Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- Der Seder
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 369 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 15 DIE3^ELT 369 FEUILLETON Der Seder Von 8. J. Agnon*) Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen, war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte auch er etwas von der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot einen Seder machen, wie jeder Mann in Israel. Aber als er so stand und die Tür des Beth-Hamidrasch verschloß — über ihm leuchtete das Licht dieses Abends —, da erfaßte ihn eine leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu zittern. Und Jechiel- Michal versuchte das Schloß, sperrte auf und zu, zu und auf, um zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel in die Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Denn er hatte sich erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam würde er in seinen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen; und so wie voriges Jahre würde er in der Hagadah lesen, deren Blätter von Wein befleckt sind — der Wein aber war an jenem Peßachabend aus seinem Becher getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würde halbgare Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist. Zwar hatten ihn viele wohlhabende und angesehene Leute eingeladen, an den Peßachabenden zum Seder bei ihnen zu bleiben. Seit Schüschan-Purim, dem Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt: „Wie kann nur ein Jude am Festtag einsam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel-Michael, daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht haben; trotzdem aber solltet Ihr die Freude unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen, nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie, ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn Trauer ein, Gott bewahre uns vor ihr! Denn Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Ghamez. Aber Chamez am Peßach: davor beschütze und Gott!" Nicht so aber war es mit Jechiel-Michal. Er ist ja nur ein Schuldiener, ein einfacher Schuldiener, macht Botengänge für Fremde: aber doch ist er ein Mann Ln Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er an einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude und auch er war unter denen, die aus Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß Gott, stammt sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten bängte. Nur aber — die Hausfrau fehlte ihm. Den ganzen Tag ist er im Dienste der Gemeinde beschäftigt, heizt den Ofen des Beth-Hamidrasch, zündet *) Aus Chad Gadja. Das Peßachbuch. Herausgegeben von Hugo Herrmann. Jüdischer Verlag 1914; brosch. M. 3.—, geb. M. 5.—. die Kerzen an und ordnet die Bücher; so geht der Tag vorüber und die Nacht kommt. Und am Abend, wenn er heimgeht, hungert ihn, ehe er sich etwas zum Abendbrot gekocht hat; denn er hat den ganzen Tag nicht gegessen, außer trockenen Dingen — höchstens einen Apfel. Und ein Jude soll ja jeden Tag etwas Gekochtes essen! Aber ehe er sich ein Gericht bereitet hat, vergeht ihm die Eßlust, und er ißt niemals mit Behagen. So grübelte er im Gehen und litt darunter. Denn es ist ja ein göttliches Gebot, am Peßach, dem Feste der Befreiung, froh zu sein. Und er wußte, daß der Böse all diese Bitternisse über ihn gebracht hatte, nur um ihn in Traurigkeit zu versetzen. Und Jechiel-Michal spie aus, als ob — Gott bewahre! — ein Stäubchen Chamez in seinen Mund gekommen wäre und er es ausspucken wollte, noch während er es im Munde hatte. Es war so. Die Hausfrau fehlte ihm, die Hausfrau. Und als er zu diesem Schluß gekommen war, nahm er die Schlüssel fest in die Hand und schritt rasch dahin, wie der Königssohn, der auf den Palast zueilt, vvo seine Braut, die allerschönste Prinzessin, ihn erwartet. Auf einmal aber öffnete sich vor ihm ein Fenster, und er hörte die Stimme einer Frau: „Guten Abend. Reb Jechiel-Michal!" Und er erwiderte: „Guten Abend, Sara-Lea!“ Er dachte, sie wolle ihn nach dem Jahrzeittage ihres Mannes fragen. So blieb er ihr gegenüber stehen. Unmerklich aber gerieten sie ins Plaudern. Sie erzählte ihm, wie schwer das Peßach fest für sie sei. Sie habe ja zwar alle Vorbereitungen getroffen, es fehle nichts; aber schließlich sei sie ja doch bloß eine Frau. Sie besitze ja alles, was zur richtigen Feier des Seder gehöre; jetzt aber sei sie doch genötigt, sich an Fremde zu wenden. Und doch sei es genug, wenn sie das ganze Jahr ihre Nachbarn bemühe, wenn sie zu ihnen komme, um von ihnen, in ihren Häusern, Kiddusch und Hawdalah zu „Ich bitte Euch," begann Jechiel-Michal, „es ist doch eine Mizwah, eine gottgefällige Handlung, es ist eine verdienstliche Tat um Lebende und Tote." „Ach," sagte Sara-Lea, „Mizwah! Glaubt Ihr, solche fromme Handlungen seien so leicht? Ein Jude stecktden ganzen Winter über in seiner Arbeit, sieht Frau und Kinder einen Augenblick; da kommt Peßach, da kommt ein bißchen Ruhe und Muße, da will ich beisammensitzen mit Frau und Kind; niemand stört ihn — und plötzlich, am Seder, überfällt ihn eine elende Witwe. Gott bewahre mich davor, mit den Lippen zu sündigen — aber was soll ich sagen? Die Zeiten sind schlecht geworden, eine Schwäche ist über die Welt gekommen. Früher, in der alten Zeit ... O, in der alten Zeit brachte ein Jude viele Gäste mit heim, gab ihnen zu essen und zu trinken und niemandem wäre es eingefallen zu sagen: ,Es wird uns zu eng hier/ Bei meinem seligen Vater war immer eine ganze Gemeinde zum Sederabend. Und hat denn in meinem Hause je ein Gast zum Sederabend gefehlt? Mein seliger Mann ist nie ohne einen Gast aus dem Beth-Hamidrasch heimgekommen. Und was fehlt mir jetzt? Wein ist, Gott sei Dank, da, sogar ein Becher mehr als nötig, Mazzoth und sogar Mazzah-Schemurah, Fleisch und Charoseth genug für alle Gottesfürchtigen. Was fehlt mir aber? Einen Truthahn habe ich für Peßach geschlachtet, die Flügel hingen ihm vor Fett zu Boden. 02000002010001020000000000020100014823230000010201 01535323482300232353232348484848010001480148235323