Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Article
- Apologetische Neuerscheinungen [Rezension]
- Date
- 1914-04-03
- Page
- 344 (sequence 1)
- Language
- German
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344 Nr. 14 LITERARISCHE RUNDSCHAU >IIIIIIIIIIIIIIII»lIIi:iII!IIttIIIIIIIIII!lIIIIIII»IIIIIIIIIIIIIIIIII,IIIIII«IIIIII,„I,II,!IMIIIIIIIIllIIIIlIkIIIIIIlIMNIMIIIIIlIlIlIIIIIIIlIIlIIIllIIIIIINMNIIIIIlIIIII»IIIIIlIIIIIllNIIIlIIIlII Apologetische Neuerscheinungen Apologetische Werke erfreuen sich keines guten Rufes. Man denkt dabei immer an Pfaffengezänk und an religiöse Streitigkeiten nach Art der Disputation von Toledo, die Heine so schön besungen hat. Apologetik ist unwissenschaftlich, denn der Apologet will verteidigen, tritt mit vorgefaßtem Urteil an die Dinge heran, die Wissenschaft dagegen — ja, die Eingeweihten wissen, daß die Wissenschaften auch nicht das fleckenlose Gebilde sind, für das sie der Laie hält, daß sie oder vielmehr ihre Vertreter genau so in Vorurteilen befangen sind und ihnen — soweit nicht die exakten Wissenschaften in Frage kommen — das Ergebnis der Forschung im großen und ganzen ebenfalls von vornherein feststeht. Der Unterschied ist nur der: Die Wissenschaft will wenigstens vorurteilslos scheinen, und die Apologetik gibt offen und ehrlich zu, was sie ist und was sie will. Zu seiner fünften Hauptversammlung hat der Verband der Deutschen Juden ein apologetisches Werk unter dem Titel „Soziale Ethik im Judentum“ (Verlag I. Kauffmann 1913) herausgegeben. Die Verteidigung des Judentums, die hier auf verschiedenen Gebieten geführt wird, ist nicht aufdringlich und schon insofern ist sie gut. Auch sonst wird vieles treffende gesagt — ich erwähne nur einen Artikel über Recht und Rechtspflege von B. Breslauer — nur die Hervorkehrung des einseitig religiösen Standpunktes wäre grade im Interesse der Apologetik besser unterblieben. Wie man nicht Apologetik treiben soll, sieht man an dem Schriftchen „Der Optimismus des Judentums“ von Dr. I. Scheftelowitz, das in den Zieglerschen Volksschriften über die jüdische Religion erschienen ist. Sicher ist das jüdische Volk immer ein unverbesserlicher Optimist gewesen, und im Schlußergebnis hat der Verfasser recht. Aber wenn man schon den Streit der Schulen Hillels und Schammais anführt über die Frage, ob es besser gewesen wäre, geboren zu sein oder nicht, dann soll man auch ehrlich gestehen, daß die Frage von den alten Weisen entschieden wurde: es wäre besser, nicht geboren zu sein. In einem Volke wie dem jüdischen, das Jahrhunderte lange Leiden erduldete, kann man nicht von einem fortwährenden Optimismus sprechen. Koheleth hatte seine Nachfolger. Es gab auch bei uns viel Askese und leider nur wenig Freude an der Schönheit der Natur. Nur von einer Grundstimmung des jüdischen Charakters darf man sprechen, und es ist falsch, aus einem Bilde die Schatten fortzulassen. , ' ' Angenehmer ist es, wenn uns die Apologetik von anderer Seite abgenommen wird, wie es Travers Herford in seinem Buche „Das pharisäische Judentum“, aus dem Englischen übersetzt von Rosalie Perl es (Verlag Gustav Engel 1913) getan hat. Was der christliche Verfasser über das rabbinische Judentum sagt, ist dem Juden nicht neu, aber neu ist, daß es einmal ein Christ sagt. Einer ganzen Welt von Gelehrten gegenüber wird hier ruhig und sicher gesagt: Nein, die Evangelien schildern zu schwarz, die vielgeschmähten Pharisäer waren keine Heuchler, die die Religion in spitzfindige Gesetzlichkeit und Formelkram verwandelten, sondern sie waren die konsequenten Fortsetzer des alten Torahgesetzes, die das Beste wollten und viel Gutes schafften. Von ihrem eigenen Standpunkt aus müssen sie beurteilt und gewertet werden. Ein solches Buch darf man eine sittliche Tat nennen. Wird es auch in nicht jüdischen Kreisen Erfolg haben? Wird die christliche Theologie endlich einsehen, daß sie — sonst so kritisch — dem Judentume gegenüber blindlings judenfeindlichen Tendenzschriften folgt? Das ist eine Frage, die man schwer beantworten, aber doch leider kaum bejahen kann. Es kommt darauf an, ob die historischen Grundlagen, die der Verfasser seinen Beweisen gibt, überall haltbar genug sind, und gerade hier gehen die Meinungen weit auseinander. Was der eine Forscher für alte Ueberlieferung hält, ist dem anderen das Produkt einer jungen Zeit, und wir haben vorläufig noch keinen Faden, der uns durch das Labyrinth der Ansichten hindurchführen kann. Wie die Apologetik auf beiden Seiten arbeitet, soll ein Beispiel zeigen. Die Lauterkeit der pharisäischen Führer wird jüdischerseits durch Sittensprüche bewiesen, die ein paar Menschenalter jünger sind als Jesus, und die Last der Gesetze über Rein und Unrein, über Sabbat und Zehnten, gegen die Jesus geeifert haben soll, wird von christlicher Seite durch Vorschriften erläutert, die ebenfalls ein bis zwei Jahrhunderte nach Jesus entstanden sind. Aber jede Partei hält das, was ihrem Beweise dienlich ist, für uralt und die Gegeninstanz für das Werk später Nachkommen. Da ist eine Verständigung schwer zu erzielen. Auch unter den jüdischen Gelehrten selbst ist man sich über das Alter und die Entstehungszeit des jüdischen Gesetzes noch gar nicht einig. Die Forschung ist noch im Fluß. Arbeiten, wie die von Prof. Guttmann „Zur Einleitung in die Halacha“ (36. Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budapest) zeigen zum ersten Male das Verhältnis zwischen den theoretischen Kontroversen der Rabbiner und der religiösen Praxis. Erst wenn wir nach derartigen wertvollen Vorarbeiten eine Geschichte der Halacha haben werden, wird das Problem der Beziehungen zwischen Jesus und den Pharisäern seiner Lösung entgegengehen. In früherer Zeit drehte sich die Apologetik hauptsächlich um die eine Frage: Sind die Juden an Jesu Tod schuld oder nicht? und indirekt glaubt H. Hammer jetzt die endgültige Antwort darauf gefunden zu haben. In seinem „Traktat vom Samaritanermessias“ (Verlag Georg!, Bonn 1913) macht er die epochemachende Erfindung, daß Jesus gar kein Jude, sondern ein Samaritaner gewesen ist. Josephus erzählt in seinen Altertümern von einem Pseudopropheten, der die Samaritaner aufwiegelte und ihnen versprach, die Geräte Mosis auf dem Berge Gerisim auszugraben. Pilatus griff ein, und viele Samaritaner mußten ihren Glauben an den Betrüger mit ihrem Tode büßen. Diese Geschichte soll sich nun auf Jesus beziehen, und wo ein Gedanke ist, da findet sich auch ein Beweis. Im Johannis-Evangelium heißt es: Da antworteten die Juden und sprachen zu . ihm : Sagen wir nicht recht, daß du ein Samaritaner bist und hast den Teufel? Diesem einen Beweise, der wahrscheinlich den Anstoß zu der ganzen Arbeit gegeben hat, schließt sich dann eine ganze Reihe anderer an: Weil an ein paar Bibelstellen von „Nozrim“ (Wächtern) auf dem Berge Ephraim die Rede ist, muß Nazareth in Samarien gelegen haben, die unzähligen Stellen, aus ctenen eine Wirksamkeit Jesu in Galiläa am See von Genezareth hervorgeht, kommen dagegen gar nicht in Frage. Daß