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Die Welt · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · p. 206

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Article
Die Hebraisierung des Technikums
Date
1914-02-27
Page
206 (sequence 2)
Language
German
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206 DIEX&ELT Nr. 9 gend übernommen, und die Arbeit für dieses große Werk muß mit stetiger Energie in alle Zukunft weitergeführt werden. Es ist natürlich leichter, im Kampfe sich zu behaupten und alle Energie für kurze Zeit anzuspannen, als sich in ruhiger, jahrelanger Pflichterfüllung zu bewähren. Der ersehnte Moment ist eingetreten, wo wir niemandem zuleide die hebräische Erziehung in Palästina, die notwendigste Grundlage für unsere ganze zukünftige Entwicklung vorbereiten und ausgestalten können. Wir haben die feste Zuversicht und das felsenfeste Vertrauen, daß alle nationalen Juden in freudiger Entschlossenheit auch in Zukunft um ihrer eigenen seelischen Befreiung willen für unser Schulwerk mit allen Kräften sich einsetzen werden. Die zionistischen Aufgaben müssen unabhängig von den Erfolgen des Tages erfüllt werden, und die Opferwilligkeit der zionistischen Gesinnung wird sich in den Zeiten friedlicher Entwicklung ebenso bewähren, wie in den Zeiten des Kampfes GROSSGRUNDBESITZ UND GENOSSENSCHAFT (Eine Buchbesprechung*) I. Die nationale Kolonisation und ökonomische Erschließung Palästinas ist eine uns zuteil gewordene geschichtliche Aufgabe von außergewöhnlicher Größe und Schwierigkeit. Die Bodenverhältnisse des zum Teil verwahrlosten, zum Teil ausgedeuteten Gebietes; die wirtschaftlichen und politischen Vorbedingungen der Besiedelung eines Landes ohne Grundbuch, ohne geordnete Kreditverhältnisse; die besonderen Eigenschaften des anzusiedelnden Menschenmaterials von Städtern, die zur Landwirtschaft erst mühselig erzogen werden müssen — all das kennzeichnet wohl, wie verwickelt, * wie bedeutsam und eigenartig unser Werk ist. Doch ist man in der Betonung unserer Sonderstellung und der Eigenartigkeit unserer Probleme zu weit gegangen. Es entstand allmählich in zionistischen Kreisen die Legende, es gebe keine Analcrie für unser nationales Siedlungswerk, alle Siedlungsmethodc:: und Theorien, die anderswo entstanden und versucht worden sind, seien eben grüne Theorien, die für uns, die Einzigartigen, unbrauchbar wären. Es existiert aber keine voraussetzungslose schematische Siedlungswissenschaft, gegen die man sich wehren müßte. Kolonisation ist vor allem eine komplizierte Erfahrungswissenschaft, die studiert werden will. Ehe „voraussetzungslose“ Praxis in Palästina hat uns jüdische Kolonisten beschert, die nur wenig europäische Arbeitsgeräte kennen, weder düngen, noch Vieh züchten, kein Gemüse erzeugen, eine landwirtschaftliche Zeitung entbehren und von den europäischen Organisationsformen der Produzenten und Landwirte kaum eine Ahnung haben. Indes unsere Sorgen und Probleme sind den Kulturvölkern Europas und Amerikas nicht fremd. Die Urbarmachung verödeten Bodens, die Steigerung seiner Ertragsfähigkeit, Futterfrage in der Viehzucht, Erbpacht und Erbbaurecht, Kreditbeschaffung für unbemittelte Bauern oder Erbpächter, Seßhaftmachung von landflüchtigen besitzlosen Proletariern, innere Kolonisation — all diese Fragen beschäftigen unausgesetzt Landwirte, Viehzüchter, Bodenchemiker, Finanz- und Rechtsgelehrte, Sozialökonomen und Politiker. Fürwahr, wir stehen nicht allein und haben keinen Grund und kein Recht, gar so weltfremd zu sein. Die Besonderheit unserer Lage, der inneren und äußeren Bedingungen unserer Arbeit verbieten eine kritiklose Uebemahme fremder Erfahrungen, verlangen häufig die Vornahme von Korrekturen an den Erfahrungssätzen, zu denen man anderswo gelangt ist. Wir sind aber keineswegs dazu verurteilt, in Palästina immer vom ABC anzufangen, es ist Kraftvergeudung, auf allen Gebieten stets von neuem Amerika zu entdecken. Wir können von Deutschen und Italienern, Engländern und Amerikanern vieles lernen und die bereits erprobten Arbeitsmethoden verwerten. Auf diese banalen Gedanken kommt man nach der Lektüre des wertvollen Werkes von W. D. Preyer über die „Arbeits- und Pachtgenossenschaften Italiens“. Der internationale Gedanken- und Ideenaustausch hält nicht Schritt mit dem weltwirtschaftlichen Güteraustausch. In den letzten 20 Jahren ist in Italien, also fast im Herzen des Weltverkehrs, eine neue Form der Arbeit und der Produktion entstanden, die ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt — und wir wußten nur wenig davon. Die Lebensfähigkeit von landwirtschaftlichen Genossenschaften ist seit Jahren Gegenstand bewegter Diskussionen in der soziologischen Literatur, insbesondere seit dem kraftvollen Auftreten Franz Oppen- •) „Die Arbeits- und Rechtsgenossenschaften Italiens“. Von W. D. Preyer. Verlag Gustav Fischer, Jena 1013. h e i m e r s. Auch in der zionistischen Bewegung, trotz der Aufnahme des genossenschaftlichen Prinzips in das Programm der Palästinaarbeit, ist man geneigt, mitleidsvoll von einem sozialen „Experiment“ zu sprechen, das dem sozialistischen Flügel zuliebe eben gewagt werden müsse. Im Jahre 1909 jedoch, in dem sich der Hamburger Zionistenkongreß zu diesem „Sprung ins Dunkle“ entschloß, bestanden in Italien Arbeitsgenossenschaften mit Zehntausenden von Mitgliedern und mehr als hundert genossenschaftliche, landwirtschaftliche Betriebe bearbeiteten eine Fläche, die fast dem gesamten jüdischen Bodenbesitz in Palästina gleich groß ist! Diese bewunderswürdige Leistung der italienischen Landproletarier ist wert, eingehender gewürdigt zu werden. Herr Preyer hat das vorhandene Material mit liebevoller Sorgfalt geordnet und es uns zugänglich gemacht. Dafür gebührt ihm unser aufrichtiger Dank. Die Arbeits- und Pachtgenossenschaften sind verschieden in ihrer Organisation, doch sind sie beide eine Folge derselben Erscheinung — der Ueberbevölkerung, der chronischen Arbeitslosigkeit und niedrigen Lebenshaltung der Landbevölkerung Italiens. All diese Krankheitserscheinungen haben die gleiche Ursache — die Vorherrschaft des Großgrundbesitzes in Sizilien, in der Lombardei und anderen Teilen des Königsreiches. Der Großgrundbesitz ist nicht immer mit Großbetrieb verbunden. Häufig überläßt der Grundherr seine Güter einem Großpächter, der sie von Landarbeitern oder Bauern, auf Grundlage der Pacht oder Halbpacht (Mezzadria) bewirtschaften läßt*). Die Produktionsform ist dann gewöhnlich der Kleinbetrieb. Ueber die Ausdehnung des Großgrundbesitzes in Italien fehlen statistische Angaben. Allein die wenigen verfügbaren Zahlen sagen uns, daß die Latifundien, die Rom zertrümmerten, auch im modernen Italien ihre Machtstellung zäh behaupten und den Wohlstand von Millionen bedrohen und vernichten. Eine parlamentarische Enquete über die Agrarverfassung Siziliens nahm eine Zählung der Güter vor, die eine Fläche von über 200 Hektar besitzen. Sie ergab, daß fast ein Drittel des Bodens Siziliens von 1400 Besitzungen eingenommen wird, die 200 bis 4000 und mehr Hektar groß sind. Dieses Drittel des Landes gehört 787 Personen, jeder Grundherr besitzt also im Durchschnitt 900 Hektar, d. h. ein Gut etwa in der Größe von ganz Merchawjah. Sizilien ist von 3,5 Millionen Menschen bewohnt, aber kaum 800 von ihnen nennen ein Drittel der Inse1 ihr eigen! Außerdem gibt es zahlreiche Grund! er" zcr, die sich .mit weniger als 2000 Dunam begnügen, und die nicht mitgezählt wurden. Nicht viel anders sieht es in der Lombardei, in Latium und Apulien aus. „Wie verschieden auch die Lage der Landwirtschaft in der Lombardei und Sizilien ist, so ergeben sich doch mehrere Analogien für beide Gebiete. Erstens ist es das Ueberwiegen des großen Besitzes. Seine Ausdehnung ist in den beiden Gebieten nicht die gleiche: bei intensivem Betrieb beträgt der Durchschnitt in der Lombardei 100— 200 Hektar; in Sizilien dagegen, tritt infolge der extensiven *) Die Mezzadria ist eine Verpachtungsform, bei der der Bodenbesitzer Boden, Arbeitsgeräte und Vieh stellt. Der Arbeiter-Pächter ist am Ertrag beteiligt. In Palästina haben wir insbesondere in den galiläischen Ackerbaukolonien in den arabischen Jahresarbeitem, Haraten genannt, die mit ihrer Familie je 100 Dunam bestellen und dafür ein Fünftel des Ertrages und zum Teil Naturallohn bekommen, ein ähnliches Pachtverhältnis.

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