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Die Welt · 1914-05-08 · 19 (8.5.1914) · p. 466

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
19 (8.5.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-05-08
Page
466 (sequence 2)
Language
German
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466 Nr. 19 DIE2§KELT aus dem steten Zufluß neuer Arbeitskräfte erwächst. Ohne diesen Zufluß hätten Handel, Industrie und Landwirtschaft der Union sicher nicht den ungeheuren Aufschwung genommen, der die ganze Welt in Erstaunen gesetzt hat. Auch heute noch bildet die Masseneinwanderung die stärkste Bürgschaft für eine stetig fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung, da einzelne Industrien und besonders die Landwirtschaft immer noch auf "die eingewanderten Arbeiterheere angewiesen sind. So sind zum Beispiel in der Textilindustrie rund 80 v. H., in den Kohlenbergwerken 70, in den Chicagoer Schlachthäusern 80 v. H. eingewanderte Arbeiter beschäftigt. Schwieriger als die wirtschaftlichen sind die kulturellen Bedenken zu widerlegen, die gegen die Einwanderung als eine Störung des einheitlichen Amerikanertums und eine Gefährdung der »einheimischen Kulturi geltend gemacht werden. Schwieriger zu widerlegen nur deshalb, weil man es hier mit abstrakten Begriffen und subjektiven Anschauungen zu tun hat. . . . Zum Schutz der kaum definierbaren amerikanischen Kultur will die Burnett-Bill kraft des Bildungsausweises alle Analphabeten ausschließen. Als ob das Abc ein Beweis der Kulturbefähigung wäre! Gerade die wirklich unerwünschten Einwanderer, die Verbrecher und Degenerierten, werden durch die Bildungsprüfung nicht ferngehalten werden. Die Bildungsklausel hat denn auch nicht nur bei den im Lande ansässigen fremden Nationalitäten, sondern selbst bei vorurteilslosen Eingeborenen den stärksten Widerspruch erregt. Ein- *mal wegen der wirtschaftlichen Bedenken, dann aber auch im Hinblick darauf, daß eine Ausnahmebestimmung, wie sie die Bildungsklausel darstellt, ganz unvereinbar ist mit dem Geist der amerikanischen Verfassung. Diese Erwägungen werden letzten Endes wohl Herrn Wilson bestimmen, sich den Forderungen der Nativisten zu widersetzen, denen im Grunde weniger um ihre »nationale Eigenart' als um ihre politische Vorherrschaft im Lande bange ist." In einem eng begrenzten russisch-jüdischen Kreise wird seit einiger Zeit von neuem für das sonderbare Projekt einer russisch -jüdischen Universität in Westeuropa Propaganda gemacht. Schon vor zwei Jahren war von einer bestimmten Gruppe jüdischer Politiker in der russischen Hauptstadt dieser aussichtslose und untunliche Plan lanciert worden, erfuhr aber in der öffentlichen jüdischen Meinung einmütige Ablehnung. Nachdem nun der jüngste Zionistenkongreß die Schaffung einer hebräischen Universität in Jerusalem beschlossen hatte, fühlte sich die erwähnte Gruppe gedrängt, das verschollene Projekt wieder ans Licht der Oeffentlichkeit zu ziehen, um den verhaßten Zionisten „Konkurrenz" zu bieten und ihnen die Arbeit zu erschweren. Das publizistische Sprachrohr dieser kaum ernst zu nehmenden Bestrebungen ist die Zeitschrift. „Novy Woschod". In Nr. 14 und 15 unseres Bruderblattes „Rasswjet“ tritt nun D. Samo i 1 o w dem westeuropäischen Universitätsplan in folgenden trefflichen Ausführungen entgegen: „Wie ich mich überzeugt habe, wird die Gründung eines Fonds zur Schaffung einer jüdischen Universität in Westeuropa noch ernstlich in Erwägung gezogen. Insofern es sich um einen Hilfsfonds für unbemittelte jüdische Studenten in Rußland und im Auslande handelt, unterliegt derselbe nicht der öffentlichen Diskussion. Solch ein Fonds wird nie volkstümlich sein. Die jüdischen Massen bedürfen nur der Elementar- und der Gewerbeschulen. Ein Fonds zur Förderung »höherer Bildung' wird immer Sache einzelner Mäzene bleiben. Und nun eine jüdische Universität in Westeuropa! Kann man sich etwas Phantastischeres denken? Die Urheber dieses Projektes gehen von dem Standpunkt aus, daß der Prozentnorm in den russischen Universitäten entgegengewirkt werden muß. Es sind sich jedoch alle darüber klar, daß die Prozentnorm wohl nicht ewig bestehen wird, und dann wird die »westeuropäische' Universität aus Mangel an Studenten wieder aufgelöst werden müssen. Dabei wird der große Schaden außer acht gelassen, den diese Idee noch vor ihrer Verwirklichung bringen muß. Sie schwächt unseren Kampf um die Aufhebung der ,Prozentnorm'. Das Bestehen einer solchen Universität würde das Fortdauern der Einschränkungen in Rußland zur Folge haben und auch den Universitäten Westeuropas eine Handhabe zur Einführung von Beschränkungen bieten. Wurde ja dieser Plan bereits vor zwei Jahren erwogen und geriet bald wieder in Vergessenheit. Er wurde erst diesen Winter wieder aufgenommen, als die Zionisten beschlossen hatten, eine jüdische Universität zu errichten ... Es liegt unseren .National-Assimilanten' offenbar nicht einmal an der Verwirklichung dieses Projektes, sie wollen . . . nur die Kräfte zersplittern und die baldige Errichtung der Jerusalemer Universität erschweren. Wir wollen hoffen, daß alle denkenden Elemente der Judenheit diese Frage richtig auffassen werden. Eine Universität kann nur als ein dauerndes Institut, das aus den nationalen Lebensbedürfnissen erwächst, geschaffen werden, nicht aber als Abhilfe für ein vorübergehendes Uebel. Sie ist möglich in Palästina, wo sie das Zentrum des kulturellen Lebens der Gesamtjudenheit darstellen würde. Auch in Nordamerika könnte allenfalls von einer jüdischen Universität die Rede sein, insofern die nach Millionen zählenden dortigen Juden ihren nationalen Kulturcharakter wahren wollten. Ich nehme an, daß die zukünftige vollberechtigte russische Judenheit ihre eigene Universität schaffen könnte, sobald sie ihr eigenes nationales Leben führen möchte. In all diesen Fällen würde es sich um die Schaffung eines dauernden Institutes, eines immanenten kulturellen Zentrums handeln. Selbstverständlich würde auch dann eine Universität in Jerusalem das umfassendste Zentrum der nationalen Kultur darstellen, denn sie würde nicht irgendeinem Teil der Judenheit, sondern der Gesamtjudenheit dienen. Ich wollte hier nicht auf die Vorzüge der Universität hinweisen, die die zionistische Organisation ins. Leben rufen will, sondern nur auf die Leichtfertigkeit, mit der man wieder von der Gründung einer westeuropäischen Universität spricht. Man könnte sich ja damit trösten, daß nach kurzer Zeit der ganze Plan doch wieder in Vergessenheit geraten wird. Es ist indessen schade, daß unsere ohnehin nicht sonderlich großen Energien auch nur vorübergehend unnütz vergeudet werden." Der „Torgowo-Promyschlennyj Jug" („Der kaufmännische und industrielle Süden"), das Organ der südrussischen Kaufmannschaft, entwirft in einer seiner jüngsten Nummern folgende interessante Schilderung von der Entwicklung des Handels in Palästina: „Die Ergebnisse des letzten Balkankrieges zwingen das ottomanische Reich, seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf seine asiatischen Besitztümer zu richten. Diese können für die Besserung der materiellen Lage, für die Hebung der Macht und des Ansehens der Türkei von ungeheurer Bedeutung sein, nur müssen zuvor in den bisher vernachlässigten Provinzen viele wirtschaftliche und administrative Reformen durchgeführt werden. Die rein arabischen Länder der Türkei, Palästina und Syrien, weisen einen dauernden Zuwachs der Einwohnerzahl durch Einwanderung auf. Hierher strömen Juden aus Osteuropa, aus der Türkei selbst, aus Marokko, ja sogar aus Amerika. Diese Provinzen versprechen ein Zentrum der landwirtschaftlichen Kultur und später auch der industriellen Entwicklung zu bilden, wenn nur die türkische Regierung, die an dieser Entwicklung ein eminentes Interesse hat, zur Schaffung günstiger Bedingungen das ihrige beiträgt. Wir wollen uns im gegenwärtigen Augenblick nur auf Palästina beschränken. Seine wichtigsten Häfen sind Jaffa, Haifa, Gaza und Akko. Was den Hafen in Jaffa betrifft, besitzen wir genaue Angaben über dessen -Entwicklung in den letzten Jahren. Dies ist um so wesentlicher, als Jaffa zweifellos in dem Außenhandel Palästinas die wichtigste Rolle spielt. Im Jahre 1886

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