum heilgen Bach bei Anathot, Zurück zu deiner Heimat Balsampalmen, Zurück zu deinem alten großen Gott! Das wüstenheiße, palmenumrauschte, das inbrünstige, von salomonischen Stufensängen erfüllte klassische jüdische Altertum hat ihn ergriffen und beglückt. Dem engen Bezirk des „Städtls“ mit dem blassen Kerzenglanz hinter windschiefen Fenstern ist er entrückt und lebt im farbensatten, jüdischen Orient des Pentateuchs. Einst malte er den Sabbath so: In einer kleinen Stube der „Gaß" keimt eben die Freitag-Abend-Weihe. Eine alte Frau steht fromm und demütig beim sabbathlichen Tisch und zündet die Lichter. Wie von ungefähr ist vor dem Fenster ein soignierter Herr in tadelloser Großstadteleganz stehen geblieben, Erinnerungen aus ferner Kindheit steigen in ihm auf, er fühlt plötzlich die Tragik der Entfremdung und zieht den Hut . . . Jetzt dichtet er den Sabbath anders: Am dunkelblauen Gestade liegt der Königspalast, von mächtigen, grünschimmernden Säulen getragen. Im Hintergründe drängt sich weißkuppelig, vom leuchtenden Abendhimmel umfangen, die Stadt Jerusalem. Von Harfenisten geleitet, die die Saiten schlagen, schreitet des Königs Majestät über die Marmorstufen und breitet die Arme der Prinzessin Sabbath entgegen, einer strahlenden Gestalt, die eben auf stolzem Schiff übers Meer kam. Einst hielt er die Abendstimmung im Städtchen fest, jene stille Stunde des Friedens, wenn die Männer vom Freitag-Abend-Gebete noch nicht zurückgekehrt sind, die Frauen der Muße pflegen, Türen und Fenster sommerlich offen stehen. Ein junges Mädchen, das Schultertuch lässig umgehängt, lehnt am Gitter der Holztreppe, die zur Stube führt und hängt verbotenen Glücksträumen nach. Oder er malte eine erschütternde Szene aus dem ostjüdischen Leben, die durch Reproduktionen bekannte „Totenklage", wohl das bedeutendste Stück seiner früheren Schaffensepoche. Am Boden liegt mit Tüchern umhüllt und von flackernden Kerzen bewacht, ein Leichnam. Rings um den Toten jammert die Familie. Nur die Witwe in stummer, nachdenklicher Wehmut, sucht sich mit dem Unabwendbaren abzufinden und blickt dem Gatten durch das schwarze Laken hindurch in die gebrochenen Augen, als wolle sie sich mit ihm das letztemal aussprechen . . . Jetzt aber locken Wilhelm Wachtel andere Motive. Ueber Zeit und Raum herüber vernimmt er den Liebesruf Sulamiths: „Erwache, Nordwind, komm, o Südwind! durchwehe meinen Garten, daß seine Düfte strömen. Es komme mein Geliebter in seinen Garten und genieße die süßschmeckende Frucht" — und er gestaltet Sulamith knieend, mit gebreiteten Armen „in Erwartung des Geliebten". lieber der verblaßten Welt des Ghetto richten sich biblische Menschen auf. Judith steht da nach der befreienden Tat, in sieghafter, furchtbar kalter Ruhe auf den gemordeten Holofernes zurückblickend. Oder er sieht tief gebeugt, aber sehr adelig, einen „trauernden König" Israels. Er ruht im Haine auf einer Marmorbank und teilt seine große, einsame Trauer der Nacht mit. Und wenn es ihn schon drängt, wie einst Festesstunden des Ghetto zu malen, dann wird das Bild von einem Strahl uralter Mythenkraft erhellt, dann tritt mitten in die „Sedemacht" der Prophet Eiiah, das Zimmerchen wölbt sich, die Lichtkegel wachsen, die Gestalten recken sich und alles trägt den Stempel alttestamentarischer Kraft. Mitten im hastigen Pariser Leben hat sich in Wilhelm Wachtel dieser Wandel in den letzten drei Jahren vollzogen. Das Land der Juden mit der Seele suchend, fand er den Weg in den biblischen Orient und wurde mit kühnen Gesichten, mit satten, schweren Tönen und mit einer Schaffensfreude begnadet, die ihn unausgesetzt an der Staffelei festhält. Schon ist eine stattliche Reihe von Bildern zu Schir-Haschirim entstanden — er möchte gerne das Lied der Lieder, mit farbenglühenden Bildern und charakteristischem Buchschmucke geleitet, als Prachtband edieren — für die Ausstattung und Ausgestaltung eines Judentempels in antikem Stilgefühl hat er bereits eine ganze Summe von Skizzen entworfen und will in hellster Begeisterung durch Bilder und Kunsthandwerk. sein Pfund dazu beisteuern, das jüdische Fest und die jüdische Kunst in weiterem und höherem Sinne, als es bisher geschah, in antike orientalische, vor allem biblische Farben zu tauchen, und — natürlich, so weit es organisch erlaubt ist — mit jüdisch historischen Kunstformen zu bepfropfen. Die Witwe des so früh verstorbenen unvergeßlichen Samuel Hirszenberg erzählt von dem letzten Jahre des Malers, welches er in Palästina leben durfte, wie sich ihm unter dem palästinensischen Himmel, in der Mittagsglut der Frühlingstage, in Mondnächten auf dem Oelberge, angesichts des toten Meeres und der vom Silberschimmer übergossenen heiligen Stadt, plötzlich die Herrlichkeit vergangener Zeiten erschloß: das prunkliebende Jerusalem der Judenkönige, das von den Propheten gezüchtigte Jerusalem, das besiegte und geknechtete Jerusalem. Er, der die Tragik des Ghetto in Farben besungen hatte, der Schöpfer des „Golus", der „Schwarzen Fahne", war wie neu geboren, es überkam ihn Ahnenglück und Heimatfreude, seine Kunst begann in jüdischer Erde Wurzeln zu schlagen. 02530200020200480200040102010102020000010201000100

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