Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Article
- Nathan Birnbaum
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 434 (sequence 1)
- Language
- German
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434 —= DIE^ELT=^=^- Nr. 18 NATHAN BIRNBAUM Von Leo Herrmann*) In wenigen Tagen wird Nathan Birnbaum ein Fünfzigjähriger. Das ist ein Anlaß, wieder einmal die Linie dieses Lebens zu überschauen, der ich trotz aller einschneidenden Differenzen in den Anschauungen über jüdische Entwicklung und jüdische Zukunft mit unveränderter Ehrfurcht, ja Liebe folge. Und wieder, wenn ich die Schriften auch seiner letzten Jahre zusammenfassend betrachte, sehe ich in seinem heißen Lieben und Hassen, seinem Denken und Tun doch die Kraft der vollen Persönlichkeit, die sich nicht aus ihrem Weg drängen läßt. Diesmal kommt es weniger darauf an, was an Nathan Birnbaums Werk, an seinen Anschauungen über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Judentums objektiv richtig ist und sachlicher Kritik standhält. Zwar erschienen mir immer die Auseinandersetzungen mit Birnbaums in sich geschlossenen Anschauungen bedeutungsvoll und förderlich für die Herausarbeitung des zionistischen Standpunktes; heute aber, da es sich um ein Erfassen der Persönlichkeit Nathan Birnbaums handelt, ist es wichtiger, daß von dieser Auseinandersetzung mit dem Zionismus auch auf Birnbaums Wesen und Werk immer wieder das scharfe Licht fällt, in dem sich sein Werk als ein einheitliches, seine Persönlichkeit als eine geschlossene darstellt. Es ist nicht ganz leicht, die bestimmenden Kräfte in Birnbaums Persönlichkeit zu finden und zu fassen, wenn man der Entwicklung, ja dem Wechsel der Meinungen und Ueberzeugungen folgt, die seit dreißig Jahren Nathan Birnbaum immer wieder zum Ache r haben werden lassen. Nicht leicht ist es, und doch möglich. Birnbaum selbst, der viel darüber nachgedacht hat, aus welchen Quellen die Eigenart seines* Wesens gespeist wird, hält für das Wesentlichste seiner Art und das Entscheidende seiner Wandlung, daß er ein ins Westjudentum verschlagener Ostjude ist, der den Weg in sein heimatliches Östjudentum wiedergefunden hat. Ich glaube nicht, daß sich aus diesem Gesichtspunkt Birnbaums Persönlichstes und Eigenstes wirklich fassen läßt. Was Nathan Birnbaum, den Wiener Studenten, zum nationalen Judentum gebracht hat, war das innere Erlebnis des Judentums. Auch ihn ergriff das Judentum seiner Seele mit revolutionärer Kraft und stellte ihn in den Kampf, in den heroischen und idealistischen Kampf gegen die Hemmungen des Milieus, gegen die Erstarrung des Geistes in der Materie. Das Judentum hat in der Assimilation, im Galuth die Kraft und den Willen verloren, sich zu erneuern, ja auch nur sich zu bewahren. Der Mut der eigenen Lebenskraft ist ihm bis zum letzten fast genommen werden, und schwer legte sich ihm der Irrwahn des Glaubens an naturgesetzliche Bedingtheiten im Leben der Menschheit, im Reiche des Geistes auf, als der Fluch des niedrigsten Rationalismus. So tief wie nie wurde diesmal im jüdischen Volke der immer vorhandene Widerstand gegen den offiziellen Rationalismus niedergedrückt durch den Bund des Rabbinismus mit der Populärwissenschaft des liberalistischen Zeitalters. Und in der entscheidenden Stunde dieser Jahre traf Nathan Birnbaum die Entscheidung für ein auf sich gestelltes, sich selbst wollendes und erfüllendes nationales Judentum. Dies war eine Tat, und sie hat Nathan Birnbaum zum Bruder aller geistigen Revolutionäre im Judentum, sie *) Aus dem soeben erschienenen Heft der von Dr. Ahron Eliasberg herausgegebenen Sammlung „Die Jüdische Gemeinschaft" : „Nathan Birnbaum. Sein Werk und seine Wandlung. Von Leo Herrmann.1' (Jüdischer Verlag, Berlin.) hat ihn zum Zionisten gemacht. Mathias Acher ist Zionist geworden, als er sich zum Kampf gegen die Assimilation des Westjudentums stellte. Zionist werden heißt mehr als Nationaljude sein. Dieser Zionismus ist geistige Revolution, ist Erneuerung und Unbedingtheit, ist schöpferische Tat. Mathias Acher hat als einer der ersten, — und eben dort, wo das Judentum am erbärmlichsten zu dem Scheinbild einer staatlich anerkannten Religionsgenossenschaft verzerrt worden war — den revolutionären Schritt zu einem neuen, erneuerten Judentum getan. Um dieser Tat willen ist ihm die dauernde Schätzung auch aller jener sicher, die ihm später nicht folgen konnten. In diesem Zionismus, der begreiflicherweise auch Herzls Auftreten als die Ueberwindung gewisser chowewe-zionistischer Anschauungen begrüßte, war Mathias Acher ein Revolutionär der Zielsetzung, der das neue Ideal als Leitstern über das eigene Leben und über die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft stellte. Damals und dadurch war Mathias Acher dem Bann des Evolutionsgedankens entwichen, der ihn später mit harter Faust wieder ergriffen hat. Und darin sehe ich die tiefe Tragik im Leben Nathan Birnbaums, eine Tragik, die seine kleinen Freunde nicht verstehen können; sie ahnen nicht, daß sie ihm damit größeres Unrecht tun, als seine unverständigsten Feinde: Darin sehe ich die Tragik, daß er sich von der Kraft des Evolutionsgedankens bezwingen ließ, er, der in seines Wesens Kern ein Revolutionär ist. Wohl ging er und fand den Weg ins Ostjudentum. Aber sein Weg in diese Gegenwart war auch ein steter Rückzug vor der revolutionierenden Kraft des schöpferischen Ideals, das die Not der schwersten Zeit des Judentums aus allen Schlacken der Bedingtheit gelöst hatte. Immer mehr bekannte sich Mathias Acher zum Glauben an die organische Entwicklung, und immer mehr wurde er aus dem Revolutionär der Zielsetzung zum Revolutionär der Kampfführung. Sein Revolutionsgeist, der in seiner Seele verwurzelt ist, hat sich nicht schwächen lassen. Im Fünfzigjährigen lebt er mit der gleichen Kraft der Leidenschaft, wie im zwanzigjährigen Jüngling. Aber nun äußert sich alle im Persönlichen sichtbare Kraft zum Aufschwung in der Wucht, in dem Pathos, mit dem er seine Entscheidung für die Gegenwart, das organische Leben des Seienden, gegen die „utopistischen" und „wirklichkeitsfremden“ und „volksfremden“ Erneuerer verteidigt. Birnbaums ganze Kraft ist gegen uns gewendet; gegen unser Wollen und Tun orientiert er sein Werk. Und doch habe ich auch heute noch die starke Empfindung, als wenn all diese Parteinahme nichts anderes wäre als das nach außen gewendete Bild niemals zum Abschluß gekommener innerer Kämpfe. Nathan Birnbaum hat sich mit der Leidenschaft des Revolutionärs zur Evolution bekannt. In seinem Bekennen und Tun kennt er keinen Opportunismus, niemals hat in seiner Seele der schönste und reinste Fanatismus ausgeglüht. Und mit diesem Fanatismus dient er nun dem Gebote der Gegenwart, das leider so leicht zum Gebote des Tages wird. So ist Birnbaum zum Anwalt des Galuth geworden, dem er sein Recht gegen unsere Verneinungen wahrt. So ist ihm Gegenwart und Galuth im Wesentlichen doch zum Festen und Unabänderlichen, nur organisch sich Entwickelnden geworden, und so mußte er auch natürlicherweise mehr und mehr den Glauben an die Möglichkeiten des Westjudentums verlieren, so mußte er auch im Ostjudentum wieder die