Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Das "Alljudentum"
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 455 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 455 &!E3ä£ELT für alle Zeiten als Galuthjuden unsere Existenz fortiühren könnten,, wir lehnten es ab, ein solches Dasein zu leben, weil es unseren nationalen Stolz und unsere persönliche Würde aufs tiefste beleidigt. Wir wollen nicht als Knechte fortleben, die sich vor den Demütigungen der anderen ducken müssen und in ihren wichtigsten nationalen Angelegenheiten abhängig sind vom Willen der Nichtjuden. Wir negieren das Galuthjudentiun, weil es nur ein halbes ist und sein kann; wir aber wollen das Ganze. Wir können uns nicht mit den Halbheiten, Inkonsequenzen und Zwiespältigkeiten des Galuthlebens abfinden, weil wir uns nach nichts tiefer sehnen, als endlich einmal wieder geschlossene, einheitliche Persönlichkeiten werden zu können. Wer sieht tnun nicht, daß diese ganze subjektive Motivierung der Galuthnegation geboren ist aus dem tiefen Sehnen starker Naturen? Ist es nicht gerade die Strenge unserer Postulate, dieses Alles oder Nichts, das wir fordern, was jedem, der zu uns kommen will, die größten Schwierigkeiten bereitet? Und da kommen die Alljuden und schimpfen uns blutlose, degenerierte Intelligenzler. Sie, die typischen Kompromißlematuren, die mit dem Galuth trotz seines entwürdigenden Daseins sich abfinden, die nicht die Kraft besitzen, diese unsere ganze Realität zu negieren und eine neue, andere, bessere an ihre Stelle zu setzen, die nicht Mut genug zum Ganzen, Vollen, Radikalen haben, sie, die „Realisten“ im schlimmsten Sinne dieses Wortes, nennen uns blutleer und kraftlos! .... Man dürfe nicht das Schicksal des jüdischen Volkes analog dem der normalen Völker gestalten wollen, sagen sie immer wieder. Dieses Schematisieren und Normalisieren der jüdischen Geschichte sei durchaus rationalistisch und verwerflich. Sie verstehen aber nicht, daß unser Streben nach Normalisierung unserer nationalen Existenz nichts anderes bedeutet als das Streben nach Schaffung von Daseinsbedinugngen, die eines freien, stolzen Volkes würdig sind. Weil wir die Kraft haben, aus einem Sklavendasein heraus zur Freiheit zu streben, schimpfen sie uns degeneriert. Gewiß sind wir in gewissem Sinne degeneriert, wie die meisten modernen Juden. Aber wir haben doch den Willen, die Degeneration zu heilen, die Kraft, an einer wahrhaften Regeneration, an einer vollen Erneuerung des Judentums, zu arbeiten; sie dagegen statuieren die Degeneration als unabänderlich und gut. Sie, die Bejaher eines Daseins voller Anomalie und Entwürdigung, wollen sich uns, den kraftvollen, jugendstarken, feuerdurchflammten Verneinern dieses Daseins gegenüber als die gesunderen und urwüchsigeren Naturen aufspielen! III. Noch einen dritten Vorwurf machen uns die Alljuden. Und dieser ist der allein beachtenswerte. Sie sagen, der Zionismus sei undemokratisch, sei aristokratisch, volksfeindlich. Diesen Vorwurf muß man näher prüfen, denn er allein erklärt überhaupt die Entstehung des Alljudentums. Fragt man sich nämlich, wieso diese verschrobene Theorie entstehen und um sich greifen konnte, so wird man die vornehmste .Ursache hierfür in gewissen Fehlem der zionistischen Gegenwartsarbeit im Osten finden müssen. Denn — das muß immer wieder betont werden — nur im Osten hat das Alljudentum überhaupt Sinn und Bedeutung. Das halbe Dutzend seiner Vertreter in Deutschland ist vielleicht interessant als Episode, ernste Bedeutung kommt ihm nicht zu. Im Osten jedoch basiert das Alljudentum auf einer Art Massenbewegung, die zwar noch nicht organisiert, aber doch bereits im Entstehen begriffen ist. Und dort bildet den eigentlichen Grund der Entstehung dieser Bewegung die in einigen Punkten wirklich undemokratische Politik des Zionismus. Nun muß von vornherein betont werden, daß der Vorwurf des Undemokratischen, wenn er gegen die Theorie, gegen die letzten Ziele des Zionismus gerichtet wird, durchaus unberechtigt ist. Denn der Zionismus will ja keine Heimstätte lediglich für die jüdische 'intelli- gente Oberschicht schaffen, sondern für das jüdische Volk. Und die Lösung der ökonomischen Judenfrage, also das Hauptproblem der jüdischen Massen, ist und bleibt seine erste und vornehmste Aufgabe. Verständlich wird also der Vorwurf des Aristokratischen, Undemokratischen nur, wenn man ihn gegen die zionistische Arbeit und Politik erhebt. Und in dieser Form muß man ihm eine gewisse Berechtigung zuerkennen. Der Zionismus hat in den letzten Jahren unter dem rascher gewordenen Tempo unserer palästinensischen Arbeit die Gegenwartsarbeit, die Arbeit in den Ländern der Diaspora, vernachlässigt, in Osteuropa viel mehr vernachlässigt als in Westeuropa, während doch gerade im Osten die Gegenwartsarbeit viel wichtiger und dringender ist als im Westen. An all den bedeutsamen Problemen, die das innere Leben der russischen Judenheit bewegen, hat der russische Zionismus nicht genügenden Anteil genommen. Ich denke da vor allem an das Problem der jüdischen Schule. Im russischen Judentum geht jetzt ein großer Prozeß vor sich: eine neue jüdische Volksschule ist im Entstehen begriffen. Der alte Gheder stürzt, die allgemeine russische Schule ist der jüdischen Jugend verschlossen, so ergibt sich die Notwendigkeit, eine eigene jüdische Schule zu schaffen. Wie wichtig die Arbeit auf diesem Gebiete ist, das die Grundfrage aller jüdischen Gegenwartsarbeit, die Erziehungsfrage, betrifft, braucht nicht bewiesen zu werden. Umso unbegreiflicher ist es, daß der russische Zionismus an der Lösung dieser Frage nicht den Anteil nimmt, der ihm als der nationalen Volksbewegung zukäme. Zu diesem einen Fehler nicht genügender aktiver Teilnahme an den innerjüdischen Fragen des russischen Judentums kommt noch ein anderer, schwerwiegenderer, weil prinzipieller, hinzu: der russische Zionismus betreibt heute zum Teil eine völlig verkehrte Politik in seiner Stellung zum Jiddischen. Ich will nicht geradezu behaupten, daß unsere führenden russischen Gesinnungsgenossen prinzipiell dem Jiddischen feindlich gesinnt sind, aber faktisch haben sie bisher sehr wenig für jiddische Arbeit getan. Dies aber ist ebenso unberechtigt wie verhängnisvoll. Unberechtigt: Denn noch ist das Jiddische die Sprache eines großen Teiles der jüdischen Massen, noch ist es nötig auf diese durch die jiddische Sprache und Literatur zu wirken. Außerdem aber ist es auch zionistische Pflicht, alles, was zur Erhaltung des Jiddischen getan werden kann, zu tun. Degn wo immer auch das Jiddische verdrängt wird, sein Nachfolger wird nicht Hebräisch sondern Russisch, und daß wir als Zionisten bei der Eventualität: Russisch oder Jiddisch uns aus nationalen Gründen für das Jiddische entscheiden müssen, ist doch wohl hinreichend klar. Verhängnisvoll aber ist diese Haltung des russischen Zionismus dem Jiddischen gegenüber darum, weil er dadurch den Massen entfremdet wird und so tatsächlich in die Gefahr kommt, reine Intelligenzlerbewegung und aristokratisch zu werden. Es ist — um dies an einem Beispiel zu illustrieren — ein schwerer Fehler, daß der Zionismus in Rußland wohl eine hebräische und russische Presse besitzt, 4 aber über keine Jargonpresse verfügt und sich auch gar nicht! darum bemüht hat, sich eine solche zu schaffen, während doch die Massen in erster Linie die Jargonpresse lesen. (ln diesen Wochen erst geht man daran, eine zionistische jiddische Wochenschrift zu gründen.) So ist es gekommen, daß die Massen uns zu einem Teil entfremdet wurden und daß sich in manchen Kreisen eine starke Unzufriedenheit mit dem Zionismus bemerkbar macht. Diese Unzufriedenheit will sich das Alljudentum zunutze machen. Die Führer der Bewegung — samt und sonders reine Intelligenzler — hoffen, auf der Basis dieser Unzufriedenheit mit dem Zionismus eine neue große Massenbewegung zu schaffen, die den Zionismus vernichten und ablösen soll Diese Hoffnung ist freilich naiv und aussichtslos. Auf der Basis solch zerbrechlicher und sinnloser Theorien, wie sie das Alljudentum darstellt, lassen sich keine großen Volksbewegungen ins Leben rufen. Denn eine Volksbewegung bedarf vor allem zweier Voraussetzungen: eines hohen Ideals und eines klaren Programmes. Beides fehlt dem Alljudentum. Sein Ideal ist ein schwächliches Kompromiß mit der Realität, und sein Programm ein unklares und konfuses Gemenge, in dem nur ein einziges deutlich ist: Jiddisch als Volkssprache. Daß aber mit dieser einen Parole keine jüdische Volksbewegung entstehen kann, die alle Teile des jüdischen Volkes zu umfassen vermag, versteht jedes Kind. Welches lebendige Interesse haben die Westler am Jiddischen, welches die Sephardim? Dieses Alljudentum mit dem stolzen Namen ist de facto alles andere als ein Alljudentum. Es ist lediglich das Produkt einer kleinen Zahl von Intelligenzlern, gestützt auf Empfindungen eines Teiles der osteuropäischen Massen, also eine reine Parteibewegung. Darum haben wir von dem Alljudentum nichts zu befürchten. Als Theorie sinnlos, wird es als praktische Bewegung bald scheitern und nichts als eine Episode bleiben. Vorausgesetzt natürlich, daß wir aus dieser Episode lernen, daß wir in manchen wichtigen Punkten unsere Arbeit in