Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Article
- Eine Vorbedingung der Universität
- Date
- 1914-04-03
- Page
- 328 (sequence 1)
- Language
- German
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328 --- -- ü. - - D»E^TELT=-- - Nr. 14 EINE VORBEDINGUNG DER UNIVERSITÄT Von Heinrich Loewe Es gibt Wahrheiten, die sich von selbst durchsetzen. Man kann ihnen in Einzelheiten kritisch entgegentreten. Aber sie leuchten ein. Es ist kein Zweifel, daß der Grundgedanke richtig ist. Die Gründung der Universität in Jerusalem gehört zu diesen jedem einleuchtenden Gedanken. Man kann dabei verschiedener Meinung sein, in welcher Folge man sie zu entwickeln gedenkt. Ob man besser mit einer medizinischen Fakultät oder mit einer philosophischen beginnt. Der eine sieht die Schwierigkeiten der medizinischen Institute, der andere mehr die Bedenklichkeiten bei den Kämpfen um die Weltanschauung, die in einer philosophisch-historischen Fakultät nicht ausbleiben können. Aber der Grundgedanke wird gleichwohl für richtig erkannt und bedarf keiner Propaganda, weil er einem Zeitbedürfnis entspricht und nur dem Ausdruck verleiht, was als allgemeines Gefühl in uns allen schlummert. Aber es gibt auch Wahrheiten kleineren Umfanges, die deshalb von der großen Allgemeinheit übersehen werden. Oft leidet die Sache selbst dadurch Schäden, daß nur die Sachverständigen und Nächstinteressierten ihre Größe und Wichtigkeit zu ermessen vermögen. Gewöhnlich ist das der Fall bei jenen Postulaten, die mit der Umsetzung der großen Hauptidee in die Wirklichkeit Zusammenhängen. Das gilt auch von der hebräischen Universität zu Jerusalem, über deren Notwendigkeit wir uns einig sind, und bei der wir vielleicht zum Teil auseinandergehen, wenn es sich um die Modalitäten der Ausführung handelt. Ja, wenn wir die vielen Millionen hätten, um von heute auf morgen das Werk allseitig beginnen zu können! Aber so sind wir darauf angewiesen, langsam und systematisch vorzubereiten und allmählich auszubauen. Und es ist gut so. Denn eine Sache, die langsam aber sicher aus dem Boden hervorwächst, die sich natürlich entwickelt und den Bedürfnissen stetig folgt, steht fester da als jene Wunderbauten, die über Nacht errichtet, über Nacht vergehen können. Wir werden genötigt sein, langsam die Institute zu schaffen, aus denen später die Hochschule als Volluniversität zusammenwachsen wird. Vielleicht wird uns jetzt manches zu einer medizinischen Fakultät noch fehlen. Aber dauernd wird es nicht fehlen. Nur dürfen wir nicht die Hände in den Schoß legen, in der Erwartung, daß sich alles von selbst entwickeln wird. Es wird nichts sich entwickeln, was nicht durch unsern Enthusiasmus und nicht durch unsere fleißige, unermüdliche Arbeit geschaffen und gefördert Aber wir würden uns im größten Irrtum befinden, wenn wir durch die Not des Augenblicks uns dazu verleiten ließen, in der zukünftigen Universität nur eine Anstalt zu sehen, die eine höhere Schule als das Gymnasium darstellt. Eine Universität muß in erster Linie eine Forschungsstätte sein, wo der Student lernt, an den Forschungen und gelehrten Arbeiten des Professors teilzunehmen, um an ihnen zu lernen, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten. Die Universität ist in erster Linie der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung gewidmet und erst in zweiter Linie der Heranbildung der Schüler. Und hierauf müssen wir bereits bei der Einleitung der ersten Schritte bedacht sein. Die gelehrte Arbeit und ihre Methode ist aber eine grundverschiedene je nach den Wissensgebieten. Während man bei den reinen und angewandten Naturwissenschaften zuerst einmal der Anschauung und des Experimentes bedarf, sind die Geisteswissenschaften darauf angewiesen, dauernd daran anzuknüpfen, was andere Geister früher erdacht und was fleißige Hände und Köpfe in allen Jahrhunderten erforscht und geschrieben haben. Man kann nicht Literaturgeschichte, sei es hebräische oder deutsche oder allgemeine, treiben, ohne daß man außer der eigentlichen Literaturgeschichte die Quellen dieser Wissenschaft, d. h. die Literatur selbst, durchforscht. Dazu gehört, daß man diese Literaturen zur Hand hat. Man kann weder jüdische, noch allgemeine oder irgendeine besondere Geschichtswissenschaft pflegen, wenn man nicht außer der darstellenden historischen Literatur und dem reichen Schatze wissenschaftlicher historischer Forschung, der in Büchern und Zeitschriften vorliegt, das geschriebene und gedruckte Quellenmaterial zur Hand hat. Es ist auch unmöglich, juristische Forschung zu treiben, ohne in jedem Augenblicke auf Literatur und Quellen zurückgehen zu können. Und dasselbe gilt von allen Geisteswissenschaften. Und wie sehr sich auch die reinen und angewandten Naturwissenschaften der Naturbeobachtung und vor allem des Experimentes bedienen, auch sie können, wenn sie auch etwas weniger darauf angewiesen sind, der dauernden Benutzung der einschlägigen Fachliteratur keineswegs entraten. Daher ist die erste Vorbedingung jeder Universität die große wissenschaftliche Bibliothek. Als die Universität zu Berlin eröffnet wurde, da hatte die Berliner Königliche Bibliothek bereits ein Leben von anderthalb Jahrhunderten hinter sich. In Königsberg war die Büchersammlung aus den Zeiten des Reformationszeitalters die Grundlage der wissenschaftlichen Forschung, die sich dann zu einer Universität verdichtete. Ueberall war zuerst die Bibliothek da, an die sich die wissenschaftliche Forschung anlehnte, und später entwickelte sich aus ihr die Universität. Denn es kann sehr gut Bibliotheken, auch große Bibliotheken geben, wie z. B. in Hamburg, ohne daß notwendigerweise eine Universität da ist. Aber eine Universität ohne die große wissenschaftliche Bibliothek ist ein Unding. Nur da sind in Europa Universitäten ins Leben gerufen worden, wo schon vorher wissenschaftliche Bibliotheken existierten. Sie sind die Grundlagen aller wissenschaftlichen Forschung, die Arsenale des arbeitenden Forschers und deshalb die unumgänglichen Vorbedingungen der Forschüngstätten, die wir als Akademien und Universitäten und Hochschulen allerart bezeichnen. Der erste Schritt zu einer hebräischen Universität in Jerusalem muß die Gründung einer Universitätsbibliothek in Jerusalem sein. Das ist freilich eine Wahrheit, die sich nicht so leicht in das Ohr des Hörers einschmeichelt. Denn es gehören dazu Erfahrungen, die die Allerwenigsten zu machen in der Lage sind. Aber wenn wir es vernachlässigen sollten, schon jetzt an die Schaffung und Ordnung einer Universitätsbibliothek zu gehen, so werden wir auch nach Jahrzehnten nicht imstande sein, der Universität in Jerusalem eine wissenschaftliche Existenz zu geben. Wir aber wollen kein Diplominstitut, sondern eine wirkliche Universität, die eben die gesicherte Heimstätte der freien Forschung und des freien jüdischen Geistes ist. Man soll mir aber nicht entgegenhalten, daß es ja in Jerusalem bereits nicht bloß eine einfache Bibliothek, sondern sogar schon eine Bibliothek gibt, die gelegentlich den pompösen Namen „N a t i o n a 1 b i b I i o t h e k“ trägt. Aber erstlich ist diese Bibliothek keine Bibliothek. Denn zum Wesen einer Bibliothek gehört