Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. 261

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-03-13
Page
261 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316636--59638-3352756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 11 261 blE^ELT verlassen. Zionisten und Nichtzionisten können dies bezeugen! Die Unzufriedenheit ist bloß künstlich erregt worden, sie beruht nicht auf Wirklichkeit, sondern auf Wahnvorstellungen und auf einem Chauvinismus ganz besonderer Art. Wenn ich von „Wahnvorstellungen“ spreche, so meine ich nicht die Hoffnung darauf, daß nach einer gewissen Zeit in Palästina der jüdische Geist neu auferstehen wird. Ob diese Hoffnung sich verwirklichen wird, hängt von Ereignissen politischer und sozialer Natur ab, die niemand Voraussagen kann. Aber die Möglichkeit einer solchen Entwicklung existiert, günstige Umstände vorausgesetzt. Mit Rücksicht hierauf hat der Hilfsverein stets in der Front gestanden, und wenn in Zukunft wirklich diese Früchte reifen sollten, so werden unsere Schulen den Samen zur Verbreitung der hebräischen Sprache ausgestreut haben. Vielleicht werden kommende Generationen Zeugen der Erneuerung der jüdischen Kultur sein, Seite an Seite mit der Kultur anderer großer Nationen. Die jüdische Kultur wird der Menschheit eine Entwicklung zeigen, welche, obgleich Tausende von Jahren alt, nichts von ihrer fruchtbaren Wirkung verloren hat. Ich glaube, daß ich in diesem Gedankengang mit Achad Haam einig bin, und ich würde es als „Wahnvorstellung“ bezeichnen, daß eine solche Entwicklung sich von heute auf morgen vollziehen könnte. Dies widerspräche allen historischen gleichartigen Fällen, nach den gegenwärtigen Verhältnissen Palästinas zu urteilen. Es leben jetzt in Palästina 100000 Juden. Sie sind aus aller Herren Länder zusammengeströmt, aus Marokko, Aegypten und Yemen. Es sind spanische Juden, Juden aus Bagdad und Aleppo, aus Bokhara, aus Kurdistan, aus Rumänien und Rußland. Elemente, von keiner Kultur beleckt, und höchst zivilisierte Elemente. Eine große Anzahl sind Bettler, wenige nur sind in einigermaßen behaglichen Verhältnissen, und noch weit weniger sind reich. Sie sind durch religiöse Verschiedenheiten, durch Unterschiede in der Erziehung, durch die Sprache, getrennt, und es gibt viele, welche das Land für kurze Zeit aufsuchen und enttäuscht wieder fortziehen. Eine so zusammengesetzte Bevölkerung besitzt keine Grundlagen zur Kultur. Eine Bevölkerung wie diese muß erst langsam sich vermischen, muß erst im Lande Wurzel schlagen, es müssen Traditionen geschaffen werden, und all dies erfordert Zeit. Eine gemeinsame Sprache würde hierzu viel beitragen. Die Wichtigkeit der hebräischen Sprache ist weder von mir noch von meinen Freunden jemals geleugnet worden. Aber die Sprache ist nicht der alleinige und wichtigste Faktor dieses Problems. Es ist ebenso wichtig, daß die jüdische Bevölkerung des Ostens soziale Fortschritte macht, und hierauf legen meine Freunde und ich mehr Nachdruck. Wir glauben, daß man nicht eine Erziehung vorsehen soll, welche der künftigen Generation den sozialen Fortschritt erschwert, und darum sind wir Gegner der unsystematisch angewendeten hebräischen Unterrichtssprache. Wir wurden zu Gegnern, weil wir merkten, daß die hebräisch Erzogenen weniger ins Leben paßten, wegen des Mangels an hebräischen Büchern und der Unzulänglichkeit der hebräischen Sprache. Denn diese jungen Leute besitzen zwar Kenntnisse im Hebräischen, können aber keine moderne Sprache genügend und sind daher nicht fähig, an dem sozialen Aufschwung unserer Glaubensgenossen im Osten teilzunehmen. Wer diese wichtigen Tatsachen übersieht, folgt eben einem Hirngespinst, welches nicht zum gewünschten Ziel führt, sondern zu Täuschungen und schließlich zum Zusammenbruch. Eine technische Mittelschule und ein Technikum, die keine guten Fachleute liefern, die ohne passende technische Lehrer und ohne Lehrbücher sind, sind zweifellos nichts als ein nutzloses Experiment, das fehlschlagen muß. Aber durch die Vermittelung einer bedeutenden modernen Sprache ist es möglich, gute Fachleute auszubilden, welche gleichzeitig auch Kenntnisse des Hebräischen besitzen, und dies ist das Ziel, das meine Freunde und ich erstreben. Chauvinismus ist höchst gefährlich und wird die Erziehung in Palästina auf den falschen Weg leiten. Wenn jüdisches Bewußtsein ein guter Charakterzug ist, so ist jüdische Emanzipation nicht weniger ruhmvoll. Aber der Chauvinismus entzieht der nationalen Emanzipation den Lebenssaft, und solche Emanzipation ist entgegen aller Kultur. Eine solche schädliche Emanzipation ist gleichzeitig der größte politische Schaden für das Judentum. Wir sind überall in der Minderzahl, und nationaler Chauvinismus erzeugt wieder Chauvinismus, d. h. jenes Gift, unter dem die Juden am meisten leiden, weil sie eben überall eine verschwindende Minorität sind und bleiben werden. In der chauvinistischen Anmaßung, welche in einem kleinen Kreise Palästinas existiert, liegt eine wirkliche Gefahr, die unterdrückt werden muß. Sie wird durch Elemente geschürt, welche, aus reinem Terrorismus, gegen unser eignes Wohlbefinden wüten und daher gefährlich sind. Wenn diese Zustände sich weiter entwickeln und größer werden, so wird daraus eine Katastrophe für Palästina entstehen. Und diese fanatischen jüdisch-nationalen Kreise in Palästina haben dies verursacht, sie haben das Judentum in Zwiespalt gebracht. Es ist dies zweifellos ein schlechter Anfang für die Schöpfung eines neuen Judentums. Dieser Gefahr sollte Einhalt getan werden, bevor bittere Erfahrungen uns zur Umkehr zwingen. Alle Mißhelligkeiten sind auf die verschiedenen Elemente z u r ü c k z u f ü h ren, aus denen sich der Zionismus zusammensetzt, und dies muß anders werden, um Palästina eine friedliche Entwicklung zu gewährleisten und um die Differenzen auszugleichen, welche die Juden der zivilisierten Welt in verschiedene Lager geteilt haben. Die friedliche, intellektuelle und soziale Entwicklung des Landes ist in Gefahr, denn sie wird durch Gewaltmaßregeln bedroht. Das harmonische Zusammenwirken von Juden auf einem Gebiete, wo ein Zusammenarbeiten möglich und von Jahr zu Jahr notwendiger wird — all dies ist in Gefahr. Ich zweifle nicht, daß, wenn der wahre Sachverhalt bekannt wird, es schnell möglich sein wird, alle augenblicklichen Schwierigkeiten zu überwinden, zum Vorteil der orientalischen Juden und des gesamten Judentums! In der folgenden Nummer brachte dann uer Jewish Chronicle ein Interview mit David J e 11 i n, der unter anderem sagte: „ln einem Briefe an die Egyptian Gazette in Alexandrien hat man mich in außerordentlich scharfer Weise angegriffen. Persönlich bezweifle ich ja, daß derartige Erörterungen in einer in Alexandrien erscheinenden, nichtjüdischen Zeitung die geeignete Methode sind, um englisch sprechende Juden zu informieren. Es tut uns sehr leid, daß unsere Gegner zur Erörterung einer rein jüdischen Angelegenheit sich der nichtjüdischen Presse bedienen. Andererseits fühle ich, daß es dringend notwendig ist, den Juden aller Länder diese wichtige Angelegenheit, welche die jüdischen Massen in Aufregung versetzt hat, im richtigen Lichte darzustellen. Nicht nur jene hervorragenden englischen Juden, die mich stets mit ihrem Vertrauen beehrt haben, und auf die, wie der Korrespondent des ägyptischen Blattes fürchtet, ich einen zu starken Einfluß ausübe, müssen die Wahrheit kennen, sondern alle englisch sprechenden Juden, denen Palästina das Land ihrer höchsten Ideale ist. Was das Haifaer Technikum betrifft, so hatten wir Palästinenser der Eröffnung dieses Institutes seit Jahren mit Spannung entgegengesehen. Um so bedauerlicher war es für die, welche für die Neubelebung der hebräischen Sprache eintraten, daß die Leitung des Institues große Schwierigkeiten machte. Die Studenten am Lehrerseminar haben immer wieder gebeten, daß man ihnen die Wissenschaften in hebräischer Sprache vermitteln möge, damit sie selbst imstande seien, in den Elementarschulen hebräisch zu unterrichten. Aber alle Petitionen und dahingehenden Briefe wurden von der Hilfsvereins-Leitung einfach ignoriert. Sobald die aus dem Lehrerseminar abgegangenen jungen Leute Lehrstellen in den Hilfsvereinsschulen annahmen, und sich bemühten, der hebräischen Sprache zu ihrem Recht zu verhelfen, kamen sie in Konflikt mit der Leitung. Zum Beispiel unterschrieb vor einiger Zeit ein junger Lehrer das Quittungsformular über das ihm ausgezahlte Gehalt in hebräischen Lettern, worauf er die Quittung zurückerhielt mit der Weisung, daß er deutsch zu unterschreiben habe und daß der Fall der Hauptleitung in Berlin rügend mitgeteilt wurde. Nachdem nun kürzlich einige bisher in hebräischer Sprache unterrichtete Fächer germanisiert worden waren, mußte man fürchten, daß beim Inkrafttreten der geplanten Bestimmung Geographie, Geschichte, Mathematik, Physik und Pädagogik ebenfalls deutsch unterrichtet werden würden; dann aber wäre das hebräische Lehrerseminar ein rein deutsches Institut geworden, an dem man auch etwas Hebräisch gelehrt hätte. Natürlich wehrte sich die ganze nationalistische Bevölkerung Palästinas dagegen, daß in der Vorbereitungsschule für das Technikum nicht einmal drei wissenschaftliche Fächer hebräisch unterrichtet werden sollten. Wenn schon die Mittelschule kein hebräisches Institut war, wie sollte dann das Technikum jemals ein solches werden? Dr. Nathans Broschüre stellt die ganze Bewegung als einen Racheakt hin. Das Technikum gehört zwar nicht dem Hilfsverein, und nur zufällig sind seine Leiter identisch mit denen des Hilfsvereins, und doch soll der „Vandalismus“, der die Hilfsvereinsschulen „gefährdet“ hat, eine Rache sein für die Zurückweisung von Dr. Levins Vorschlag, Hebräisch zur Unterrichtssprache zu machen. Die wirklichen Gründe des plötzlichen Aufstandes dagegen sind folgende: Erstens die nahen Beziehungen zwischen dem Technikum und den anderen Schulen Palästinas, zweitens die Gefahr, daß die hebräische Sprache in allen Schulen des Hilfsvereins verdrängt werden würde, drittens die Mißstimmung der Lehrer und Studenten der Hilfsvereinsschulen darüber, daß man die Entwicklung der nationalen Sprache hinderte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.