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Die Welt · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · p. 423

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Article
Das Judentum in Romain Rollands "Jean-Christophe"
Date
1914-04-24
Page
423 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 17 DIBBELT 423 FEUILLETON 'l„IIIIIIII»IIIIIII»»II»IlII»I»II»III»»»I»»I»I»l»»»IM»II»lII»»lI»!,»I»!,I!,IlIIII»IIIII»»I»I>!»> »«»MI»I»l»»»Itt>,»I»»»»»MI»»IIIII«»»I»II»III»I»III»M»»Il»»»I»MI»I»M»»Il»I»»k? Das Judentum in Romain Rollands „Jean-Christophe“ Von Paul Amann Schon Völker gesund gestalteter Daseinsform bereichern sich oft in der Anschauung ihres Selbst durch Zeugnisse Außenstehender; für uns sollte, unter bestimmten Voraussetzungen, ein solches Ausnützen fremder Judenschilderung ein intellektuelles Gebot sein; unser jüdisches Leben ist so zerstückt und zerpflückt, daß von einem unbeirrten, selbstverständlichen Erfassen dieser äußeren Gesamterscheinung bei keinem von uns die Rede sein kann. Wir brauchen nun nicht zu warten, bis fremde Weltfahrer sich zu uns verirren und unser Bild in ihrer Camera auffangen; wir sind über die Welt zersplittert, fast durchaus in einzelne aufgelöst, die täglich ihr Wesen in einer Mehrzahl nichtjüdischer Zeugen als Eindruck hinterlassen; diese ungeheure Masse fremder Erfahrung von vornherein zu vernachlässigen, wäre ein methodischer Fehler, der nur durch Schwäche zu erklären wäre, durch die Furcht, den Armseligen ähnlich zu scheinen, die das Maß ihrer Selbstschätzung in fremder Meinung suchen. Nicht auf fremde Werturteile über die Juden sollen wir ausgehen, die haben nur die Bedeutung häßlicher oder sympathischer Kuriositäten; solche Aussagen sind durch einen Lebensinstinkt deformiert, der immer das eigene Volk oder wenigstens die eigene Rasse als Herz der Welt fühlen läßt; man kann jede Probe darauf machen, daß die uns schmeichelhaftesten Aussagen uns implicite — das Leben als Volk absprechen. Ein Fortwirken unserer Tugenden in einer normalen Volksexistenz erscheint jenen fremden Zeugen von ihrem Standpunkt aus als undenkbar; sobald wir ein Volk sind, treten wir in seelischen Wettbewerb mit dem ihrigen. Das bezeichnendste Beispiel dafür finde ich eben in einem Briefe des wundervollen Mannes, auf dessen Werk ich hier hinvveisen will; Romain Rolland schrieb mir: „Es macht mich ganz glücklich, Sie an einer so edelkräftigen Bew egung beteiligt zu wissen, wie sie der neue Zionismus ist . . . Aber eine große Schwierigkeit wird sich offenbar für die geistige Auslese der Juden ergeben: sie wird eines Tages zu wählen haben zwischen dem Willen, ein Volk zu sein und ihrer altererbten Sendung, inmitten feindlicher Völker Menschlichkeit zu verkünden." Rollands breit geschichtetes Künstlerepos in Prosa „J e a n - C h r i s t o p h e" ist eine mächtige Darstellung westeuropäischen Lebens um die letzte Jahrhundertwende. Der Held ist ein deutscher Musiker; wir werden von Deutschland nach Frankreich, in die Schweiz und nach Italien geführt; in der Anlage erinnert das ungeheure Ganze weniger an die Comedie humaine, als an Dantes Divina Commedia. Auf allen Stufen einer gewaltigen Lebenspyramide bewegen sich auch Juden, deutsche, französische, russische. Sie bleiben Nebenpersonen, und da der Held allein ungebrochene Geistes¬ und Lebenskraft ausstrahlen soll, ließ die Oekonomie des Werkes für eigentliche Vollnaturen neben ihm keinen rechten Raum; aber das gilt auch für die deutschen und französischen Gestalten. Der einfache Porträtwert dieser jüdischen Figuren, ihr Gehalt an eindringlichster, dabei fast unbefangener Beobachtung von außen her ist der eigentliche Gewinn für unser Selbsterkennen. Nur nach dieser Seite hin dürfen wir Ergänzung unserer inneren Erfahrung von nichtjüdischen Zeugen her erwarten. Die Ausbeute an leidlich unbefangenen Judenporträts ist gering und am dürftigsten gerade in den Literaturen der Völker, die den stärksten Anteil an der jüdischen Diaspora haben. Man kann nach kurzer Umschau behaupten: wo man uns gesetzlich drückt, wo ferner eine uns ungünstige religiös-historische Glaubensvorstellung noch sehr lebendig ist, ja schon bei Bevölkerungen, die sich physisch stark von den Juden unterscheiden, da ist, auch wenn es sich um Hunderte von Millionen handelt, für die Erkenntnis unserer Erscheinung nur wie zufällig etwas zu gewinnen. Unbefangener Beobachtung günstiger wäre ein Land, in dem das alles mehr oder weniger wegfiele, besonders, wenn dazu noch eine Behauptung, die anderswo ein böswilliges Sophisma ist, Wahrheit wäre: wenn die Juden dort wirklich Landfremde wären, wenn jede anschauliche Erinnerung ans Ghetto fortfiele. Auch müßte es ein Kapitalistenland sein, in dem die sozialen Erscheinungen des Reichtums, Parvenütum, Vermittlungsheirat, adelige Vergoldungen durch große Mitgiften längst ausgebildet und auch literarisch fixiert wären. Mit diesen Bedingungen ist das heutige Frankreich umschrieben; an ungünstigen Vorurteilen fehlt es auch hier nicht; aber sie sind sämtlich leicht zu durchschauen und in ihren Wirkungen als Fehlerquellen abzuschätzen. Nie wurde die Schicht Elsässer und Rheinländer Juden, die als typisch empfunden werden, ganz klar von den Deutschen unterschieden; deutsch klingen ihre Namen, ihr Akzent. Seit 1870 macht sie dies Patrioten vom Schlage Derouledes verdächtig, und sie zahlen hier, wie in den slawischen Gegenden Oesterreichs, mit an der deutschen Zeche; wie wenig aber diese Angriffe sich aus dem Wesen des Judentums nähren, beweist das den Nationalisten geläufige Zusammenwerfen von Juden und Protestanten: beide fallen als tüchtige Minderheiten auf. Zu den einer unbefangenen Anschauung günstigeren Bedingungen kommen entscheidende psychologische Dispositionen. Das deutsche Schrifttum ist ganz auf Gefühl und Charakter, das französische auf Nerv und Urteil gegründet — für unsern Zweck ist es ein unendlicher Vorteil, Sympathie und Antipathie aus der primären Beobachtung des scharfäugigen Franzosen fast ausgeschaltet zu wissen. Das französische Schrifttum ward so in seiner Breite zu einem Kompendium des sozialen Menschen. Mit einer wahren Künstlerneugier wurde der neue interessante Gegenstand, das jüdische Element, photographisch auf genommen. Von Balzac zu Rolland wäre schon eine reiche Ausbeute an jüdischen Charakterköpfen zu machen. Rolland hat eine Tendenz, wo er häßliche Züge des jüdischen Lebens wiedergibt; aber diese Tendenz können wir uns fast ganz zu eigen machen, ln einer frühen Vorrede schrieb er: „Ich kenne die ganze Kraft der Aufopferung, der stolzesten Uneigennützigkeit, das hingebende Streben nach Vervollkommnung, die unermüdliche Tatkraft, die verborgene hartnäckige Arbeit Tausender von Juden. Ich weiß, daß ein Gott in ihnen lebt. Darum zürne ich denen, die ihn verleugnet haben, die um erniedrigenden Erfolg, um gemeines Glück, die Bestimmung ihres Volkes verraten . . . Ich ergreife die Partei ihres Volkes gegen sie, wie ich auch Frankreich gegen verderbte Franzosen verteidige." 02020100000201000200010002530100000001020101014848 02010123000102020200110005000102000101000102000001

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