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Die Welt · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · p. 404

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Article
Die Schulsprache der Diaspora
Date
1914-04-24
Page
404 (sequence 1)
Language
German
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404 oiexSelt Nr. 17 DIE SCHULSPRACHE DER DIASPORA Von W. Jabotinsky Vor einigen Wochen stand ein Artikel in der „Welt", der die Frage der Schulsprache der Diaspora behandelte *). Zwei Beschlüsse lagen dem Verfasser vor: der eine war von den Zionisten Galiziens, der andere in der letzten Tagung des Jüdischen Bildungsvereins in Rußland gefaßt worden. Der erste lautete: Die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Galiziens soll hebräisch: und polnisch sein; der zweite: Die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Rußlands soll jiddisch sein. In seinem Artikel lobte der Verfasser — Herr Dr. Hugo Bergmann — den zweiten Beschluß und hob seine Vorteile dem ersten gegenüber hervor. Es sei mir erlaubt, als entschiedener Gegner des ersten und des zweiten aufzutreten. Die Petersburger Resolution wurde mit 20 gegen 19 Stimmen angenommen. Alle zionistischen Teilnehmer der Konferenz hatten dagegen, nicht dafür gestimmt. Die Resolution wurde in der Presse als eine Niederlage der Zionisten aufgefaßt; in sämtlichen zionistischen Kreisen erzeugte der Beschluß eine starke Mißstimmung, um so mehr, als die Niederlage der Zionisten nur ihrem Mangel an Disziplin, nicht ihrer numerischen Schwäche zuzuschreiben war. Tatsächlich befanden sich die Hebraisten an der Konferenz in der überwiegenden Mehrheit; aber am Vortage der Abstimmung reisten plötzlich nicht weniger als sieben zionistische Delegierte ab — aus privaten Gründen, wie sie ganz unbefangen gestehen — während die Jiddischisten in voller Zahl blieben und so die knappe Mehrheit erzielten. Sogar der sehr vorsichtige „Haolam" hat diesen Indifferentismus angesehener Zionisten scharf getadelt. Der Petersburger Beschluß (wenn dieses Kind eines dummen Zufalls überhaupt ernst zu nehmen ist) bedeutet also einen Triumph der ausgesprochensten Gegner des Zionismus. Diese Seite der Angelegenheit blieb leider in dem Artikel Dr. Bergmanns unbetont. Der offizielle Standpunkt der russischen Zionisten in der Frage der Schulsprache der Diaspora lautet dagegen ganz klar und entschieden: Hebräisch. Er wurde auf der Wiener Konferenz (September 1913) in der Form folgender Resolution proklamiert: „Die zionistische Organisation erstrebt die Einführung der hebräischen Sprache in den jüdischen Schulen Rußlands als Unterrichtssprache für sämtliche Fächer der nationalen sowie der allgemeinen Bildung." Das ist ein Standpunkt, bei dem jede zweite Unterrichtssprache ausgeschaltet bleibt, sei es die jiddische oder eine fremde. Leider gilt vielfach bei uns noch der Satz: Hebraismus und Jargonfresserei seien untrennbar. Aber die Wiener Resolution hat nichts mit Jargonfresserei zu tun. Das Jiddische mag eine sehr schöne und sehr liebe Sprache sein, die allerschönste und allerliebste sogar. Aber logisch muß man sein, wenn man die zionistische Weltanschauung einmal aufgenommen hat. Die zionistische Weltanschauung lehrt: Unsere Nationalsprache ist hebräisch. Und der reelle Inhalt des Begriffes „Nationalsprache" ist — Schulsprache. Nationalsprache ist nicht die, die man in der Schule studiert, sondern die, in der man die Bildung empfängt, die Sprache, in der man fragt, forscht und findet, die Sprache, in der man alles Lehrbare kennen lernt — vom Einmaleins an¬ *) „Unsere Stellung zum Jiddischen" von Dr. Hugo Bergmann. („Die Welt" Nr. 8.) Vgl. auch den Artikel „Hebräisch und Jiddisch" von Dr. M. Glücksohn in Nr. 14 der „Welt". gefangen, bis zu allen Höhen und Tiefen der Wissenschaft. So wird eine Sprache durch die Schule zum Instrument des gesamten kulturellen Lebens und Schaffens einer Generation; so wird sie zur Sprache der nationalen Kultur: zur Nationalsprache im echten Sinne des Wortes. Nationalsprache heißt Schulsprache; die Schulsprache von heute wird die Nationalsprache von morgen sein. Ist unsere Nationalsprache hebräisch, dann muh in unseren Schulen die Unterrichtssprache für alles - Arithmetik, Geschichte, Botanik, Erdkunde — die hebräische sein. Wenn ein Jiddischist dagegen ist, verstehe ich ihn; für ihn ist Jiddisch die National-, damit auch die Schulsprache. Wenn man aber in unseren Reihen dagegen ist, habe ich die Empfindung, daß man das Problem nicht genügend durchdacht hat, daß man noch glaubt, es sei für ein Volk auf die Dauer möglich, seine Bildung in einer Sprache zu bekommen und seine Kultur in einer anderen zu schaffen. Schulsprache und Nationalsprache sind aber praktisch Synonyma. Es gibt zwar ein Häuflein Zionisten, das ein Kompromiß vorschlägt: in Palästina schaffen wir eine hebräische Kultur, in der Diaspora eine jiddische. Also Hebräisch wird ein Exportartikel für Palästina, und das jüdische Volk hat eine doppelte Aufgabe: statt einer, zwei nationale Kulturen zu schaffen. Warum nicht gleich drei? Ist das Spaniolische dem Jiddischen nicht ebenbürtig? Von allen Utopien, die der Boden der jüdischen Renaissancebewegung leider oft erzeugt, ist diese hier die utopistischste, weil sie sich auf der Zersplitterung aufbaut; denn ist auch nur ein kleiner Teil unserer Hoffnungen realisierbar, so können wir dies nur durch die vereinigten Kräfte der Judenheit aller Länder erreichen. Und noch etwas Wichtiges vermissen wir in diesem Schema einer doppelten Nationalkultur: den Einfluß Palästinas auf die Diaspora. Er ist schon heute zu verspüren und wird nach einem Jahrzehnt wahrscheinlich zur mächtigsten Triebkraft der nationalen Wiedergeburt in der Diaspora werden. Das ist aber nur denkbar, solange Palästina und die Diaspora an demselben Werke arbeiten und ihre schöpferischen Kräfte und ihre Leistungen gegenseitig austauschen. Ist das Nationalwerk liier jiddisch und dort hebräisch, dann lebt Palästina für sich und die Diaspora für sich. Einen „palästinafreundlichen" Nichtzionisten kann diese Perspektive befriedigen, unsereinen aber nicht. Es muß eine Einheit walten in dem, was wir hier und was wir dort bauen. Sind wir für das Jiddische, dann soll man die Schulen in Jaffa jargonisieren. Bleibt Palästina hebräisch, dann laßt uns die Schulen in Konstantinopel, Lemberg und Wilna hebraisieren. Ist es pädagogisch durchführbar, kleine Kinder in einer Sprache zu unterrichten, die sie noch nicht verstehen? Ja! Tatsachen liefern den Beweis. Es gibt Schulen der Alliance in den entlegensten Orten Mazedoniens oder Persiens, wo kein Wort Französisch gesprochen wird; vor Jahrzehnten, als man diese Schulen gründete, wurde dort auch kein Wort Französisch verstanden. Trotzdem unterrichtet man in diesen Schulen ausschließlich französisch. Und das Ergebnis steht vor unseren Augen: die Zöglinge der Alliance beherrschen nicht nur das Französische, sondern sie werden sozusagen vom Französischen bis ins Tiefste der Seele beherrscht — Und was war Palästina selbst vor 30 Jahren? Heute spricht man in Berlin W. zehnmal mehr Hebräisch, als

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