Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 330

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Zionistische Kreditorganisationen in Galizien
Date
1914-04-03
Page
330 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316639-3353138--59949-3353253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

330 LT Nr. 41 ZIONISTISCHE KREDITORGANISATIONEN IN GALIZIEN Von Leon Wechsler Vom Staate stets übersehen, wenn nicht gar verfolgt, sich selbst überlassen, lernte der Jude in der Diaspora entbehren, ringen, lernte er wirtschaftliche Selbsthilfe im engsten Sinne. Der ökonomische Zusammenschluß ist ihm aber fremd geblieben. Jüdische Gelder, Spareinlagen und Anteile machen fremde Banken mächtig und reich. Die Befriedigung auch ihrer gerechtesten Kreditansprüche können aber die jüdischen Gewerbetreibenden, Kaufleute, Handwerker dort kaum finden. Die Mittel, die sie selbst zu nicht geringem Teile zusammengebracht haben, werden ihren andersnationalen Konkurrenten zur Verfügung gestellt. Jüdisches Geld wird für Nichtjuden verwendet, dient oft judenfeindlichen Unternehmungen. Darum ist wirtschaftlicher Zusammenschluß für uns von der größten Bedeutung. Politischer Einfluß kann ja nur in wirtschaftlicher Kraft seinen Anfang nehmen. Erst dann kann er auf diese vorteilhaft zurückwirken. Als die Zionisten Galiziens imi Jahre 1906 mit ihrer politischwirtschaftlichen Tätigkeit einsetzten, waren sie sich der Wichtigkeit ihrer Arbeit voll bewußt. Bald nach den Wahlen des Jahres 1907 setzten auch die ersten ernsten Bemühungen und Versuche ein, eine zionistische Kreditorganisation rn Galizien zu schaffen. Unerhörte Hindernisse mußten überwunden werden. So manches von polnischen politischen Organisationen geschaffene Geldinstitut, das in der Parteikasse oder durch unzweckmäßige Führung ein unrühmliches Ende gefunden hatte, wurde als abschreckendes Beispiel angeführt. Man wußte, wie gefährlich es sei, Partei und Banken in einem Atem auszusprechen. Es bedurfte der Ausdauer und Hingabe des damaligen Präsidenten des Zentralkomitees der Zionisten Galiziens, des jetzigen Rabbiners in Lodz Dr. Markus Braude, um alle Hindernisse zu überwinden. Fast ein Jahr währten die Vorarbeiten, bis endlich im Frühling des Jahres 1909 aus dem ganzen Lande knapp 100 000 Kr. als Anfangskapital mit größter Mühe zusammengebracht wurden. Der verstorbene Reichsratsabgeordnete Dr. Heinrich Gabel und Direktor Lucian Brunner liehen dem Werke ihre Hilfe. Und als in der Person 'des Direktors Julius E i s fe r der richtige, erfahrene Steuermann gewonnen war, da war die „K redit-Union“ eing. Genossenschaft m. b. H. in Lemberg im Juni 1909 unter •Dach und Fach. Es war eine Schöpfung völlig neuer Art, die die Zionisten mit Sympathie begrüßten, der aber die jüdische Finanzwelt kalt und abwartend gegenüberstand und die die polnischen Landesinstitute feindlich aufnahmen. Schon der Davidsschild auf den Drucksachen erregte Aufsehen. Mehr als 4i/2 Jahre emsiger, stiller Arbeit sind seit jenen Tagen verstrichen. Der umsichtigen, zielbewußten Leitung der „Kredit-Union“ in Lemberg gelang es während dieser Zeit, das eigene Vormögen um das 61/2 fache zu vermehren, schon im Dezember 1909 eine Zweiggenossenschaft in Tarnopol, im Januar 1910 Zweiggenossenschaften in Brody, Brzezany, Krakau und eine Volks vorschußkässe in Lemberg zu begründen. Im Jahre 1911 eröffnete die „Kredit- Union“ in Lemberg eine Filiale in Drohobycz, die „Kredit- Union“ in Tarnopol eine Filiale in H u s i a t y n. Im Dezember des Jahres 1911 wurde in Stanislau die „Galizische Kreditanstal t“, Gesellschaft m. b. H., mit einem Vermögen von 150000 Kr. errichtet. Als die Jahre der unendlichen Krisen kamen (1912 und 1913), da mußte zwar von weiteren Neugründungen für eine gewisse Zeit abgesehen werden, die bestehenden zionistischen Institute aber trotzten allen Stürmen. Im Lande wankte und krachte damals so manches, was seit Jahrzehnten felsenfest zu stehen schien,' die zionistischen Genossenschaften zeigten sich kerngesund. Freund und Feind mußte das anerkennen. Den besten Beweis ergeben die Bilanzen Vom 31. Dezember 1913, also nach dem schwersten Krisenjahre: Stand der zionistischen Kreditorganisationen in Calizien am 31. Dezember 1913 Anstalt A„WIe Reservefonds Veralögen Mitglieder Spareinlagen Kr. Wechselescompte Umsatz »Kredit-Union“ Brody. . . 22736.— 1 797.- 24 533.— 412 6894.98 80843.75 2 379 049 22 „Kredit-Union“ Brzezany. 19 657.— 2 270.99 21 927.99 262 19 953 46 122 326.30 3 138 922.50 „Kredit-Union“ Krakau . . 43 475.— 3 000.- 46 475.— 407 99 643.45 177 122.33 3 713 724.56 „Kredit-Union* Lemberg, Filiale Drohobycz .... 5?0 600.— 97 983.88 648583.88 1003 515 248.28 1076200011 82 745 761.92 „Volksvorschusskasse b. d. Kredit-Union“ Lemberg 19 084 88 652.32 19737.20 536 nimmt keine Spareinlagen entgegen 81 454.— 3 786 288 60 „Galizische Kreditanstalt“ Stanislau. 150 000 — 14 500.— 164500.— 207 399 834 73 2 111 717.63 16409 066.54 »Kredit-Union* Tarnopol, Filiale Husiatyn. 84 693 — 7992.25 92 685.25 763 128 727 97 1760700.03 9553441.68 Zusammen: 6 Genossenschaften, 2 Filialen, 1 Gesellschaft 890245 88 128196.44 1108 442.32 3590 1 180302.87 15 095 759.15 121 727 955.L2 Mit gutem Rechte konnte die Direktion der „Kredit- Union“ in Lemberg berichten: „Die politischen Wirren Europas in der zweiten Hälfte des Jahres 1912 machten sich in allen Orten und in allen Unternehmungen peinlich fühlbar, und die vorher gute geschäftliche Konjunktur flaute unter deren Einwirkung vollkommen ab. Außer den von den Kriegen direkt betroffenen Ländern aber traten katastrophale Folgen wohl nirgends so in Erscheinung, wie in Galizien, welches Grenzenland unter der Kriegsangst und der angesichts der sichtbaren Kriegsvorbereitungen verständlichen Panik der Bevölkerung am meisten zu leiden hatte. So begann denn das Administrationsjahr 1913 unter den denkbar schlechtesten Auspizien: Spareinlagen-Runs, Kreditentziehungen, Insolvenzen und Bankerotte. Im Frühjahr 1913 erfolgte dann die politische Entspannung, auch für Galizien löste sich der Alpdruck, unter dem alles wirtschaftliche Leben zu ersticken drohte; dafür hatten wir eine Ueberschwemmungs-Katastrophe, wie sie wohl die Annalen des Landes noch nicht verzeichneten. Unter den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.