Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Article
- Die Resolution des Wandervogels
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 439 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 DIBBELT - 439 Ghetto entronnen ist, für jeden Juden, dem die Ehre seines Volkes etwas wert ist, kann es nicht zweifelhaft sein, daß die Parole lauten muß: Heraus aus dem Wandervogel! Berlin. Ueber den „Antisemitismus in der ,WandervogeF- Bewegnng“ sprachen die Herren Dr. Klee, Goslar und Greifenhagen am 27. v. M. in einer von fast 1000 Personen besuchten Volksversammlung, die der „Neue Jüdische Gemeindeverein“ einberufen hatte. Die Versammlung, zu der auch Mitglieder des „Wandervogel E. V.“ wie auch der paritätischen „Wandervogel“-Vereine in großer Anzahl erschienen waren, nahm einen ungewöhnlich interessanten Verlauf. An die drei Referate schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion, in der Herr Berger den Standpunkt der paritätischen „Wandervögel“ vertrat und Herr Hecht in sachlicher und interessanter Weise die Entwicklung des „Wandervogels“ unter dem Gesichtspunkte eines liberalen Deutschen und Gegners jeglicher Nationalitätenpolitik behandelte. Die Frankfurter Beschlüsse des „Wandervogels“ verteidigte Herr Wallert. Von zionistischer Seite sprach entschieden und wirksam Herr Dr. Witkowsky, indes die Herren Referendar Felix Rosenöl ü t h und Glaser unter dem stürmischen Beifall der Versammlung für die jüdischen „Blau-Weiß“-Vereine eintraten und unter Anerkennung der prinzipiellen Haltung des „Wandervogels E. V.“ das rohe antisemitische Gebaren der „Führerzeitung“ und die Unwahrhaftigkeit des Frankfurter Beschlusses geißelten. Als die Versammlung um 12 Uhr schloß, war die Rednerliste noch bei weitem nicht erschöpft, so daß beschlossen wurde, die Diskussion auf eine demnächst einzuberufende neue Versammlung zu vertagen. Der höchst interessant und anregend verlaufene Abend dürfte der „Blau-Weiß“- Bewegung manche neue Freunde gewonnen haben. i':»iii»i»»il»»i»»»>l»»»»»»»i»ii»i» REVUE DER PRESSE iiiiiiimiiiiiiiiiiiiiimimmiiimmumimiMimimiimiiiimimmimimaüicMMMiiüiiimmmiimiimmimmmmmiimiiii ln Nr. 14 des „Rasswjet“ veröffentlicht Herr Dr. 1. Stein aus Elisabethgrad, einer der Gründer und bekanntesten Mitglieder der J. T. O., einen überaus interessanten Brief. Nachdem er die Momente anführt, welche die Territorialisten seinerzeit veranlaßt haben, auf dem 7. Kongreß die zionistische Organisation zu verlassen und die J. T. O. zu gründen, schreibt Herr Dr. Stein: „Als wir die J. T. O. organisierten, hatten wir ein bestimmtes Land im Auge: Uganda. Der weitere Verlauf der Dinge hat aber bewiesen, daß, nachdem der Kongreß sich gegen Uganda ausgesprochen hatte, dieses Gebiet für unser Volk endgültig verloren war. Wir begaben uns nun auf die Suche nach einem anderen passenden Territorium. Der Reihe nach gingen Cyrenaica, Australien, Mesopotamien und zuletzt Angola an uns vorüber. Während wir die Erdkugel absuchten (dies währt schon neun Jahre lang), haben wir den größten Teil unserer Anhänger verloren. Ohne ein bestimmtes Land standen wir als haltlose Schwärmer da. Ohne eine Volksorganisation und ohne dauernde Institutionen waren wir ein kopfloser Rumpf. Sämtliche Territorien, die wir erforschen ließen, wurden uns als einer Organisation von den Regierungen nicht angeboten, und wenn sie überhaupt, wie Angola, den Juden angeboten wurden, so geschah dies auf Grundlagen, die unseren Statuten widersprachen. Die Erfahrung in der Erforschung von Territorien hat uns folgendes gelehrt: 1. daß von einer Massenkolonisation auf neuem Boden, woran wir seinerzeit gedacht haben, nicht die Rede sein kann; 2. daß ganz unbewohnter Boden, der für eine europäische Kolonisation vollkommen geeignet wäre, gar nicht existiert; 3. daß wir nicht imstande sind, irgendein Territorium zu besiedeln, ohne die Hilfe der Eingeborenen in Anspruch zu nehmen; 4. daß zur Kolonisierung eines neuen Territoriums enorme materielle Mittel, die nach Hunderten von Millionen zählen, notwendig sind, daß wir diese jedoch weder im gegenwärtigen Momente besitzen, noch in absehbarer Zukunft erlangen können; 5. daß jede Besiedelung eines neuen Territoriums viele Menschenopfer erfordert (der Kampf mit den Eingeborenen und mit der Natur), so daß opferfreudige Pioniere erforderlich sind; und 6. daß kein einziger Staat uns einen Charter auf eine autonome Kolonie geben wird. Nachdem wir die Verhältnisse genauer kennen gelernt hatten, schränkten wir allmählich auch unsere Forderungen ein und nahmen von einem Charter und von der Autonomie Abstand. Und nun stellte ich mir die Frage: Warum kann denn Palästina für uns Territorialisten nicht ein ebenso wünschenswertes Territorium darstellen, wie Angola oder Cyrenaica? Ich habe im Gedanken alle die üblichen Einwendungen gegen Palästina erwogen, und ging dann hin, unsere historische Heimat kennen zu lernen. Ich habe mich überzeugt: 1. daß Palästina keine Wüste darstellt, sondern ein gesegnetes, fruchtbares Land ist, das auf unsere Arbeit und unser Kapital wartet, um aufzuerstehen und wiederum ein jüdisches Zentrum zu werden; 2. daß Palästina in klimatischer Hinsicht unserer Kolonisation gar keine Schwierigkeiten bietet; 3. daß Palästina sehr schwach bevölkert ist und bei vernünftiger Kolonisation mehr als eine Million unserer Mitbrüder ernähren kann; 4. daß die Eingeborenen in der ersten Zeit unserer Ansiedelung uns nur von Nutzen sein können; 5. daß alle bisher bestehenden Hindernisse entweder bereits beseitigt, oder leicht zu beseitigen sind; b. daß die heiligen Stätten anderer Völker kein Hindernis unserer Ansiedelung im Lande bilden; 7. daß in Palästina gesunde Grundlagen für eine landwirtschaftliche jüdische Kolonisation bereits geschaffen sind; S. daß Palästina zweifellos schon jetzt zu unserem geistigen und kulturellen Zentrum wird, insbesondere zum Zentrum der Renaissance unserer Sprache, durch die unsere Brüder, die sich bisher in verschiedenen Sprachen verständigen mußten, kulturell vereinigt werden, und 9. daß der Jude sich nirgends so frei fühlt wie in Palästina und daß ihm nirgends eine so weitgehende kulturelle Autonomie wie dort gewährt wird. Als unser verstorbener großer Führer Herzl auf dem 6. Kongresse ausrief: „Laßt uns nach Ostafrika gehen!“, hat er uns vorher mitgeteilt, daß seine Hoffnung, für Palästina einen Charter zu erlangen, völlig verloren sei; das Versprechen eines Charters für Uganda hatte er indessen in der Tasche. Unter diesen Bedingungen schien uns politischen Zionisten die Verkündigung unseres Führers vollkommen erklärlich und logisch. Im gegenwärtigen Moment besitzen wir jedoch keinen Charter für irgendein Territorium, und es ist ein solcher, soweit man voraussehen kann, auch in Zukunft nicht zu erwarten; ohne Charter jedoch, beim System der Infiltration, hat Palästina entschieden das Vorrecht vor jedem anderen Lande. Ich nehme mir daher die Freiheit, auszurufen: „Laßt uns nach Palästina gehen!“ Ich schlage meinen territorialistischen Gesinnungsgenossen vor, auf der nächsten Konferenz anstatt des Angola-Projektes das Palästina-Projekt zur Besprechung vorzulegen. Ich stimme im voraus für Palästina.“ Im Märzheft der hebräischen Zeitschrift für wissenschaftliche und praktische Landwirtschaft „Hachaklai“ (Jaffa) wird die erschöpfende und sehr lehrreiche Darstellung der modernen landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte (mit Illustrationen) fortgesetzt. Abgesehen von dem praktischen Nutzen dieser Publikation für den jüdischen Kolonisten in Palästina bedeutet die Artikelreihe auch eine sehr schätzbare Bereicherung der hebräischen Terminologie. Der Agronom J. Feldmahn in Rechoboth schreibt über die Aufgaben des Agronomen in Palästina. Er schlägt vor, daß je drei bis vier benachbarte 9999924