Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Article
- Die zionistische Utopie
- Date
- 1914-05-15
- Page
- 479 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr .20 479 die: :elt Gesinnungsgenossen! Bestellt rechtzeitig die Herzl-Gedenknummer der „Welt“ auch das Lehen davonplätschern! Aber das betreffende Individuum würde solche vielleicht einleuchtenden, aber doch recht gefühllosen Ratschläge vermutlich als sehr unangebracht empfinden; und es wurde dem allzu praktischen Ratgeber — wenn überhaupt eine! — wohl die Antwort geben: daß es noch zur Genüge ungebrochene Lebenskraft in sich fühle, um so gut wie alle andern .Wesen berechtigten Anspruch auf ein Fortleben erheben zu können. Für eine völkische Individualität ist zielbewußte Assimilation der nationale Selbstmord. Und solange ein Volk noch Lebenstriebe in sich fühlt, wird es jede derartige Zumutung — mag sie noch so gedankenreich vorgetragen werden — als einen perversen Versuch mit sittlicher Entrüstung von sich weisen. Und umgekehrt: die instinktive Lebensbejahung eines vor die Frage nach dem Sein oder Nichtsein gestellten Volksorganismus, also das .Vorhandensein starken Lebenstriebes, liefert ohne weiteres schon den Beweis für die Berechtigung des Anspruches auf nationale Existenz. Es bleibt davon gänzlich unabhängig, ob die Aussichten für eine Fortentwicklung gut oder schlecht sind. Wo überhaupt nur dieser Wille zum Leben pulsiert, ist doch schon die Resignation aus dem Felde geschlagen. Der Zionismus — eine Sehnsucht, so alt wie unsere Heimatlosigkeit, und erst in moderner Zeit unter dem Druck unerträglich gewordener Lebensnot in die knappe Form eines politischen Programmes gepreßt — ist nichts andres als der instinktive Wille eines großen, wohl des überwältigend größten Teiles der Gesamtjudenheit, die völkische Existenz zu behaupten und durch Schaffung eines nationalen Zentrums im historischen Heimatlande zu sichern. Dieser Wille ist nicht etwa — wie manche oberflächliche Beurteiler anzunehmen lieben — das Machwerk einer raffinierten Agitation, sondern umgekehrt ist die machtvolle und erfolgreiche zionistische Propaganda nur ein Ausdruck jenes ungebrochenen leidenschaftlichen Lebenswillens. Es ist freilich eine Abnormität in der Weltgeschichte, wenn ein Volk statt durch rohe Kraft mit den Mitteln der Sprache und der Schrift sich seinen Platz an der Sonne zu erobern sucht; und es erklärt sich daraus der Irrtum unserer Gegner, mit gleichen Verlegenheitsmitteln den nationalen Lebenswillen wieder ausblasen zu wollen. Das ist naturgemäß ein Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt! Und so bleibt es denn auch im vorliegenden Falle eine unzulängliche Methode, eine Volksbewegung wie die unsrige, die — wenn sie auch an die Vernunft appelliert — doch selber ursprünglich dem Gefühlsleben entspringt, ausschließlich mit den Messern des Verstandes zergliedern und durch eine mikroskopischlogische Untersuchung der einzelnen abgetrennten Teilstücke sich ein Bild von der Lebenskraft und damit der Lebensberechtigung des ganzen Organismus machen zu wollen. Das wird naturgemäß leicht zu Fehlschlüssen führen, wie die bekannten Anekdoten sie von den Professoren der pathologischen Anatomie umgekehrt berichten, die hin und wieder bei der Sektion von Leichen zu dem verblüffenden Resultat kommen, daß auf Grund kunstgerechter Untersuchung den Betreffenden eigentlich jede Berechtigung zum Sterben abzusprechen gewesen wäre. Es ist nun einmal eine Wesenseigentümlichkeit lebendiger Organismen, körperlicher wie geistiger Struktur, daß sie werden und vergehen, ohne sich jedesmal darum zu bekümmern, ob ihr Leben oder Tod den Theoretikern auch begründet erscheint. Die moderne Biologie, die Wissenschaft vom Leben, hat gerade in den letzten Jahren Entdeckungen und Erfahrungen machen müssen, von denen unsere Schulweisheit vordem sich nichts hatte träumen lassen. Sie hat den Nachweis erbracht, daß ein lebendiger Organismus nicht allein damit erforscht wird, daß man ihn bis in seine kleinsten Zellen und Bausteine zerlegt, sondern daß die Grundsubstanz seines Lebens vor allem in körperlich unfaßbaren dynamischen Kräften elektrochemischer Natur zu finden ist, die in den mancherlei Säften der Gewebe die Körperzellen durchfluten. Ebenso hat die soziale Biologie, die sich aus Geschichtswissenschaft und Gesellschaftskunde zusammensetzt, schon längst die Erkenntnis gezeitigt, daß auch im menschlichen Gemeinschaftsleben Faktoren tätig sind, die den chemischen Affinitäten sowie den elektro-physischen Spannkräften zu vergleichen sind und die sich in ihrer Wirksamkeit einem Erfahrungsschema durchaus nicht immer unterwerfen wollen. Wie den Zellorganismus der Individuen erst jene geheimnisvollen dynamischen Kräfte zum Leben erwecken, so sind es oft im sozialen und nationalen Aufbau der Menschheit rein instinktive Gefühle und Ideen, aus anscheinend geheimnisvoller Tiefe auftauchend, die die Entwicklung stärker zu lenken verstehen, als alle Direktiven einer primitiven Logik. Der Wille eines Volkes steigt nicht nur aus seinem rationellen Denken empor, sondern entspringt häufiger noch — und dann sogar mit reißenderer Kraft — seinem Gemütsleben. Ein rein ästhetisches Empfinden für nationalen Stolz, eine Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit z. B., die durchaus nicht immer identisch ist mit der Erkenntnis einer nüchternen Zweckmäßigkeit, haben in der Geschichte schon so manches Mal sich stärkere Geltung zu schaffen gewußt, als die kalte Stimme der vermeintlichen Vernunft. Das ist auch wohl die psychologische Erklärung dafür, warum der Zionismus in Westeuropa, wo er vorläufig weniger eine sozialökonomische als eine rein idealistische Bewegung ist, in erster Linie die Jugend und vor allem die akademische Jugend im Fluge zu gewinnen verstanden hat. Daß es die zweckmäßigste Lösung des ökonomischen jüdischen Problems wäre, die zu unstetem Wandern verurteilten ostjüdischen Massen, denen die alte Welt sich mit der Zeit verschließen mußte, im neu erwachenden Orient zu kolonisieren, hat man bekanntlich längst vor dem politischen Zionismus eingesehen; führende Geister in Ost- und Westeuropa hatten die praktische Palästinakolonisation schon zu Beginn der achtziger Jahre in die Wege geleitet und ihre Unterstützung durch die Judenheit der ganzen Welt in Wort und Schrift propagiert. Aber hat dieses hochherzige philanthropische Bemühen vermocht, die Massen zu begeisterter Mitarbeit anzuspomen oder gar die Jugend hinzureißen? Nicht im geringsten! Erst die Schönheit, erst die Majestät der von Theodor Herzls Genius neu geformten Idee haben diesen Schwung hervorgezaubert. Nicht der Einblick in das soziale Elend unserer „östlichen Glaubensgenosse n", sondern das explosive Wiedererwachen des in uns nur latent gewesenen jüdisch-völkischen Empfindens haben, allen Unterschieden zum Trotz, die nationale Verbrüderung des gesamten Jungjudentums im Sturme herbeigeführt und so eine wuchtige Inangriffnahme unseres Existenzproblems ermöglicht. Wir sind der Ueberzeugung, daß nur der Nationalismus uns zur endgültigen Lösung der vielgestaltigen Judenfrage führen wird. Würde sich uns aber selbst einmal der Gedanke aufdrängen, daß vielleicht doch unsere Gegner recht behalten könnten, die die praktische Durchführbarkeit des Zionismus bezweifeln — wir würden ja trotzdem nicht aufhören können, darum zu ringen. Denn wir würden es für tausendmal schöner und ehrenvoller halten, selbst einen aussichtslosen Kampf um die Zukunft unseres Volkes auf uns zu nehmen, als alle Kräfte daran zu setzen, unserem Judentum das nationale Grab zu schaufeln. Und weil in den kompakten jüdischen Massen selbst Westeuropas und Amerikas der jüdischnationale Wille von so ursprünglicher, Unbeirrbarer Lebenskraft getragen wird, eben deshalb hat der Gedanke einer konsequenten, uns alle