Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- Innere Freiheit
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 353 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 15 BERLIN, 10. April 1914 nn'bjb n^onn 'X P’J 1"' /ptH3 XVIII. JAHRG. INNERE FREIHEIT Eine Peßach-Betrachtung Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp Peßach gilt uns in der Zerstreuung fast ausschließlich als ein Befreiungsfest. Durch die Befreiung aus Aegyptens Knechtschaft wurde Israel aus einem Sklavenvolke zu einem Herrenvolke, das fortan nicht nur seine Macht, sondern auch, was weit wichtiger und wertvoller ist, sein Seelenleben kraftvoll und ungehindert entfalten durfte. In der Tat kann es für ein Volk, besonders für eines von kulturgeschichtlicher Bedeutung, einen denkwürdigeren Anlaß zu einer Festesfeier als die Erinnerung an seine Befreiung nicht geben. Darum ist es auch nur natürlich, daß gerade unser Peßachfest mit so viel Liebe gepflegt und ausgestaltet worden und von soviel Poesie umwoben ist. Und damit das hohe Gut der Freiheit recht genossen und nach seinem ganzen Werte gewürdigt werde, will die Peßach-Vorschrift, daß wir die der Befreiung vorangegangene Knechtschaft uns eindringlich vor die Seele führen sollen. Darum beginnt die Haggada unseres Festes mit den Worten: „Dies ist das elende Brot, das unsere Väter einst im Lande Aegypten gegessen haben," und in der Darstellung der Peßach-Geschichte verweilt die Haggada geraume Zeit bei der Betrachtung der ägyptischen Knechtschaft. Und eben darum wird am Seder-Abend nicht nur der Freuden- und Freiheitskelch wiederholt geleert, vielmehr werden auch ungesäuertes Brot und Bitterkraut, die Sinnbilder der Knechtschaft, genossen. Indem so der Gegensatz von Knechtschaft und Freiheit uns voll zum Bewußtsein kommt, soll das Gefühl für den Wert der Freiheit in uns gesteigert und verstärkt werden. Aber ist der Blick auf die Knechtschaft des jüdischen Volkes in Aegypten nicht schon an und für sich von Wert und Bedeutung für uns? Vielleicht lernen wir durch ihn das Verhalten unseres Volkes in Druck und Knechtschaft recht eigentlich würdigen. Vielleicht lernen auch wir, die späten Enkel eines seelenstarken Volkes, welche Wege wir in den Zeiten einer völligen oder halben Unfreiheit zu wandeln haben. Zwei Aussprüche der Peßach-Haggada sollen unsem Blick schärfen. Der erste lautet: „Zu den Worten der Schrift ,Israel weilte dort (in Aegypten)' bemerken die Alten: Jakobs Haus war nicht nach Aegypten gegangen, um sich dort gleichsam einzusenken, sondern nur, um dort zu weile n." Was ist der Sinn dieses Ausspruches? Er besagt, daß die Familie Jakobs, als sie um der Hungersnot willen nach Aegypten zog, nicht gesonnen war, um ihres materiellen Wohlergehens willen ihre Eigenart, ihre Sonderstellung und ihre besondere Berufung auf zu geben. Die Kinder Israels wollten dort vielmehr nur eine Lebensmöglichkeit finden, im übrigen in friedlichen Verkehr mit den Aegyptem treten und, gleich Joseph, treue Förderer der Wohlfahrt des Landes sein. Aber Juden wollten sie bleiben, Erben der Segnungen Abrahams, stolz auf den starken, großen Gott ihrer Väter und beglückt durch all die geistigen und moralischen Güter, die mit der jüdischen Eigenart verbunden waren. Darin sollte durchaus nichts liegen, was für die Aegypter verletzend sein konnte, es sollte nur der Ausdruck der Treue und Liebe zu den eigenen ererbten Gütern sein. Wer hat mehr als Joseph mit seiner ganzen Kraft Aegypten und seinem Könige gedient? Und doch wollte Joseph in Kanaan, dem Lande seiner Väter, begraben sein! Also Bürgertreue und Stammestreue in Einem, wie es ihnen Herz und Gewissen vorschrieben. Und weil die Nachkommen Jakobs ihre religiöse und völkische Eigenart nicht zu verleugnen suchten, sondern weiter entwickelten, weil sie an der Väter Glaube und Sitte festhielten, darum heißt es in dem zweiten Ausspruch unserer Haggada: „Jakobs Familie ward in Aegypten zu einem V o 1 k e, so sagt die Schrift. Daraus, so folgern die Alten, ist zu ersehen, daß Israel in Aegypten g e - zeichnet, in seiner völkischen Eigenart kenntlich blieb." Daß es für eine Minderheit, die in einer andersartigen Umgebung lebt, unbequem und nicht selten mit schweren Opfern verknüpft ist, wenn sie sich selbst treu bleiben will, liegt auf der Hand. Die Masse erwartet überall, daß jeder, der zu ihr gehören und mit ihr gleich behandelt werden will, es auch in allem mit ihr halte. Sie deutet es «als Abneigung, Haß oder Hochmut, als wollte die Minderheit vor allen anderen etwas voraus haben, wenn sie in irgendeinem Sinne ihre eigenen Wege geht. Eine solche Minderheit erscheint ihr leicht als fremd, und von der