Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- Der Seder
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 DIE'^KELT ====—-—-- - Nr. 15 Seit Purim schon sagten die Leute: ,Sara-Lea, bindet ihn um Gott nicht an einen Fuß Eures Bettes; wer weiß «sonst, wohin Euch dieser Hahn verschleppt?4 Aber was fehlt mir? Ein Mann in Israel. Ja, wenn die Frau im Hause ihres Mannes ist . . .! Aber mein seliger Mann sitzt in der himmlischen Wonne und genießt die Herrlichkeit Gottes; ich dagegen muß mich von Sabbath zu Sabbath, von Ort zu Ort drücken, nur um ein jüdisches Wort zu hören. Ich dachte daran, den Schulleiter zu ersuchen, er möchte mir einen guten Schüler besorgen, der bei mir zu Hause den Seder gäbe — aber ich bin doch nur eine Frau, eine elende Witwe: wie könnte ich so etwas verlangen?“ Bei diesen Worten Sara-Leas seufzte Jechiel-Michal und zitierte aus dem Talmud: „Besser ist’s, es sitzen zwei beisammen als eine Witwe sitzt allein.“ Und obgleich diese Worte aramäisch gesprochen wurden, in einer Sprache, die Sara-Lea nicht verstand, fühlte sie sich doch erleichtert; denn sie wußte, daß Jechiel- Michal in seinem Herzen nicht böse von ihr dachte. Sie las ihm ja die gute Gesinnung aus den Augen. Und auch sie seufzte, sah ihn mit freundlichem Gesichte an und sagte in beistimmendem Tone: „Alles ist da; aber wenn der Hausherr fehlt, was hilft dann alles übrige?“ Und nach einem zweiten Seufzer fuhr sie fort: „Ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb ich hier bin. Meine Kinder habe ich aufgezogen, sie sind groß geworden und haben mich verlassen. Einer ist in Amerika, einer in Argentinien, und ich bin allein geblieben. Einsam und allein. Ich wollte nach Erez-Israel gehen, dort ist man nicht so verlassen und verloren. Aber immer wieder: wie kann eine alleinstehende Frau an einen Ort ziehen, wo man sie nicht kennt, wie kann sie in ein fremdes Haus treten?“ Jechiel-Michal war voll Mitleid; er drehte seine rechte Schläfenlocke und sprach ihr begütigend zu. „Ist denn mein Schicksal besser als das Eure, Sara-Lea? Ihr seid, Gott sei Dank, geschmückt wie eine Braut und eßt gute Speisen; ich aber bin verbannt und traurig, wie ein Witwer eben ist. Ja, so ist es auf dieser Welt! Ein Jude — ach, wir haben auf dieser Welt nichts als Gottes Gunst. Aber man soll am Feiertag nicht traurig sein!“ Während er sich aber trösten wollte, kam ihn ein Erbarmen über sich selber an, und er sprach: „Was ist. denn ein Mann Großes? Ich danke alle Tage Gott, daß er mich nicht als Frau geschaffen hat; ich weiß genau, wie der Seder zu machen ist; aber geht nun in eine ungetünchte Wohnung ohne Festtagsstimmung, in ein Zimmer, erfüllt mit Alltag! Wärmt Euch halbgargekochte Gerichte an und setzt Euch wie. ein König auf das zerbrochene Bett! O Sara-Lea, nicht umsonst sagt der Jalkut: ,Alle Leiden sind schwer, aber Armut ist schwerer als alles andere. Alle Leiden kommen und gehen; gehen sie aber, so wird alles wieder, wie es zuvor gewesen. Nur die Leiden der Armut verdunkeln die Augen des Menschen.4 Glaubt nicht etwa, daß ich mich kränke, weil ich am Stolze keinen Teil habe. Gott bewahre mich! Ich sage dies nur, um Euch zu erwidern, die Ihr klagt, daß Ihr eine Frau seid. Ja, noch mehr: in diesem Winter habe ich mich erkältet und mein Hals schmerzt mich. Was soll ich da noch sagen?“ Als Sara-Lea dies hörte, sagte sie: „Ihr solltet doch lieber ins Zimmer treten. Zwar ist der Winter vorbei und die Kälte zu Ende, aber man kann sich noch immer leicht eine Krankheit zuziehen.“ Ihre Worte leuchteten ihm ein, er verkroch sich tief in sein dickes Halstuch und folgte ihr dann in ihre Stube. Da sah er: die Wände waren nach Vorschrift getüncht, der Lehmboden war rein und braun, aus jedem Winkel blinkte der Feiertag. Ueber allem lag die heilige Ruhe, die am Peßach geboten ist. Da kam das Wort über ihn und er priesdas Haus: „Ach, wie schön ist die Stelle, wo die Hände einer Frau geruht haben!“ Sogleich nahm sie eilends die Tischdecke ab und ließ alles sehen, was d'ort stand. Lauterer Wein, Mazah, Eiermazah, Petersilie, Eier, ein Flügel, ein Schüssel voll Fleisch und viele köstliche Leckerbissen. Und sie sprach: „Solch ein Seder — und wozu? Ich nehme doch alles fort und bringe die Sachen einem Nachbarn ins Haus. Ich bin doch nur eine Frau. Man vergißt schwer, daß man einmal eine Hausfrau war. So sagte ich mir: Ich will mir für ein Weilchen einen Seder machen, als ob ein Hausherr da wäre und man den Seder zu Hause hielte, wie bei jedem Manne in Israel.“ Jechiel-Michal wurde ganz warm und er wollte etwas sagen. Aber da befiel ihn ein schweres Husten und Räuspern, so daß Sara-Lea ihn ganz erschrocken ansah und ihn mahnte: „Reb Jechiel-Michal, eßt nur heute um Gottes willen nicht zuviel Bitterkraut! Ihr hustet ja, Ihr hustet! Ein bißchen Tee mit viel Zucker würde Euch guttun. Wer wird Euch denn zu Hause etwas Warmes vorbereiten?“ Sara-Lea schwieg und seufzte. Auch Jechiel-Michal seufzte und dann seufzten noch einmal beide zugleich. Dann fragte sie: „Vielleicht bleibt Ihr ein Weilchen hier, Rab Jechiel-Michal, und ich bereite Euch einen warmen Schluck, ein Glas? — Ach, ich vergesse ja, daß heute Feiertag ist, daß man zuerst Kiddusch machen muß, Seder machen muß . . . Wollt Ihr vielleicht hier den Seder machen?“ Und wie der höhere Wille aus der inneren Stimme zum Worte ward, wiederholte sie: „Wahrhaftig, wollt Ihr den Seder hier machen?44 Jechiel-Michal schaute hin und her und sah doch überall die Herzensgüte der Frau; er konnte sich nicht losreißen. Ihm war, als wären alle seine Glieder an dem Orte festgewurzelt, wo er saß. Er verlor die Empfindung seiner Hände und seiner Füße und seine Lippen verschluckten die Antwort Während er aber noch nach Worten rang, nahm Sara-Lea eine Unmenge von Kissen, Polstern und schönen weißen Decken, die sie zu Ehren des Peßachfestes gewaschen und geplättet hatte. Damit bereitete sie ein Hessebett, wie in der alten Zeit. Und Jechiel-Michal nahm, ohne Absicht und ohne sich zu besinnen, die Schlüssel und legte sie hin; dann blickte er die weißen Kissen an, als ob die Gottesherrlichkeit selbst darüber ruhte. Dann stand er auf und wechselte den Platz, von einem Stuhl zum andern, bis er an das Hessebett kam; er setzte sich oben an den Tisch, zögerte aber in Gedanken noch immer, so daß die Frau noch einmal zu ihm kam und ihren Wunsch wiederholte. Sie stand auf und füllte einen Becher mit Wein, damit er darüber Kiddusch mache. Er aber sah mit dem einen Auge auf Jen süßen lauteren Wein, mit dem andern nach den sauber blinkelnden Winkeln der Stube, und er dachte: „Wie schön ist doch die Stelle, an der die Hände einer Frau ruhten!44 Und er machte Kiddusch, würzte seine Stimme mit den schönsten Trillern und sein Mund schwebte wie ein Lied über dem Becher; Sara-Lea lauschte und ward voller Wonne und ihr Angesicht leuchtete. Ach, wie schön ist die Stimme des Mannes, wenn er heilige Worte ertönen läßt! Also saß Jechiel-Michal, der Schuldiener, wie ein König, wie jeder Mann in Israel, und vor ihm stand Sara- Lea mit dem Becken voll reinen Wassers. Jechiel-Michal wusch seine Hände und betrachtete idas Becken, ein köstliches Gefäß. Wenn Gott ihr die Gnade gewähren würde, daß sie nach Jerusalem käme, würde sie es für einen heiligen Ort stiften, damit die Kohänim, die Priester, darin ihre Hände waschen, wenn sie zum Segen gehen. Schon hier hatte man es ja an jedem Feiertage vom Hause