Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · p. 438

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Article
Die Resolution des Wandervogels
Date
1914-05-01
Page
438 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316643-3353887--60479-3353989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

438 Nr. 18 - - - — DIEMKE LT ■ DIE RESOLUTION DES WANDERVOGELS Von Dr. Ernst Hamburger, Berlin Wie wir bereits kurz berichteten, wurde während der Ostertage der Bundestag der „Wandervogels-Vereine in Frankfurt a. O. abgehalten. Er faßte folgenden prinzipiellen Beschluß zur „Judenfrage“ im „Wandervogel": Der „Wandervogel" (E. V.) ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Die Bundesleitung hat darüber zu wachen, daß die Satzungen beachtet werden. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht aufgenommen werden. Sie wird alles tun, um zu verhindern, daß im ,Wandervogel* die Religion oder die Rasse der Juden beschimpft werden. Andererseits denkt die Bundesleitung nicht daran, die persönliche Freiheit der einzelnen ,Wandervogel* - Vereine einzuschränken. Sie lehnt es also entschieden ab, da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Rasseneigentümlichkeiten mit der Art des ,Wandervogels*, die aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangen ist und in der deutschen Vergangenheit wurzelt, unverträglich erscheinen.“ Aus dem ersten Jahresbericht des Jungdeutschlandbundes konnte man die Tatsache feststellen, daß 32 Verbände ihm angeschlossen sind, deren Tendenzen und Richtungen bei aller Mannigfaltigkeit doch einen starken Einschlag von Gruppen wie der deutsch-nationale Handlungsgehilfen verein zeigten. Beachtete man ferner die ebenfalls aus dem Jahresbericht hervorgehende Neigung zur engsten Allianz mit der Schicht der hohen Militärs und der regierenden Bureaukratie, so konnte man sich der schwersten Bedenken nicht entschlagen, wenn man auch den Wandervogel in dieser Gesellschaft erblickte. Gewiß konnten allein Opportunitätsgründe dafür maßgebend sein, dem Schoßkind der Regierung, dem Jungdeutschlandbunde, Heeresfolge zu leisten; aber gerade bei einem neutralen Vereine lag die größte Gefahr vor, daß er in die Gedankenrichtung der von der Gesinnung der regierenden Kaste doch sicherlich bei solch enger Verbindung und hoher Protektion nicht unbeeinflußten Jungdeutschen und damit auch in antisemitisches Fahrwasser geraten könnte. Falls man nicht die Annahme vorzog, daß mächtige Strömungen innerhalb des Wandervogels diesen Anschluß an den Jungdeutschlandbund im Sinne ihrer Richtungen schon vorbereitet und durchgesetzt hatten. Es ist bekannt, daß der Wandervogel den in den meisten anderen Fällen zwar sicheren, aber doch langsam verlaufenden Uebergang von der Neutralität zum Antisemitismus mit reißender Schnelligkeit machte, und man wird besonders die Beschleunigung des Tempos dieser Umwandlung auf das Konto des Milieus zu setzen haben, in das der Wandervogel Einlaß begehrte und fand. Nur wenige Monate sind verstrichen seit den ersten judenfeindlichen Aeußerungen der Wandervogel- Führerzeitung, die in der Roheit des Tones und dem Tiefstände ihrer Ausführungen sich würdig mit den schlimmsten Erzeugnissen des Radau-Antisemitismus messen können, — nur wenige Monate sind seit ihrem Erscheinen verstrichen, und schon haben diese damals angeblich privaten, angeblich auf eigene Faust innerhalb des Wandervogels erschienenen Schmähartikel ihre offizielle Abstempelung durch den Bundestag der Wandervogelvereine erhalten. Denn grundsätzlich antisemitisch ist der Beschluß, der Ostern zu Frankfurt a. O. gefaßt worden ist. Für diese Tatsache ist es vollständig gleichgültig, daß die Bundesleitung „unter keinen Umständen dulden“ kann, „daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht aufgenommen werden**. Wenn sie es in derselben Resolution „entschieden“ ablehnt, „da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß die Aufnahme von Juden ablehnt**, so stellt sie sich zweifellos auf den Standpunkt der Berechtigung von Zurückweisungen von Juden auf Grund antisemitischer Gesinnung. Selbst wenn jetzt 100 % der Ortsgruppen die Aufnahme von Juden „von Fall zu Fall“ ablehnen, wird die Bundesleitung gemäß der Resolution nicht einschreiten, wofern nur die einzelnen Ortsgruppen nicht die Dummheit begehen, auszusprechen was ist; wofern sie sich nur hübsch an die Ablehnung jedes einzelnen Juden im konkreten Falle halten und es vermeiden, solche prinzipiellen Zurückweisungen des einzelnen auf die Formel einer grundsätzlichen Ablehnung der Juden als Gesamtheit in abstracto zu bringen. Ist es doch auch viel bequemer, solches Gewohnheitsrecht in der Stille walten zu lassen, als durch überflüssige laute' „allgemeine Beschlüsse** eine allzu große Aufmerksamkeit der Presse zu erwecken! Auch das preußische Offizierkorps ist nicht grundsätzlich antisemitisch: es lehnt nur von Fall zu Fall ab, Juden in seine Reihen aufzunehmen; auch der preußische Staat weiß sich frei vor. jeder prinzipiellen Feindschaft gegen die Juden: von Fall zu Fall nur entschließt er sich, den Juden den Zugang zu den höheren Stellen der Beamtenlaufbahn zu versperren. Kann es etwas Lächerlicheres geben als die Resolution des Wandervogels? Bis jetzt konnte man die offenen Wortführer und die geheimen Befürworter des Antisemitismus in Deutschland unterscheiden. Jene traten für eine grundsätzliche Stellungnahme gegen die Juden und eine Beschneidung ihrer staatsbürgerlichen Rechte ein; diese leugneten glatt eine Zurücksetzung der Juden und hatten für jeden Einzelfall, den man ihnen nachweisen konnte, zahlreiche andere Erklärungsgründe, wie z. B. die berühmte Eiertante des Herrn von Heeringen, parat. Die wirkliche Praxis aber, wie sie sich herausgebildet hatte, zu verteidigen, fand bisher keiner den Mut. Grundsätzliche Gleichberechtigung, die in jedem Einzelfall aufgehoben wird, dies ist die Krone aller Sophistik. Kaltblütig in einer Resolution für ein solches „Prinzip** offen einzutreten, hat zuerst der Wandervogel fertig gebracht, die Organisation der Jugend, bei der man Offenheit und Ehrlichkeit am allerersten noch erwarten sollte. „Es ist“, so bemerkt mit Recht der „Vorwärts**, „eine Schande für die Männer, in deren Hand die Leitung des Wandervogels liegt, daß sie ihre eigene erbärmliche Leisetreterei, die man nach ihrem Schielen nach oben und ihrer treudeutschen Titeljägerei ja allmählich gewöhnt ist, der ihr anvertrauten Jugend ins Blut impfen**. Für die Phrasenhaftigkeit und Hohlheit, der Gesinnung, die sich an Stelle des anfänglichen Idealismus im Wandervogel breitgemacht hat, ist es bezeichnend, daß man am Schlüsse der fast einstimmig debattelos angenommenen Resolution einen Nebensatz über die „Art des Wandervogels, die aus dem Tiefsten deutschen Wesens hervorgegangen ist“, anzuflicken gewagt hat. Mit solchen Worten eine derartige Entschließung zu beenden, wie sie hier gekennzeichnet worden ist, heißt seiner selbst spotten. Diejenigen deutschen Juden, die noch immer dem Wandervogel treu geblieben waren, trotz der Schmähungen der Führerzeitung, werden jetzt hoffentlich einsehen, daß für ihre Kinder kein Platz mehr in dieser „neutralen** Vereinigung ist. Die jüdische* Wanderbewegung ist auf dem Marsche, war es schon, bevor sich die ersten Anzeichen des Sturms im Wandervogel bemerkbar machten. In ihr, im Wanderbunde Blau-Weiß ist der Platz für die jüdische Jugend! Für jeden Juden, der der verpesteten Luft des geistigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.