Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Article
- Aufruf! / Sokolow
- Date
- 1914-03-13
- Page
- 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 —...- DIE^gELT- Nr. 11 Judentums in Palästina, für die Zukunft des Gesamtjudentums. Um dieses Werk gegen alle Gefährdungen sicher zu stellen, müssen alle Kräfte angespannt werden. Den bisher erzielten Erfolg danken wir der Kraft Palästinas selbst und der Opferwilligkeit jener Zionisten und Freunde unserer Arbeit in aller Welt, die bereits ihre Pflicht getan haben. Ihre Zahl aber entspricht erst einem Bruchteil unserer Organisation, und kein Zionist, niemand, dem die Erneuerung unseres Volkstums in Palästina teuer ist, darf sich der Erfüllung dieser Pflicht entziehen. An alle ergeht der Ruf: Wir fordern zur Unterstützung des hebräischen Schulwerks in Palästina auf! Die Kinder unserer Brüder in Palästina, von denen wir die Durchführung des begonnenen Emeuerungswerkes erwarten, haben ein Recht auf die Liebe und Fürsorge des Gesamtjudentums. Schwer ist die Arbeit, die es noch zu leisten gilt, schwerer als der Kampf, mit dem sie begonnen hat. Wir wissen, dass die Zionisten unserem Rufe folgen werden. Das Actions-Comite der Zionistischen Organisation Warburg Tschlenow Hantke Jacobson Levin Sokolow ACHAD HAAM Von Dr. O. Thon Wenn diese Zeilen dem Leser zu Gesicht kommen, sind es fast auf den Tag fünfundzwanzig Jahre, seitdem Achad Haam mit seinem ersten Aufsatze: „Lo seh haderech" im Petersburger „Hameliz“ in die hebräische Literatur eingetreten ist. Der Chassidismus sagt von den großen Wundertätern, die lange Zeit im Verborgenen lebten, um dann die staunende Umgebung mit ihrem wunderbaren Können zu überraschen: es sei ihre Zeit gekommen, sich zu offenbaren. Achad Haam lebte lange in der Verborgenheit, in der Stille seiner Studierstube und in der gemütlichen Wärme seines vornehmen und reichen Heimes, bis seine Zeit kam, sich zu „offenbaren", hervorzutreten, um zu lehren und zu mahnen. Was ist uns Achad Haam geworden und gewesen in diesem Vierteljahrhundert, in dem im Judentum eine „Umwertung aller Werte", eine mächtige Aufrüttelung und Umschichtung alles Aufgeschichteten sich vollzogen hat? Ich weiß mich keiner Epoche in der jüdischen Diaspora-Geschichte zu erinnern, in der während einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne so tiefgreifende Umwälzungen im Judentum sich vollzogen haben, wie im letzten Vierteljahrhundert. Ich denke jetzt nicht in erster Linie an all die großen Institutionen, die geschaffen wurden, an all die greif- und sichtbaren Errungenschaften, die auch dem blödesten Auge nicht entgehen können. Nicht davon rede ich, daß zum ersten Male seit nahezu zwei Jahrtausenden eine große, imposante, innerlich festgefügte jüdische Organisation geschaffen wurde, nicht davon, daß das jüdische Volk nach so langer Zeit wieder ein öffentliches, weithin sichtbares Forum erhalten hat, nicht davon, daß ein fester Grundstock von jüdischer Siedelung in der historischen Heimat entstanden ist, nicht einmal davon rede ich, daß so und so viele erstklassige Kulturinstitutionen in Palästina errichtet wurden. Nicht von Greif- und Meßbarem rede ich. In erster Linie denke ich an die Revolutionierung der jüdischen Seele durch das machtvolle Wollen und das elementare, zielsichere Streben des Zionismus. Es sind tiefe Engramme in die jüdische Seele eingegraben worden, so tief, daß sie nicht nur nicht weggewischt, sondern auch nimmermehr weggedacht werden können. Gewiß, es war eine ereignis- und ergebnisreiche Zeit im Judentum, diese letzten fünfundzwanzig Jahre. Was ist uns Achad Haam in dieser Zeit gewesen? Ein Führer? Nein. Ein Führer war er nicht. Ein Führer muß auch — folgen können, und Achad Haam kann nicht folgen. Ein Führer muß auch auf Seitenpfaden gehen, durch Täler wandern, über Berge schreiten können. Achad Haam aber kennt nur einen Weg, den längsten, den geraden. Ein Führer muß auch manchmal „Laufschritt" kommandieren können, Achad Haam aber kann nur in gemessenem langsamem Schritt gehen. Und kann man denn überhaupt mit bloß kühlem Verstand Führer sein? Zur Führerschaft gehört in erster Reihe hinreißendes Temperament, strahlende Seelenwärme, — Achad Haam aber ist ein Mann des kühlen Verstandes. Zur Führerschaft gehört phantasiereiche Schaffenskraft, hellseherische Intuition, Achad Haam aber ist ein messerscharfer Analytiker, der nur selten zur Synthese kommt. Ein Führer war uns Achad Haam nicht. Aber er war uns ein — Lehrer. Ein verehrter Lehrer. Auch ein großer Lehrer. Achad Haams Intellekt hat zwei Eigenschaften, die selten Zusammengehen, aber, wenn sie zusammen sind, ihrem Besitzer den Zug ins Große geben: Tief? und Klarheit. Achad Haams Charakter hat zwei Eigenschaften, die selten Zusammengehen, aber, wenn sie zusammen sind, ihrem Besitzer den Stempel seelischen Adels aufdrücken: rücksichtslose Wahrhaftigkeit und milde Vornehmheit. Diese seltene Zusammensetzung von Vorzügen machen Achad Haam seinen Schülern zum leuchtenden Vorbild.