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Die Welt · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. 262

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-03-13
Page
262 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 262 DIE^ELT Mit Hinblick auf die neuen Schulen ist zu sagen, daß dort der hebräischen Sprache der gewünschte Spielraum eingeräumt werden wird. Wir haben uns niemals dagegen gewehrt, eine europäische Sprache zu unterrichten, denn wir kennen deren Wert für Industrie, Handel und Kultur. Aber wir wissen auch, wie weit wir gehen dürfen. Wir sind sicher, daß wir durch unsere Schulen die hebräische Sprache als Unterrichtsmittel und Umgangssprache zu neuem Leben erwecken werden. Außerdem soll unsere Arbeit eine Vorbereitung auf die hebräische Universität in Jerusalem werden.“ „Haolam“ (Odessa) beschäftigt sich an leitender Stei'ie seiner jüngsten Nummer mit der Aktion des Odessaer Palästinakomitees für die wirtschaftliche und geistige Hebung Jerusalems. Das Komitee der Chowewe-Zion hat spezielle Purimsammlungen für diesen Zweck in ganz Rußland veranstaltet und eine ausgedehnte Werbetätigkeit „letakanath Jeruschalajim“ (für die Förderung Jerusalems) eingeleitet. „Es ist kein Zufall“, wird in dem Aufsatz des „Haolam“ ausgeführt, „daß wir uns in den letzten Jahren wieder Jerusalems, der geistigen Metropole der Nation, erinnert haben, zu der wir uns viele Jahre hindurch mit seltenem Gleichmut verhalten hatten. Allmählich erkennen wir die besondere Wichtigkeit der palästinensischen Stadt für unser nationales Werk, und gar erst der Hauptstadt des Landes. Jene „ländliche Romantik“, die der Chibbath-Zion-Bewegung der ersten Jahre notwendig anhaftete, vermag die Ausbreitung der synthetischen Anschauungsweise nicht mehr aufzuhalten, die im Dorfe und in der Stadt zwei unlöslich verbundene Elemente sieht, die gleichzeitig gepflegt und nutzbar gemacht werden müssen. Nicht ohne guten Grund bemühen sich alle Völker, die zu neuem nationalen Leben erwachen, ihre Position im städtischen Leben zu festigen. Wohl dient das Dorf als Grundlage für die Bildung nationaler Lebensformen, und es bietet auch die natürliche Bürgschaft für die Erhaltung nationalen Lebens. Ohne das Dorf hat das Leben einer Nation nicht den festen Rückhalt und die erforderliche Elastizität. Allein es ist auch nicht zu leugnen, daß in unserer Zeit nationaler Einfluß nur durch größere Bevölkerungsgruppen, durch die Stadt, erworben werden kann, deren Leben kräftiger pulsiert und in einen weiteren Rahmen gespannt ist. Das Bestreben, unseren nationalen Einfluß im Lande zu mehren, ist ja die Seele vieler neuer Unternehmungen, die wir in den letzten Jahren in Palästina geschaffen haben. Dieses natürliche Streben hat insbesondere auch viel dazu beigetragen, unser Verhältnis zu Jerusalem und seinen 60 000 jüdischen Bewohnern zu ändern ... Zu der ländlichen Kolonisation und zu der kulturellen Arbeit muß sich die Gewinnung politischen Einflusses hinzugesellen. Und in dieser Beziehung müssen wir der palästinensischen Stadt, ganz besonders aber der Hauptstadt Jerusalem, eine so große Bedeutung zuerkennen, daß wir uns oft verwundert fragen, wie es denn kommen konnte, daß wir bisher dieses wichtige nationale Besitztum so sehr vernachlässigt haben. ... In gewissem Sinne besitzen wir in Jerusalem schon heute eine feste Position: zwei Drittel seiner Bewohnerschaft sind Juden . . . Allein es genügt uns keineswegs, daß wir in Palästina eine große Anzahl jüdischer Individuen haben. Was uns nottut, ist, daß diese Tausende von Juden eine geschlossene, organisierte und ihrer nationalen Aufgaben bewußte jüdische Gemeinschaft bilden. Und damit die Judenschaft Jerusalems diese ihre Bestimmung erkenne, damit sie sich zu jener festgefügten Einheit entwickle, die wir anstreben, müssen wir fortab einen bedeutenden Teil unserer zionistischen Tatkraft der Hebung Jerusalems zuwenden. Darum weisen auch wir aus Anlaß des Tages, den das Odessaer Komitee für die Aktion zur Hebung Jerusalems bestimmt hat, auf die Tragweite dieses Werkes hin, das die eifrige Mitarbeit eines jeden von uns erfordert.“ — Von den weiteren Aufsätzen der vorliegenden Nummer des „Haolam“ verdient besonders der gehaltvolle Artikel von Dr. M. Glücksohn über „Hermann Cohen und sein Kampf gegen den Zionismus" hervorgehoben zu werden. Glücksohn weist auf den „tragischen Gegensatz“ hin, der in der zwiespältigen Stellung Cohens als universalistischen Denkers zum nationaljüdischen Gedanken einerseits und zur deutschen Staats¬ und Volksidee andererseits zutage tritt. Er, der strenge Ethiker, wendet zweierlei Maß an: mit der deutschen Wirklichkeit, die ihn umgibt und seine individuelle Psychologie unbewußt gestaltet, weiß er sich sehr wohl abzufinden, an die jüdische Wirklichkeit aber tritt er unerbittlich mit dem Maßstab seiner idealistischen und universalistischen Weltauffassung heran. „Als sich im Lande Hermann Cohens Juden fanden, die von allem brüderlichen Empfinden verlassen, unseren schlimmsten Feinden nachstrebten und ihre ausländischen Brüder zu verfolgen begannen; als die Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Duisburg ihre ausländischen Brüder bei den Behörden anschwärzten und Anklagen gegen sie erhoben, die dem jüdische,* Namen zur Unehre gereichen, da fand sich Hermann Cohen nicht veranlaßt, für die verletzten ethischen Grundsätze, für die beleidigte jüdische Religion und deren große Ideale in die Schranken zu treten. Wir haben ihm dies gar nicht verdacht, denn wir wollten nicht, daß dieser einsame .Geistesfürst in die Niederungen des politischen Tageskampfes hinabsteige. Allein er ist gleichwohl herabgestiegen — als sich das „Bedürfnis“ ergab, Zwietracht unter Brüdern zu säen und eine Verrufserklärung gegen jüdische Männer zu erlassen. . . . Aber einst .wird die Geschichte an Hermann Cohen Rache üben. Diejenigen Juden, die er als Verräter und Abtrünnige hingestellt hat, werden ihrem Volke im Lande der Väter ein neues Leben bereiten und die antike jüdische Kultur erneuern. Und im Mittelpunkte des nationaljüdischen Schaffens, an der hebräischen Universität in Palästina, wird auch das große geistige Gut, das Cohen zum Besitztum des jüdischen und allgemeinmenschlichen .Denkens beigetragen hat, seine Anerkennung und seine Pflegestätte finden, nachdem die preußische Regierung dieses Gut schnöde preisgegeben hat. Nachdem Preußen das Heiligtum Cohens, die „Marburger Schule“, zerstört hat, weil es seinen Lehrstuhl dem einzigen jünger, der sein Lebenswerk fortzusetzen vermochte, dem Juden Ernst Cassirer, nicht übergeben wollte, — wird das neue Judäa die philosophische Lehre Cohens den künftigen Geschlechtern erhalten. Nach dieser Rache sehnen wir uns und wir wünschen, daß auch unser großer Feind sie noch mit eigenen Augen schaue . . .“ An weiteren Beiträgen enthält die Nummer eine (schon im vorigen Heft begonnene) sehr interessante Untersuchung vom Redakteur A. Drujanow über den jüdischen Kaufmann der Gegenwart, speziell in Osteuropa, ferner den Schluß ,eines farbenreichen, realistischen Gedichts „Leil Tebeth“ von Elijahu M eit um, das der Dichter als „Idylle“ bezeichnet, die Fortsetzung der Artikelfolge von L. Zitron „Beiträge zur Geschichte der hebräischen Presse“, eine eingehende Besprechung der „M onumenta Talmudica“ von Dr. ,M- Rappaport u. a. m. Im Kampf um die hebräische Sprache Soeben ist die Broschüre „Im Kampf um die hebräische Sprache" vom Zionistischen Actions-Comite herausgegeben worden. Viele tausend Exemplare der Broschüre sind kurz nach dem Erscheinen der Schrift verlangt worden, so daß neue Auflagen nötig geworden sind. Jetzt sind in dieser sachlichen Schrift, die vieles Tatsachenmaterial über den Sprachenkampf in Palästina enthält, nicht nur Darstellungen über die Bedeutung der hebräischen Sprache für das Gesamtjudentum, über das Schulwerk in Palästina, den Kampf der letzten Monate und die Broschüre Paul Nathans enthalten, sondern sie orientiert auch über den Verlauf der Sitzung des Kuratoriums am 22. Februar, in der die Hebraisierung des Technikums in Haifa beschlossen wurde. Die Broschüre ist kostenlos beim Zionistischen Zentralbureau, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8, zu erhalten. Bestellungen mögen sofort aufgegeben werden.

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