Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Article
- Lehrsammlungen für die Jerusalemer Universität
- Date
- 1914-05-15
- Page
- 477 (sequence 1)
- Language
- German
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die Imelt BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 20 BERLIN, 15. Mai 1914 .T'Dnn 'X 1"X 2"' /p^-Q XVIII. JAHRG. Lehrsammlungen für die Jerusalemer Universität Von Dr. Walter Steinitz Unlängst hat die Universitätskommission beschlossen, schon jetzt mit den Vorarbeiten zur Schaffung einer Bibliothek zu beginnen, in der Erkenntnis, daß erstens das Vorhandensein einer guten Bibliothek die Voraussetzung aller wissenschaftlichen, selbständigen Arbeit ist und daß zweitens eine Bibliothek nicht plötzlich zusammengekauft werden kann, sondern sich im Laufe der Zeit organisch entwickeln muß. Beide Erwägungen treffen nun in vollstem Umfange noch auf eine andere, bisher unberücksichtigt gebliebene Gruppe von Institutionen zu: auf die wissenschaftlichen Lehrsammlungen. Für viele Wissenszweige, wie Mineralogie, Botanik, Zoologie, Geologie u. a., ist das Vorhandensein ausreichender Sammlungen die unerläßliche Vorbedingung jeden Unterrichtes. Die gründlichste Beschreibung und die schönsten Abbildungen vermögen nicht die Untersuchung der Objekte selbst zu ersetzen, und dem Jünger dieser Wissenschaften wird der Mangel ausreichenden Demonstrationsmaterials weit fühlbarer als Lücken in der Büchersammlung. — Daß gute Lehrsammlungen sich ebensowenig wie eine Bibliothek von heut auf morgen zusammenkaufen lassen, sondern gleich jener langer Zeit zur Ausgestaltung bedürfen, versteht sich von selbst Hieraus aber folgt, daß wir unverzüglich an die Vorarbeiten zur Schaffung von Lehrsammlungen herantreten müssen. Es sei mir gestattet, an einigen Beispielen auf gewisse Möglichkeiten hinzuweisen, die sich für die verschiedenen Wissensgebiete in dieser Beziehung ergeben. Am einfachsten liegen die Verhältnisse natürlich dann, wenn das Wissensgebiet eng umgrenzt, das Material reichlich und die Arbeitskräfte in unseren Reihen zahlreich vorhanden sind. Dies träfe etwa zu für die pathologische Anatomie. Hier kommt es darauf an, dem Studenten an konservierten Leichenteilen jene Veränderungen der Organe zu demonstrieren, welche den verschiedenen Krankheiten zugrunde liegen. Nun haben so viele unserer Gesinnungsgenossen als Famuli, Praktikanten oder Assistenten an pathologischen Instituten, chirurgischen Kliniken usw. Gelegenheit, charakteristisch veränderte Organe zu konservieren oder auch für die mikroskopische Untersuchung vorzubereiten, daß es, wenn erst die Parole zum Sammeln ausgegeben ist, nicht allzu lange dauern kann, bis wir eine für die Zwecke des einführenden Unterrichtes durchaus brauchbare Sammlung zusammenbekommen haben. Schwieriger liegen die Verhältnisse da, wo wir mit einer nur geringen Zahl Sachverständiger in unseren Reihen zu rechnen haben, wie etwa bei der Geologie und ihren Hilfswissenschaften, der Gesteins- und Versteinerungskunde. Allzu gering dürfen wir die Zahl derer, die ohne eigentliche Fachmänner zu sein doch eine zum Sammeln charakteristischer Objekte ausreichende Sachkenntnis haben, nicht veranschlagen. Akademisch gebildete Landwirte, Lehrer der Naturwissenschaften, Interessenten an Steinbrüchen, am Hüttenwesen, am Bergbau, ja auch eine ganze Zahl von Naturfreunden, namentlich Hochtouristen, kommen hier in Betracht, und neuerdings wird in einzelnen höheren Schulen die Geologie soweit gepflegt, daß die Schüler zum Sammeln durchaus genügend vorgebildet sind. Zudem können auch diejenigen, die ohne ausreichende Fachkenntnis zu besitzen in geschäftlichen Beziehungen zur Steinbruch-, Erz-, Kalk¬ oder Kohlenindustrie stehen, durch Vermittlung der geschulten Beamten jener Betriebe leicht in den Besitz charakteristischer Gesteinsstücke oder Versteinerungen gelangen; denn es handelt sich für eine Lehrsammlung nicht um den Erwerb seltener und darum wertvoller Funde, sondern auf die allerhäufigsten, daher materiell wertlosen Stücke kommt es zunächst in erster Reihe an. Die Objekte der eigentlichen Geologie, die Ströme und Meere, die Gletscher und Vulkane usw. kann man nun freilich nicht in eine Lehrsammlung versetzen. Hier hilft sich der moderne Unterricht mit dem getreuesten und plastischsten Surrogat der Wirklichkeit, dem Lichtbild. Eine gute Sammlung von Diapositiven gehört darum zu den notwendigen didaktischen Hilfsmitteln. An ihrem Ausbau kann jeder photographierende Naturfreund unter uns mitarbeiten; namentlich unsere Hochtouristen, von denen viele ohnehin die Kamera stets mit sich führen, fänden hier ein dankbares Betätigungsgebiet. Da Angehörige unserer Organisation in allen fünf Erdteilen zerstreut wohnen, müßte es gelingen, eine Lichtbildersammlung von allergrößter Vielseitigkeit zusammenzubringen. (Daß das Lichtbild nicht nur für die Geologie, sondern überhaupt für Erd-, Länder- und Völkerkunde, für Ethnographie, Anthropologie u. a. Wissenszweige von hervorragender Bedeutung ist und daß sich so dem Amateurphotographen je nach seiner Neigung die Wahl zur Mitarbeit an verschiedenen Sammlungen bietet, sei in diesem Zusammenhänge nur nebenbei erwähnt.)