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Die Welt · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · p. 207

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Article
Großgrundbesitz und Genossenschaft [Rezension]
Date
1914-02-27
Page
207 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 207 Wirtschaftsweise (Getreide- und Weidewirtschaft) durchweg ein kulturfeindlicher Latifundiencharakter zutage. Ein weiteres Moment gleicher Natur ist die durch die Kulturarten hervorgerufene — Nachfrage nach Arbeitskraft. So verschieden auch die Wirtschaftsverhältnisse liegen — intensive Vieh Wirtschaft und intensiver Reisbau auf der einen Seite (Lombardei) gegen immense Weizenflächen rein extensiven Charakters auf der ändert.. Seite (Sizilien) — beide beanspruchen große Menge von Arbeitskraft. . . . Die dritte Analogie beider Gebiete finden wir schließlich in der Betriebs - und Arbeit sverfassun g.“ Besitz und Betrieb sind gewöhnlich voneinander getrennt. Selbstwirtschaftende Bodeneigentümer gibt es fast nicht. Die meisten Grundherren kommen nie auf ihre Güter, es gibt viele, die nicht wissen, wo ihre Güter gelegen sind! Die Sorge überlassen sie dem Großpächter, der ihnen die Rente sichert und den Boden an Kleinbauern oder Landarbeiter weiter verpachtet, die den Boden bestellen. Natürlich muß dieses „letzte Glied“ im Produktionsprozeß auch dem Pächter- Unternehmen (Gabelloto) seinen Gewinn verbürgen. Es genügt in der Regel der Grundeigentümer allein, um den Bearbeitern und Pflügern der Scholle den Ertrag ihrer Arbeit zu schmälern. „Dadurch aber, daß aus dem Boden eine doppelte Rente herausgewirtschaftet werden muß“, wird der Arbeitsertrag, wird der Lohn auf das Minimum, ja unter das Existenzminimum, herabgedrückt. „Aus dieser Arbeiterverfassung" berichtet Prey er: „ergibt sich eine unerhört niedrige wirtschaftliche und soziale Lage der ländlichen arbeitenden Klasse, besonders natürlich der Tagelöhner. Für Erdarbeiter erhalten sie in der Lombardei und der Emilia im Durchschnitt 1,10—1,50, bei Heuarbeiten 2,50—3,00, beim Reismähen 3—5 Lire.“ Die zahlreichen arbeitslosen Tage drücken den Durchschnitt des Taglohnes auf unter 2 Lire herab. Es sei bemerkt, daß diese von Prever als „unerhört niedrig“ bezeichnten Löhne, dem durchschnittlichen Tagesverdienst des jüdischen Landarbeiters in Palästina gleichkommen. Sie werden aber von den jüdischen Kolonisten als unerträglich hoch bezeichnet. Freilich, in Sizilien sind die Löhne noch geringer, sie betragen im Durchschnitt 1,20—1,40 Lire für Männer. Welche Bedeutung diese Zustände für das wirtschaftliche Leben des Landes haben müssen, ergibt sich aus der sozialen Gliederung der Bevölkerung Italiens. Von mehr als 32 Millionen Seelen im Jahre 1901 waren mehr als 9 600 000 über 9 Jahre alt und in der Landwirtschaft tätig. Von ihnen waren Eigentümer 2 580 000 oder 26,0 o/o, dagegen waren Halbpächter, Landarbeiter mit dauernden Kontrakt und Tagelöhner gegen 6 Millionen, oder 61 °/o. Dazu bemerkt Preyer, daß die Zahlen nicht „völlig exakt“ sind, da die Zahl der Eigentümer in der Statistik ihm „außerordentlich hoch“ erscheint. Nicht alle zu den Eigentümern gezählten Bauern leben nämlich von ihrem Boden allein, sondern gehen gewöhnlich zur Arbeit in den benachbarten Gütern auf Tagiohri. Die italienischen Großgrundbesitzer haben also ihre Schuldigkeit getan; sie haben zwei Drittel des arbeitenden Landvolkes expropriiert und ein mächtiges Landproletariat ins Leben gerufen. Die nächste Folge der Bodensperre und der Sicherung des Grundbesitzes waren häufige „Tumulte“ und blutige Zusammenstöße, die mit bewaffneter Macht unterdrückt wurden. Dann begann der landlose Bauer sein Vaterland zu verlassen. Seit Jahrzehnten schon behauptet die italienische Einwanderung nach Amerika den ersten Platz (den zweiten nimmt bekanntlich die jüdische Einwanderung ein). Die italienische Auswanderung ist eine wahrhafte Massenflucht. Es wanderten aus: 1877 nur 100 000 Seelen, 1888 waren es schon 215 000; 1896 stieg die Zahl auf 307 000; 1901 war mit 533 000 die halbe Million überschritten; im Jahre 1906 wanderten sogar über 3A Millionen aus (788 000)! Wir können die Verluste Italiens infolge der lawinenartig anschwellenden Auswanderung ermessen, wenn wir konstatieren, daß bloß in dem Jahrzehnt 1900—1909 rund 5 725 000 arbeitsfähige Menschen ihr Land verlassen mußten. Dabei sind durchschnittlich 2/3 der Auswanderer aus der landwirtschaftlichen Bevölkerung — es sind Landarbeiter, Hirten, Forstarbeiter, Bauern. Italien hat somit in den letzten 30 Jahren dank seiner Grundbesitzverteilung und dem Grundmonopol eines müßigen Häufleins von Gutsbesitzern, zumindest 10 Millionen Bürger verloren, von der Einbuße des natürlichen Zuwachses abgesehen. Diese 10 Millionen italienischer Bauern und Arbeiter kann kein Kolonialbesitz ersetzen. Ganze Provinzen sind verwüstet und entvölkert, das Leben von Millionen von ihrer Scholle Vertriebenen ist gebrochen, Tausende von Familien zerrissen und aufgelöst. Die italienischen Proletarier aber, die ihrer Heimat nicht entsagen konnten oder wollten, bemühten sich Waffen zu schmieden gegen den landverheerenden Grundbesitz. Zunächst entstanden gewerkschaftliche Verbände von Arbeitern und Pächtern, „Widerstandsvereinigungen“ (Leghe di resistenza) Arbeitskammern und ähnliche Kampforganisationen. Sie bezweckten die Erhöhung der Löhne, Verbesserung der Pachtbestimmungen, Festsetzung der Arbeitszeit, Verminderung der Arbeitslosigkeit durch freiwillige Abwechslung der Arbeiter, und in der Tat erzielten die Organisationen bedeutsame Erfolge. Aber im Laufe dieser Kämpfe kamen die Arbeiterverbände zur Ueberzeugung, daß ihre Fortschritte eine Grenze haben, und daß sie einen Schritt weiter gehen müssen, um sie zu sichern, indem sie in den Produktionsprozeß eingreife n. Die Arbeiter sollen, in Genossenschaften organisiert, die Produktion selbst übernehmen und den Zwischenpächter oder Unternehmer ausschalten. Das war der leitende Gedanke der zunächst zur Bildung der Arbeitsgenossenschaften führte. II. Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts werden in Italien öffentliche Arbeiten größten Stils durchgeführt. Sie verfolgen mehrfache Zwecke. Der Fortschritt der industriellen Entwicklung erfordert Eisenbahn-, Straßen- und Hafenbauten. Dazu kommt die Notwendigkeit, der erschreckenden Arbeitslosigkeit zu steuern, die mit der Bevölkerung und der Proletarisierung der Bauern zunimmt. Es gilt aber nicht bloß den Arbeitslosen vorübergehende Beschäftigung, sondern ihnen dauernde Existenzmöglichkeiten zu verschaffen, vor allem durch Erschließung neuer Gebiete für die innere Kolonisation. Zu diesem Zwecke führte die Regierung eine Reihe großer Ameliorationsarbeiten durch, wie Flußregulierungen, Sicherung gegen Bergstürze, Entsumpfungen, Bewässerungsanlagen, Entwässerung, Wegebauten, Aufforstungen. Nur für Sardinien, Basilicata und Calabrien allein bewilligte der Staat beinahe 300 Millionen bis zum Jahre 1933 für Ameliorationen aller Art. Diese Arbeiten wurden gewöhnlich Unternehmern übergeben, die mit dem Auftreten der Gewerkschaften in eine Zwangslage gerieten. Denn einerseits hatte der Staat die Tendenz, den Preis zu drücken, während die Lohnforderungen der Arbeiter den Unternehmergewinn bedrohten. „Als bei einem aus solcher Veranlassung entstandenen Lohnkampfe im Jahre 1883 in Ravenna, der betroffene Unternehmer keine Aussicht auf Erfolg hatte, gab er die vom Staate übernommene Arbeit auf. Die bei dem Konflikt beteiligten, in einer Lega organisierten Arbeiter bildeten nunmehr eine Genossenschaft, setzten unter selbstgewählter Leitung die Arbeit fort und beendeten sie zu völliger Zufriedenheit der staatlichen Behörden. So entstand die erste Arbeitsgenossenschaft aus einer Widerstandsvereinigung. Der Zweck, das Zwischenglied in der Produktion auszuschalten, ist erreicht; die Genossenschaft ist selbst Unternehmerin geworden.“ Ehe Entstehungsgeschichte der ersten Arbeitsgenossenschaft kennzeichnet zugleich ihr Wesen. Sie ist kein dauerndes Gebilde, denn ihr Bestand ist bedingt durch die vorhandene Arbeitsgelegenheit, auch ihr Produktionszweck ist nicht beständig, ebenso wie ihr Arbeitsort wechseln kann. - Trotzdem darf man sie den Produktivgenossenschaften zurechnen. In Rußland sind die Artjeis den Arbeitsgenossenschaften verwandt, während wir in Palästina in den Okkupationsgenossenschaften (Kwuzoth-Kibusch) und in den Kwuzoth der Erdarbeiter, Tischler, Maurer, die von dem Arbeitsbureau des Palästina- Arbeiterfonds im letzten Jahre. in Jaffa und Haifa gebildet wurde, ein Gegenstück besitzen. Die italienischen Genossenschaften blicken nunmehr auf eine dreißigjährige Geschichte zurück, die an Erfolgen reich ist. An der Spitze einer Genossenschaft steht ein aus Arbeitern bestehender Verwaltungsrat, der über die Annahme einer Arbeit entscheidet und die Arbeiten unter die Gruppen verteilt. Ein technisches Komitee, bestehend aus Ingenieuren und Juristen, ist dem Verwaltungsrat zur Seite, der die zu übernehmenden Arbeiten begutachtet, außerdem ein technischer Direktor, der für die Ausführung der Arbeiten verantwortlich

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