Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Article
- Franz Oppenheimer
- Date
- 1914-03-27
- Page
- 306 (sequence 1)
- Language
- German
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306 DIEXXELT Nr. ' 3 FRANZ OPPENHEIMER (Zu seinem 50. Geburtstag) Dr. med. et phil. Franz Oppenheimer wurde am 30. März 1864 in Berlin geboren. Sein Vater war der 1909 verstorbene Prediger der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin Dr. phil. Julius Oppenheimer, gebürtig zu Uslar in Hannover, der Abkömmling einer langen Reihe gelehrter Rabbiner; nur sein Vater hatte in den Stürmen der napoleonischen Zeit Kaufmann werden müssen. Oppenheimers Mutter war die Tochter des praktischen Arztes Dr. Johannes Davidsohn in Pyritz in Pommern, eines ungewöhnlich gelehrten und intelligenten Mannes, eines Freundes des Lessingbiographen Stahr. Die Mutter selbst war geprüfte Erzieherin, eine Frau von den seltensten Gaben des Geistes und Charakters. Franz Oppenheimer besuchte die Vorschule und die neun Klassen des Friedrichs-Gymnasiums in Berlin, und gelangte 1881 nach einem glänzend bestandenenen Examen mit nicht ganz 17 Jahren zur Universität. Er studierte in Freiburg und Berlin Medizin, promovierte im Frühling 1885 zum Doktor der Medizin und bestand ein Jahr später das medizinische Staatsexamen. Während seiner Studienzeit hatte ihn das Vertrauen seiner Kommilitonen, die ihn namentlich als einen der besten Fechter und öffentlichen Redner Berlins bewunderten, in alle repräsentativen Stellungen entsandt, die zu vergeben waren. So vertrat er namentlich die medizinische Fakultät im Ausschüsse der Studentenschaft. Nachdem er seiner militärischen Dienstpflicht genügt hatte, ließ er sich im Frühling 1887 als Arzt in Berlin nieder und gewann schnell eine gute Praxis. Aber sein hungriger Geist war mit dem materiellen Erfolge nicht zufriedengestellt. Er arbeitete wissenschaftlich weiter, namentlich auf dem Felde der pathologischen Histologie, aber auch auf allen Gebieten der Philosophie und namentlich bald auch der soziologischen Wissenschaften. Hier gewann er seine ersten Erfolge als populär-wissenschaftlicher Schriftsteller. Im Jahre 1893 kam Oppenheimer in Berührung mit zwei Bewegungen, die für sein Leben und seine wissenschaftliche Laufbahn entscheidend werden sollten. Die eine war der Klub der jungen Berliner Intelligenz, der sich unter dem Namen des „ethischen Klubs“ allwöchentlich einmal zu Vorträgen und freien Diskussionen zusammenfand. Es waren die besten Köpfe der damaligen deutschen Jugend, die hier ihre ersten Waffengänge ausfochten, eine große Zahl von Namen, die in den folgenden Jahrzehnten zu Ruhm kamen: Richard Dehmel, Otto Erich Hartleben, Julius und Heinrich Hart, Wilhelm Bölsche, Bruno Wille u. a. m. In diesem Kreise war Oppenheimer einer der lebhaftesten Kämpen. Hier zum erstenmal kam er in Berührung mit den damals allmächtig vordringenden Gedankengängen des jungen, noch nicht bureaukratisierten Sozialismus. Die Folge davon waren ernsthafte Studien über volkswirtschaftliche Dinge; namentlich Adam Smith und Marx fesselten seinen Geist. Derart vorbereitet, kam er etwas später in Berührung mit dem Kreise, der sich damals um Theodor Hertzka gruppierte, jenen gläubigen Utopisten, die das soziale Gemeinwesen am Kenia in Zentralafrika aufbauen wollten. Oppenheimer fühlte sich durch die Konstruktion des Gesellschaftsbildes im höchsten Maße gefesselt, lehnte aber von vornherein mit der ihm eigenen nüchternen Klarheit die utopistischen Bestandteile der Lehre ab, d. h. er verwarf das Projekt, das Hertzkas „Freiland“ am Kenia aufbauen wollte. „Cultura non facit saltum“: dies war der leitende Gedanke einer kleinen Broschüre „Freiland in Deutschland“, die er 1893 veröffentlichte. Im Gegensatz zu Hertzka meinte er, d-, Verwirklichung der sozialen Ordnung sei an der Per - pherie der Kultur unmöglich, dagegen im Zentrum d.. Kultur durchaus möglich. Der Erfolg der Schrift w : zunächst der, daß die Hertzkasche Gefolgschaft sich zersplitterte; ihr größerer Teil ging mit Oppenheimer, de: von da an „Freiland in Deutschland“, nämlich den Gedanken seiner „Siedlungsgenossenschaft“ propagierte. Zu dem Zwecke veröffentlichte er 1896 einen starken Band unter dem Titel „Die Siedlungsgenossenschaft, Versuch einer positiven Ueberwindun^ des Kommunismus durch Lösung des Genossenschafts- Problems und der Agrarfrage“. Der leitende Gedankt ist der folgende: die Ursache aller sozialen Uebel besteht darin, daß der Grund und Boden, der an und für sich weit mehr als ausreichend wäre, um alle Menschen mit dem notwendigen Lande auszustatten, durch die Oberklasse gegen das Siedlungsbedürfnis der Unterklasse gesperrt, monopolisiert ist; dieses Monopol ist die Schöpfung der erobernden Gewalt, die überall den Staat und das Recht des Eigentums geschaffen hat. Wenn es gelingt, diese Bodensperre zu zerbrechen, das Monopol aufzuheben, dann verschwindet mit ihm die Klasse freier Arbeiter, d. h. besitzloser Proletarier, — denn jeder kann genug Land zu selbständiger Bauernschaft erhalten — und damit verschwindet alles das, was an dem „Kapitalismus“ der Gegenwart gefährlich und verdammenswert ist, während alles das bleibt, was lobenswert und nützlich ist, vor allem die freie Konkurrenz, die persönliche Initiative und die Ergiebigkeit der gesellschaftlichen Arbeit. Insofern steht Oppenheimer grundsätzlich auf demselben Boden, wie Henry George, den er als einen der höchsten Wohltäter der Menschheit verehrt. Audi er ist in gewissem Sinne „Bodenreformer“. Aber au der etwas anderen Diagnose folgt ein anderer Heilplan Henry George, der in allem Grundeigentum die Wurz! der Uebel sah, mußte darauf zielen, alles Grundeigentum abszuschaffen, und kam so zu seinem Vorschlag, der Wegsteuerung der Grundrente. Oppenheimer, de: im Gegenteil erkannt hatte, daß nicht das Grundeigentum an sich, sondern nur die Bodensperre die Schuld trägt, richtet seine Angriffe lediglich gegen das G r o ß.- grundeigentum. „Hebt es auf,“ so sagt er, „und das Eigentum behält alle seine Vorteile und verliert alle seine Sünden.“ Zu diesem Zwecke empfiehlt er die Verwandlung der Latifundien in selbständige Bauerngüter durch Auskauf der Großbesitzer. Vor allem empfiehlt er die Selbsthilfe der unteren Klassen auf dem Wege des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, über die landWirtschaft liehe Arbeiter-Produktivgenossenschaft zur höchster Form der Genossenschaft überhaupt, zur „Siedlung? genossenschaft“. Diese Gedanken hat Oppenheimer nun in achtzehn jähriger Arbeit immer weiter ausgebaut und gegen alk wissenschaftlichen Einwände geschützt. 1898 erschien ein großer Band unter dem Titel „Großgrundeigentun und soziale Frage, Versuch einer neuen Grundlegun: der Gesellschaftswissenschaft“. Dann folgten 1900, 190 und 1908 drei kritische Analysen der entgegenstehendei wichtigsten ökonomischen Lehren: des Bevölkerung? gesetzes von T. R. Malthus, des Gesetzes der kapita listischen Akkumulation von Karl Marx, und des Ge setzes der Grundrente von David Ricardo. Dazwischen