Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- Innere Freiheit
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 354 (sequence 2)
- Language
- German
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354 Nf. 15 t>IE3^ELT Fremdheit zur Feindseligkeit ist oft nur ein Schritt, zumal dann, wenn die Minderheit gedeiht und vom Schicksal besonders begünstigt erscheint. Und was taten nun unsere Vorfahren in Aegypten? Was hätten sie getan, wenn sie Bequemlichkeit, Fortkommen, materielle Güter und Sicherheit des Lebens der Treue gegen sich selbst, gegen ihre wertvolle Stammesüberlieferung vorangestellt, wenn sie ihrer inneren geistigen Freiheit und Würde äußeres Wohlergehen, den ungestörten Genuß aller bürgerlichen Güter vorgezogen hätten? Sie würden ihr Judentum verdeckt, verleugnet, sie würden, so gut es gehen wollte, ägyptische Art sich zu eigen gemacht, sie würden vielleicht sogar es für eine Beleidigung erklärt haben, wenn man sie nicht für veritable Aegypter hätte halten wollen. Vielleicht würden sie selbst verirrte Söhne aus ihrer Mitte, die ihr echtes Aegyptertum in Zweifel zu ziehen sich erlaubten, oder gar mit Liebe und Sehnsucht vom Lande der Väter sprachen, des Mangels an Patriotismus geziehen haben. Das alles aber taten unsere Vorfahren nicht. Denn sie lebten der Ueberzeugung, daß der Mensch seine moralischen Güter, seine äußere und innere Freiheit, daß er Treue und Wahrhaftigkeit über alles stellen müsse. Nicht wahr? Diese Denkweise gereicht unseren Vorfahren in Aegypten zur Ehre. Sie zeigt, daß sie starke Seelen hatten, groß dachten und fühlten, daß trotz aller Sklaverei hohe moralische Werte in ihnen der Entwicklung harrten. Darum waren sie auch wert, daß ihnen die Stunde der Freiheit schlug, daß die Peßach-Nacht all ihren Kräften und Fähigkeiten die Möglichkeit zu ungehinderter Entfaltung gab und ihnen den Weg in eine große, stolze Zukunft öffnete. Sie waren wert, ein freies, ruhmreiches Volk und ein Segen der Menschheit zu werden. Israel hat sich damals die äußere Freiheit verdient, weil es in schwieriger Lage die innere Freiheit, die seelische Unabhä n g igkeit sich zu be w a h r e n verstanden hatte. Und darin werden uns unsere Vorfahren in Aegypten ein Vorbild bleiben. Pflegen werden wir die großen heiligen Ueberlieferungen, die das Leben unserer Vorfahren seit Jahrtausenden bestimmt haben. In redlichem Wetteifer und mit willigem Herzen werden wir überall dort, wo man uns nicht daran hindert, mitarbeiten an der allgemeinen Wohlfahrt, aber keine Macht der Welt soll uns davon abbringen, unser Judentum frei und froh vor aller Welt zu bekennen, das Sehnen unserer jüdischen Seele nach Licht und. nach einer freien Entfaltung unseres nationalen Lebens auszusprechen und mit allen Mitteln und mit aller Kraft die Erfüllung dieses Sehnens zu erstreben. Will man uns die volle bürgerliche Freiheit nicht geben, dann werden wir darum kämpfen. In jedem Falle aber werden wir in diesem Kampfe unsere innere Würde, unsere moralische Unabhängigkeit behaupten. Mit Verachtung werden wir jeden zurückweisen, der aus Nützlichkeitsgründen uns bereden will, Vermummungspolitik zu treiben, mit Verachtung jeden, der von uns fordert, daß wir für unser Denken und Handeln eine andere Richtschnur anerkennen sollen, als die, die uns in unserem eigenen Gewissen gegeben ist, mit Verachtung jeden, der uns lehren will, in allen jüdischen Dingen und Fragen anders als jüdisch zu denken. Unsere Alten sagen ganz richtig, daß, als Israel aus seinem Lande zog, sein Gott mit ihm in die Verbannung gezogen ist. So werden wir auch weiter in jeder Gewissensnot i h n befragen. Denn nurwerdie innere Freiheit liebt, ist, wie unsere Vorfahren in Aegypten, auch der äußeren Freiheit würdig. DER ZIONISTISCHE KULTURRAT FÜR BÖHMEN Ein Bericht über den Anfang eines Versuches. I. Die zionistische Institution, über die hier berichtet werden soll, ist ihrer Art nach neu. Im November 1913 hat der böhmische Distriktstag einen - „zionistischen Kulturr a t“ für Böhmen eingesetzt, dessen Agenden in der Hauptstadt Prag von einer vier- bis sechsgliedrigen Kommission geführt werden. Der Gedanke, der der Gründung des Kulturrates zugrunde lag, war die Einsicht in die Notwendigkeit der Schaffung einer Instanz zur Leitung, Ueberwachung und einheitlichen Regelung der zionistischen Kulturarbeit innerhalb des Distriktes. Da die Anforderungen an den Zionisten immer größer werden und unser Leben höchst kompliziert und in allerlei Schwierigkeiten verwickelt ist, entsteht die Notwendigkeit, sich mit diesem Leben, vor dessen Tatsächlichkeit wir nicht mehr die Augen zudrücken können, vom zionistischen Standpunkt aus auseinanderzusetzen, aber auch durch die Kenntnis der reichen, fruchtbaren Inhalte des jüdischen Volkstums, durch die Kontinuität der Beschäftigung mit diesen Inhalten einen kräftigen Rückhalt im Kampfe gegen die natürlichen Widerstände zu schaffen. Denn wir müssen uns selbst eingestehen, daß die zionistische Methode, die nach einer großen Versammlung in einer Stadt eine Ortsgruppe einsetzte und diese immer periodisch durch eine neue Versammlung „auffrischte,“ den Zionismus schwer geschädigt hat: Es gab für den Einzelnen keine Entwicklung und auch keine dauernde, sein Leben irgendwie berührende Arbeit, und er unterwarf sich allmählich den äußern Mächten. So erklärt es sich, daß (z. B. bei uns in Böhmen) so viele Zionisten, ja ganze Ortsgruppen spurlos verschwunden sind. Nachdem sie eiiw paar Jahre hindurch die mit Mühe gesammelten Schekel abgeliefert hatten, vergaßen sie den Zionismus und man vergaß sie. Das liegt daran, daß man es mit der Gründung der Vereine so leicht genommen und ihnen die Sache so leicht gemacht hat. Der Kulturrat will nun die zionistischen Gruppen zu wirklichen Zellen jüdischen, zionistischen Lebens umgestalten. Wir müssen daran gehen, das, was seit langer Zeit schon als „kulturelle Gegenwartsarbeit“ gepredigt wird, endlich zu verwirklichen. Diese Art der „Gegenwartsarbeit“ ist nicht nur die wichtigste, bedeutungsvollste und meistversprechende, sondern meiner Ansicht nach in den Westländern auch die einzige in Betracht kommende. Es wäre zu wünschen, daß sich in jedem Landesverband bzw. Distrikt neben dem die politischen und organisatorischen Angelegenheiten leitenden Komitee ein solcher Kulturrat konstituierte, der für die Kulturarbeit verantwortlich ist; und alle diese Arbeitsausschüsse sollten schließlich einem Kultur-Ressort beim E. A. C. unterstellt sein, dessen Schaffung schon Glücks o h n im „Haolam“ vor dem letzten Kongreß nachdrücklich verlangt hat. Es darf nicht aussehen, als ob der Zionismus sich um die wichtigsten Fragen herumdrückte; er muß alle Zweige unseres Lebens durchdringen. Unsere Kulturpolitik soll von großen Richtlinien bestimmt sein und immer großzügiger und weitblickender werden. Doch liegt die eigentliche Bedeutung immer in der Kleinarbeit. Die Regungen jüdischen Lebens müssen gefördert, die vorhandenen Ansätze und Rudimente ausgestaltet werden. Wir müssen aber auch die Schäden bekämpfen, die unseren Volkskörper bedrohen und herabziehen; wir können uns nicht mehr, auch aus dem Gedanken an eine Rettung nach Palästina nicht, zu der Verderbnis innerhalb unserer Gemeinschaft gleichgültig verhalten. Wir müssen von den Gemeinden, die aus den jüdischen Steuergeldern die Bedürfnisse der Gemeinschaft bestreiten, Beamte anstellen usvv., verlangen, daß diese Ver-