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Die Welt · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. 272

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Article
Eine Auseinandersetzung mit der Religion [Rezension]
Date
1914-03-13
Page
272 (sequence 2)
Language
German
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272 DIEXftELT Nr. lt sucht der heutige Mensch den Weg zu einer Lösung des alten Rätsels, sucht und steht vor der Wahl. Diese Wahl hat drei Möglichkeiten der Entscheidung: die tragische Weltauffassung der Griechen, die optimistische der jüdisch-christlichen Religion, die pessimistische der Inder. Folgen wir Maurenbrecher zunächst auf seinem Wege durch die griechische Geistesentwicklung. Er erzählt hier ohne Voreingenommenheit, ja mit tiefer Liebe und darum ist dieser Teil des Buches der beste. Nicht die griechischen Philosophen kommen da zu Worte: sie fallen ja schon ganz in die jüdische Linie. Es sind die Dichter, welche den griechischen Geist repräsentieren. Die Grundstimmung der griechischen Dichtung und Religion ist die Tragik gewesen. Sie sahen das Leid des Lebens und wußten keine Antwort auf die Frage, die es stellt. „Nie geboren zu sein, ist weitaus das Beste. Doch wenn du lebst, ist das zweite, dich schnell dahin zu wenden, woher du kamst," läßt Sophokles die Greise von Kolonos singen. Die sonnige Heiterkeit der griechischen Kunst, ihre Lebenslust und Wirklichkeitsfreude, gehen nicht bis an die Wurzel der griechischen Seele; sie sind Ueberwindungen, Siege im Kampfe mit dem Leid. Alle Mythen, welche Griechen schufen, und alle Dramen, die sie aus diesen Mythen gedichtet haben, zeigen nur das Leid der Helden, und dieses Leid ist sinnlos, ohne Grund und ohne Zweck: Laune, Gewalttat, Eigensinn, Neid der Himmlischen. Diese Himmlischen sind die Machthaber, aber sie sind nicht gut, und ihre Herrschaft ruht nicht auf der Gerechtigkeit. Das Grundproblem der griechischen Religion lautet dementsprechend: Darf man die Götter, deren Tun in schreiendstem Widerspruch steht zu dem, was man selbst als sittlich und gerecht empfindet, noch verehren? Dieser Konflikt zwischen sittlicher Forderung und altüberlieferter Religion spricht am lautesten aus dem Prometheusdrama des Aeschylos. Die Analyse dieses Dramas ist wohl der gelungenste Teil der Ausführungen Maurenbrechers. Zwei Probleme hebt er aus dem Drama heraus: das religiöse und das sittliche. Das sittliche Problem sucht hinter dem zufälligen Wechselspiel der Wirklichkeit einen sittlichen Sinn, bemüht sich, für das Leid in der Welt eine Ursache zu finden, die es vereinbar machen würde mit dem Glauben an eine sittliche Weltordnung. Das religiöse Problem erkennt im Gegenteil als Tatsache an, daß das Weltgeschehen sinnloser Laune entspringt und fragt nur, ob der Mensch trotzdem dem obersten Weltwillen Verehrung zu zollen habe. Diese Frage ist die Frage des Prometheus. Aus ihr quillt die Empörung und der unbeugsame Trotz, der durch die Reden und Lieder des Prometheus rast. Der unschuldig Leidende ist zu stolz, um vor dem ungerecht strafenden Gott um Gnade zu flehen. Er schreit dem Gotte seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht. Die Gerechtigkeit seiner Forderung gibt ihm Selbstachtung und Kraft auch im Unglücke. Wäre die religiöse Entwicklung in dieser Linie fortgegangen, dann wäre wohl — meint Maurenbrecher — eines Tages der Glaube an die Götter zusammengebrochen und ein trauriger Dualismus wäre übriggeblieben: auf der einen Seite das sinnlose, bewußtlose Weltall, das überhaupt keine Einheit ist, sondern ein wirres Durcheinander sinnloser Zufälligkeiten, auf der andern Seite stünde der Mensch als der einzige in der Welt, der etwas will, der ein Ziel und eine Wertung kennt. Die sittliche Erziehung der Menschen unter der Herrschaft einer solchen Weltanschauung hätte aus dem Blick auf diese Sonderstellung des Menschen in der Welt Kraft zum Wollen und zur Ordnung geschöpft, aber auch den Heroismus im Ertragen von Leiden; denn das Leid wäre nur das selbstverständliche und erwartete Schicksal desjenigen, der als einzig sittlich Wollender den Kampf mit dem sinnlosen Zufall auf sich genommen hat. Es wäre die Religion des tragischen Helden gelebt worden. Aber die Geschichte ging einen anderen Weg. Die Menschheit hatte die Kraft nicht zu jenem unerbittlichen Realismus und zu der stolzen, dem Schicksal trotzenden Sittlichkeit des Griechentums; darum flüchtete sie sich zu den Altären des Orients und suchte billigen Trost in der Jenseitsreligion des Judentums. So ungefähr denkt sich Maurenbrecher die seelischen Prämissen für die durch das Christentum vollzogene Judaisierung der Welt. Die griechischen Tragiker sahen in der Welt ein gleichgültiges Chaos und im menschlichen Herzen die Geburt der sittlichen Idee. Die jüdische Religion ging von der unerschütterlichen Voraussetzung der sittlichen Ordnung in der Welt aus und vermochte das empirische Geschehen mit dieser Prämisse nicht anders zu versöhnen, als dadurch, daß sie den Menschen in einem Pfuhl von Sündhaftigkeit versinken ließ. Gott ist gerecht, also muß der Mensch gesündigt haben, wenn er leidet. Das Judentum habe lieber den Menschen beschimpft und verachtet, als daß es die göttliche Gerechtigkeit antasten ließ, meint Maurenbrecher. Das sei „der unedelste Zug in dem Sklavencharakter der jüdischen Religion." In der Darlegung der jüdischen Religion ist nun Maurenbrecher von einer Naivität und einem Unverständnis, die kraß abstechen gegenüber der feinsinnigen Art, wie er die Entwicklung seines Problems bei den Griechen verfolgt. Der jüdische Gott ist ihm ungefähr der Gott der kleinen Kinder und des Katechismus: der mächtige Schöpfer der Welt, der einzige, der überhaupt in diesem Geschehen einen eigenen Willen hat, von dem wir alle abhängen; wir sind wie die Marionetten im Puppentheater. Er wollte die Welt und sie ward wie er sie wollte, und alle Verantwortung für alles Geschehene fällt einzig auf i h n zurück. Die jüdische Weisheit hat sich bemüht, das Leidproblem zu lösen, daß sie die Ursache alles Leids im Menschen suchte, weil sie in Gott den einheitlichen Sinn der Welt, das Eine suchte, von dem die Dualitäten unseres Daseins nicht abzuleiten waren. Maurenbrecher sieht hierin mit seinem Meister Nietzsche eine Verachtung des Menschen. In Wahrheit war es die höchste Ehrfurcht, die man dem Menschen bezeugen konnte. Durch ihn und für ihn war die ganze Dualität seines Daseins da. Er war der Einzige, der ein Gut und Böse, ein Wählen und Wollen kannte. Nichts könnte unser Leben höher ehren als dies: daß es ein immer erneutes Entscheiden ist. „Der Mensch erlebt die Fülle seiner innern Wirklichkeit und Möglichkeit als eine lebendige Substanz, die nach zwei Polen hinstrebt; er erlebt seinen innern Weg als eine Wanderschaft von Kreuzweg zu Kreuzweg. Die beiden Gegensätze, zu denen es im Menschen hinstrebt, mögen noch so wechselnde Inhalte haben; die Wahl am Kreuzwege mag als persönliche Entscheidung oder als äußere Notwendigkeit empfunden werden; die Grundform selbst bleibt unverändert, eines der wesentlichsten, bestimmenden Urdinge des Menschenlebens, ja vielleicht das wesentlichste unter allen, da sich darin das Mysterium der Urzweiheit und damit die Wurzel Und der Sinn alles Geistes ausspricht. In keinem Menschen aber war und ist diese Grundform so stark, so beherrschend, so zentral, wie sie im Juden war und ist. Nirgends hat sie sich so rein und restlos verwirklicht, nirgends hat sie so bestimmend auf Art und Schicksal gewirkt. Nirgends hat sie etwas so Ungeheueres, so Paradoxes, so Heroisches, so Wunderbares geschaffen wie dieses Wunderbare: das Streben des Juden nach Einheit." Mit diesen Worten hat Buber den Sinn der jüdischen Dualität und die innere Wahrheit jener Einheit Zum Ausdrucke gebracht, die sich der Jude über der eigenen Entzweiung als Sinn und Ziel seines eigenen

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