Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 329

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Eine Vorbedingung der Universität
Date
1914-04-03
Page
329 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316639-3353137--59947-3353252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIES^ffiLT es, daß die Bücher auch wirklich zu finden sind, daß sie in den Katalogen stehen und nach der Anweisung der Kataloge auch geordnet sind. Das ist alles nicht der Fall. Das zweite ist, daß diese wirklich kostbare Sammlung von Büchern, die unser Joseph Chasanowicz für das jüdische Volk gesammelt hat, die er denn JüdischenNationalfondsdurchnotariellen Akt übergeben hat, noch immer nicht im Eigentum des rechtmäßigen Besitzers ist, und daß man gar nicht daran denkt, diesen Besitz des jüdischen Volkes an diesen rechtmäßigen Besitzer, den Jüdischen Nationalfonds, oder an den „Kedem", herauszugeben oder wenn man das nicht mag, in die Hände von Dr. Joseph Chasanowicz zurückzuerstatten. Das ist um so bedauerlicher, als dieser augenblickliche widerrechtliche Besitzstand eben auch die Ursache der trostlosen Verhältnisse dieser Büchersammlung ist, die alles andere als geordnet oder gar rechtlich gesichert ist. Dazu kommt aber noch, daß der emsige Sammelfleiß unseres Dr. Chasanowicz, der etwas so Besonderes darstellt, daß die spätere jüdische Geschichte ihm ein Ehrenblatt widmen muß, wenn sie nicht ungerecht werden will, sich naturgemäß in erster Linie auf alle die ja sehr großen Gebiete erstreckte und noch erstreckt, die das Judentum und den Hebraismus im Besonderen zum Gegenstände haben. Damit aber kann diese Büchersammlung, wenn sie wirklich, wie wir hoffen, einmal eine echte Bibliothek werden sollte, nur die Studien einer jüdischwissenschaftlichen Sonderfakultät und am ehesten eines Rabbinerseminars fördern. Aber für die ganze sonstige historische, auch die jüdische Forschung, soweit sie von nichtjüdischen Gelehrten getrieben wurde, für die ganze Philosophie und Mathematik, Literaturforschung und Jurisprudenz, Kunstwissenschaft und Pädagogik, und überhaupt alle nichtjüdischen Wissenschaften im eigentlichen Sinne fehlt es an allem. Immerhin wird diese Sammlung von nahezu 40 000 Bänden eine sehr wertvolle Ergänzung unserer Universitäts-Bibliothek sein. Der Weg aber, eine Jerusalemer Universitätsbibliothek gründen zu können, ist ein anderer. Wir gründen die Bibliothek in Berlin, wo wir sie sammeln, sichten, verzeichnen und ordnen, um sie zur gegebenen Zeit fix und fertig nach Jerusalem überzuführen. Das ist eine Sache der Bibliothekstechnik, die nicht mehr neu und bereits oft probiert ist. Ich erinnere nur an die hervorragende Gründung der aus deutschnationalen Gründen geschaffenen Posener Kaiser- Wilhelms-Bibliothek, die in Berlin fertig zum Gebrauch dastand, als das Gebäude in Posen seiner Vollendung entgegenging. Sie ist in Berlin geschaffen und zwar gleich mustergültig. In Berlin wird an dem vom Actions-Comite bestimmten Ort die Sammelstelle sein, wo alle Spenden an Büchern eingehen, wo sie sofort katalogisiert und gebrauchsfertig gemacht werden und des Tages harren, wo man sie überführt an ihre bleibende Stätte. An dem Tage, wo wir die Bibliothek in Jerusalem brauchen, werden wir sie dort haben. Aber in Berlin werden wir sie zusammenstellen. Jeder jüdische Schriftsteller und jeder jüdische Verleger wird es für selbstverständlich halten, ein Ehrenplfichtexemplar des neuen Werkes der Bibliothek zu widmen. Dort wird es ein Exlibris erhalten, das den Namen des Spenders für alle Zeiten mit dem Buche vereinigt und ihm ein ewiges Andenken in Jerusalem sichert. In den Katalogen wird bei jedem Buche der Spender vermerkt sein. Jeder junge Doktor wird es lernen, es als hohe Ehre zu betrachten, daß die Jerusalemer Universitäts-Bibliothek seine Dissertation aufbevvahren wird, die er ihr schickt. Denn wir gebrauchen jede Schrift, die im Druck erschienen ist. Keine einzige ist so nebensächlich', daß sie nicht gelegentlich dazu dienen könnte, einmal als wissenschaftliches Material einem Forscher Dienste leisten zu können, die wir niemals im voraus ahnen können. Schon heute gibt es auch Tausende, die gern der hebräischen Universitäts-Bibliothek Bücher schenken würden, wenn sie nur wüßten, wie und auf welchem Wege das geschehen kann, wer die Bücher zu empfangen hat und wer der Eigentümer sein wird. In allen Sprachen sind uns Bücher willkommen, und in allen Sprachen würden wir sie bekommen, wenn wir nur diese Fragen endgültig beantworten könnten. Aber bitte mich genau zu verstehen: Nur saubere Bücher und gute Exemplare schicken, möglichst in gutem Einband, denn die Bibliothek ist kein Reinigungsinstitut und auch keine Brockensammlung! Der rechtliche Eigentümer der Universitäts-Bibliothek ist nach dem Gründungsbeschlusse das vorbereitende Komitee der hebräischen Universität zu Jerusalem, später das Kuratorium der gegründeten Universität. Die vorbereitende Sammelstelle der Bibliothek nimmt nur Bücher, aber unter keinen Umständen Geldspenden an*). Welches große Interesse diese Gründung einer Universitäts-Bibliothek in den Kreisen der sogar direkt Unbeteiligten, besonders aber der Akademiker hervorruft, dafür einige kleine Beispiele: Als ich in Wien auf dem Kongreß auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Bibliothek hingewiesen hatte, da sagte mir sofort ein kinderloses Ehepaar, als ich die Tribüne verließ: „Jetzt wissen wir endlich, was wirfüreinen Kaddisch doch haben werden." Die Witwe eines unserer Führer, der eine große Bibliothek hinterlassen hat, die noch in den Händen unserer verehrten Gesinnungsgenossin ist, fragte mich unmittelbar nach dieser Rede, in welcher Weise sie die rechtliche Garantie schaffen könnte, daß ihres Mannes Bibliothek in der bezeichneten Weise in die Universitäts-Bibliothek übergehen könnte. Und ein durch seine wissenschaftlichen Arbeiten als Gelehrter bekannter Wiener Gemeinderabbiner versprach mir sofort aus seiner eigenen Bibliothek reiche Spenden, wenn erst ein Beschluß vorläge, nach dem die Bibliotheksgründung für Jerusalem in Berlin unter rechtlich gesicherten Formen in die Hand genommen Ein deutscher Universitätsprofessor machte mir dazu noch folgenden Vorschlag, den ich hiermit der interessierten Oeffentlichkeit unterbreite: „Es müßte ein eingetragener Verein gegründet werden, dessen Mitglieder — nur jüdische Akademiker aus den Kreisen der Dozenten ünd Bibliothekare, der Oberlehrer, der Abteilungsvorsteher und Dirigenten an wissenschaftlichen Instituten — sich verpflichten würden, außer einem kleinen Jahresbeitrag dem Verein nach ihrem Ableben ihre Bibliothek zu überlassen. Um juristische und Steuer-Schwierigkeiten zu vermeiden, müßte die Bibliotheksüberlassung zu einem Bestandteil der Mitgliederbeitragspflichten gemacht werden, dessen Erfüllung erst nach dem Tode des Mitgliedes, nach dessen Wunsch natürlich auch früher, eintreten sollte." Diese wichtige Anregung, die vielleicht noch der Modifizierung bedarf, ist auch deshalb von großem Werte, weil sie mit Recht darauf hinweist, daß die Gründung der Universitäts-Bibliothek natürlich eine allgemein-jüdische und keine einseitige Parteiangelegenheit ist. *) Dieser Artikel wurde bereits vor mehreren Monaten geschrieben. Seitdem hat das Actions-Comite den formellen Beschluß gefaßt, in Berlin eine den Intentionen dieses Artikels entsprechende Sammelstelle zu schaffen. Die Adresse dieser Sammelstelle, an die Bücherspenden zu senden sind, und die auf Anfragen gern weitere Auskünfte erteilt, ist: Kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich Loevve, Berlin NW. 52, Flemraingstraße 12.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.