Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Das "Alljudentum"
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
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diex&elt Nr. 19 454 ostjüdische Intelligenz hat wohl meist einen reicheren jüdidischen Fonds als die westjüdische, weil sie aus einem noch mit starken jüdischen Werten durchsetzten Milieu stammt. Aber im Wesen ist sie ebenso assimiliert, wie die west jüdische Intelligenz. „Sicherlich hat der ostjüdische Intelligenzler einen anderen jüdischen Personalwert als sein Kollege, der keinen hebräischen Buchstaben mehr zu lesen vermag, dem das ganze Judentum ein Buch mit sieben Siegeln und das jüdische Volk eine ferne, ferne Menschenklasse ist. Allein der Boden, auf dem sie sich treffen, nivelliert die verschiedenen Werte, und zwar zugunsten des Unjuden und zuungunsten des Juden. . . Es kommt nicht darauf an, ob einer mit viel, wenig oder null Judentum in die aus Selfmademen und Epigonen der Aufklärung gemischte Gesellschaft eintritt, die man heute ostjüdische Intelligenz nennt. Entscheidend ist, daß alle Eintretenden bewußt oder unbewußt an dem Effekt dieser Gesellschaft — Wegwischung ganzer Generationen von Intelligenzlern aus dem Kräftebudget der Ostjudenheit — arbeiten . . . Trotz alledem aber wird man von der ostjüdischen Intelligenz, wie sie sich bisher entwickelte, als von einem Stück Westjudentum mitten in der Ostjudenheit sprechen dürfen, ohne sich eines zu großen Fehlers schuldig zu machen." Der Zeuge, dem ich diese Worte entnehme, ist — Mathias Ach er (Januarheft 1914 der Freistatt, Mathias Acher: Noch einmal Ost- und Westjudentum). Gegen seine Autorität wird wohl kein Alljude mehr die Behauptung von der wesensgleichen Art der ost- und westjüdischen Intelligenz bestreiten wollen. Beweist aber nicht gerade die innerhalb der jüdischen Intelligenz einsetzende Rückkehr zum Judentum, beweist nicht gerade die nationale Bewegung, daß die Assimilation nicht die notwendige Folge der Emanzipation ist, vielmehr überwunden werden kann? Dieser Beweis ist nur scheinbar. Denn daß der emanzipierte Jude jüdisch-national fühlt, er, der doch geistig und kulturell in einem fremden Milieu wurzelt, ist wirklich eine Anomalie, eine Ausnahme von den gesunden und natürlichen Zuständen. Wir ermöglichen diese Anomalie denn auch nur auf Grund einer äußersten Anspannung unserer Energie und unseres Willens; der emanzipierte Jude, dem das nationale Judentum lebendige Realität sein soll, muß stets in einem Zustande höchster Anspannung leben, muß bewußt und gewollt einseitig sein; und auch dann — gerade dann — ist er stets nur halb, weil im Galuthleben die Möglichkeiten zum wahrhaften volljüdischen Leben fehlen. Wir fordern aber diese stete Anspannung unseres Willens als Uebergangszustand, der die einzige Möglichkeit bildet, um die Bedingungen zu einem natürlichen jüdischen Leben zu schaffen. Diesen anormalen Zustand als Garantie unserer Existenz und als Lösung der Judenfrage anzusehen, wäre jedoch absurd. Und nun frage ich: Welche Macht der Welt soll imstande sein, den überall bisher erfolgten Werdegang des Galuthjudentums vom Ghettojudentum durch die Emanzipation zur Assimilation hin zu ändern? Wo ruht die Kraft, die es bewirken könnte, daß für die jüdischen Massen Osteuropas, die noch vor der Emanzipation stehen, für die sie doch aber früher oder später kommen muß — und wie auch die Alljuden sagen: kommen soll — diese Emanzipation nicht die Assimilation herbeiführen wird? Das nationale Bewußtsein genügt doch offenbar nicht, um diese Aenderung der historischen Entwicklung zu bewirken. Denn national bewußt sind die Ostjuden schon seit langem. Trotzdem verfällt ihre Intelligenz entweder ganz der Assimilation oder bewahrt bestenfalls nur den Willen zum Judentum? Woher also die Kraft, die diesen Prozeß auf halten und ändern soll? „Jiddisch“ antworten die Alljuden. Die jiddische Sprache und Kultur wird diesen Kausalzusammenhang von Emanzipation und Assimilation zerreißen und die Schaffung einer emanzipierten, aber doch volljüdischen Welt im Galuth ermöglichen. Was ist nun aber dieses „Jiddisch" anderes als eines der Produkte des Ghettojudentums? Wie sich dieses seine besonderen Lebensformen, seine besondere Weltanschauung schuf, so auch seine besondere Sprache. Und es ist klar, daß mit |dem Fall des Ghettojudentums auch seine Produkte, mit ihnen auch das „Jiddisch", fallen muß. Diese Einsicht, die für jeden wirklich historisch denkenden Menschen so selbstverständlich ist wie nur etwas, wird auch durch die realen Verhältnisse hundertfach bestätigt. Ich brauche hier nicht wieder auf alle Erscheinungen hinzuweisen, die dieses unaufhaltsame Schwinden des Jiddischen beweisen. Die ostjüdische Intelligenz hat zum größten Teile dem „Jiddischen“ den Rücken gekehrt, im Moment, wo die Massen emanzipiert sind, tun sie dasselbe: die Kinder der Eltern, die noch Jiddisch sprechen, entsagen dieser Sprache, sobald sie eine allgemeine Schule besuchen. Es ist statistisch nachgewiesen, daß die russische Presse und Literatur die jiddische immer mehr verdrängt, daß die Kinder der Emigranten in Amerika meist nur englisch sprechen. Diese Tatsachen lassen sich beliebig häufen, sie genügen aber. Denn für einen logisch und historisch denkenden Menschen ist das später oder früher notwendig bedingte Schwinden des Jiddischen etwas Selbstverständliches. Und zu alledem! kommt noch eins hinzu: Dieses Alljudentum, das scheinbar demokratisch allen Bedürfnissen der Massen entgegenkommen will, ist selbst areligiös, d. h. sucht die. Grundlage des Ghettojudentums zu untergraben. Daß aber bei dem größten Teile der wirklichen jüdischen Massen die Bewahrung des Jiddischen eng verknüpft ist mit dem Festhalten am Schulchan Aruch, daß diese Massen sich heftig dagegen sträuben, das eine aufzugeben und das andere zu bewahren, vielmehr konsequenterweise mit dem einen meist auch das andere preisgeben, all dies schert die „Realisten" und Geschichtsphilosophen der „Freistatt" nicht im geringsten. So stellt sich die historische Kritik des Alljudentums an der zionistischen These von der Negation des Galuth als das Produkt der krassesten unhistorischen Denkweise dar. Völlig verständnislos für das Wesen des Ghettojudentums und damit für die Entwicklung des Galuthjudentums halten die Alljuden eine Emanzipation ohne nachfolgende Assimilation für möglich, wollen sie die Erhaltung eines der Produkte des Ghettojudentums, der jiddischen Sprache, auch über den Fall des Ghettojudentums samt all seinen übrigen. Produkten hinaus. Durch das rein bewußte Festhalten am Jiddischen, durch ein rationales Bekenntnis zum Jiddischen als Nationalsprache soll ein historischer Prozeß, den eine 2000 jährige Entwicklung als notwendig erwiesen hat, aufgehalten werden: ein typisch rationalistischer Glaube, ähnlich dem, der die Führer der französischen Revolution bestimmt hat, an die Stelle aller alten Götter die neue Gottheit der Vernunft zu setzen: durch ein Dekret sollen historische Notwendigkeiten beseitigt, durch eine rationale, bewußte Entscheidung soll ein historischer Prozeß eliminiert werden. Typisch rationalistisch aber an den Alljuden ist noch ein anderes: ihre Verständnislosigkeit für Zion. Sie können als kalte Logiker nicht begreifen, welche ungeheuere Bedeutung die Erinnerung an Zion, die Hoffnung auf Zion seit 2000 Jahren bis zum heutigen Tage im seelischen Leben des Juden besitzt. Für sie ist Palästina ein Land wie andere Länder, ein „kleines Ländchen am Mittelländischen Meer." Und wenn man liest, wie diese Leute die Farmerbewegung in Amerika höher bewerten als die gesamte Kolonisation Palästinas, dann hat man in dieser einen Ansicht den stärksten Beweis des seichtesten, tätlichen Rationalismus, der sie kennzeichnet. Und trotz dieser kindisch-naiven Art von Geschichtsauffassung, trotz dieser flach-rationalistischen Art ihres Denkens, wagen sie es, uns den Vorwurf der unhistorischen, rationalistischen Denkweise zu machen. Wir, die eigentlichen Bekämpfer der Haskalah (Herr F. M. Kaufmann möge in der Geschichte der hebräischen Literatur Nachlesen, wer die Ueberwinder der Haskalah sind; er wird finden, daß es zum größten Teil die Väter der modernen zionistischen Bewegung waren), wir, die Ueberwinder des flachen Rationalismus des Assimilationsjudentums, müssen uns von den überspannten Rationalisten der „Freistatt", deren Rationalismus teilweise schon in sein Extrem, in ungesunde Romantik, umgeschlagen ist, — blutlose Intelligenzler, bläßliche Rationalisten, und wie die ganze Nomenklatur der „Freistatt" lautet, schimpfen lassen. Wahrlich, so schwach auch das Alljudentum in seiner theoretischen logischen Begründung ist, so stark ist seine publizistische Taktik in der Kunst, die Dinge zu entstellen und Wesenstnängel, an denen man selbst krankt, dadurch zu verhüllen, daß man sie anderen vorwirft. II. In bezug auf das zweite, subjektive, willenmäßige Fundament der These von der Negation des Galuth gilt dasselbe von der alljüdischen Kritik. Wir Zionisten — dies besagt das subjektive Fundament — wollen gar nicht die ewige Fortexistenz des Galuthjudentums. Selbst wenn es möglich wäre, daß wir