Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 192 (sequence 3)
- Language
- German
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192 DIE&ELT Nr. 8 die ebensogut in Berlin, Paris oder Zürich studieren könnten, die aber, erfüllt von dem Ideal der nationalen Zukunft des jüdischen Volkes, ihre technische Ausbildung in Palästina erlangen wollen, gezwungen werden sollen, der deutschen Kultur gegen ihren Willen Pionierdienste zu leisten. Was die 100000 „Bettler“ in Palästina betrifft, von denen Dr. Nathan in so verächtlichem Tone spricht, so können wir nur sagen, daß jeder rechtlich und logisch denkende Mensch diesen armen Leuten noch immer eine größere Kompetenz zuerkennen wird, über die Sprache, in der ihre Kinder unterrichtet werden sollen, zu entscheiden, als ihrem „Wohltäter“ Herrn Dr. Paul Nathan in Berlin.“ Im „Haolam“ beleuchtet der Redakteur A. Druianow die gegenwärtigen antizionistischen Strömungen in einzelnen Oaluthländern. Mit tiefem Bedauern, so führt er aus, beobachten wir die neue antizionistische Welle, die nicht die erste und sicherlich auch nicht die letzte sein wird. Der Zionismus will ja nicht eine Partei im Judentum bilden, sondern das ganze jüdische Volk umfassen. Es ist daher schmerzlich für uns, wenn jüdische Kräfte, die wir keineswegs unterschätzen, gegen uns auftreten und eine, wenn auch vorübergehende Stimmung gegen uns erzeugen. Allein solche Erscheinungen sind eine notwendige Folge der Entwicklung des Zionismus. Ursprünglich wandte sich unsere Bewegung gegen die krassesten Erscheinungen und Auswüchse der Assimilation. Nach und nach legte sie aber auch die verborgeneren seelischen Defekte des Galuthjudentums bloß. Damit mußte sie zugleich weitere Widerstände wachrufen. Und so sehen wir jetzt gegen den Zionismus Gruppen auftreten, die man nicht unbedingt als bewußte Assimilanten bezeichnen kann. Diese neueste Strömung gegen den Zionismus offenbart sich in den Kreisen der Jiddischsten in Rußland und des Hilfsvereins in Deutschland, die beide ein Produkt des Galuth sind. Mit den Widerständen wächst aber auch zugleich der Wirkungskreis des Zionismus, wie sich dies auch beim Sprachenkampf zeigt, der auf der einen Seite uns zwar neue Feinde geschaffen, andererseits jedoch uns auch wertvolle Sympathien gebracht und die Begeisterung für unsere Ideale mächtig gesteigert hat. Die unerschütterliche Basis in allen schweren Stunden ist und bleibt für uns Palästina. Fahren wir daher fort, unser palästinensisches Besitztum weiter auszubauen. Dann wird der Zionismus allen Angriffen . trotzen können. — In demselben Blatte bespricht Dr .M. Glücksohn Paul Nathans Broschüre „Palästina und palästinensischer Zionismus“. Der Hauptfehler in den Ausführungen des Dr. Nathan zeige sich darin, daß er den tieferen Sinn der zionistischen Forderungen gar nicht begreife. Unsere palästinensischen Pioniere bildeten für ihn einen Teil der allgemeinen jüdischen Emigration, Palästina selbst — eine der kleineren Provinzen der asiatischen Türkei, die in den Kreis der Emigrationsgebiete einbezogen werden könne; an die Stelle der „Illusionen“ von einem nationalen Werk trete für ihn die „Realpolitik“, die für das „Fortkommen von Bedürftigen“ sorge. Diese „Realpolitik“, die von der jüdischen Philanthropie ausgehe, führe aber — vielleicht unbewußt — zu einer systematischen Förderung fremder Zwecke. Im „Manchester Guardian“ veröffentlicht der englische Schriftsteller M. Philips P r i c e die folgenden Reiseeindrücke aus Palästina: Um eine Vorstellung von der Bedeutung der modernen jüdischen Kolonisation in Palästina zu gewinnen, besuchte ich einige der neuen Kolonien zwischen Jerusalem und Jaffa. Sie sind vorwiegend von russischen, rumänischen und deutschen Juden bewohnt, die aus ihrer früheren Heimat ausgewandert sind und sich mit Hilfe europäisch-jüdischer Banken einigen Landbesitz erworben haben. Beim ersten Blick auf eine jüdische Kolonie sieht man, daß sie sich von den benachbarten arabischen „Fellachin“ gehörig unterscheidet. Der lange Aufenthalt in Europa hat aus dem Juden ein ganz anderes Wesen gemacht als der Beduine ist, der dem gleichen Stamme entsprossen ist. Zum ersten Male seit meiner Abreise von Europa sah ich ein europäisches Dorf mit breiten Straßen, Pflasterung, sauberen, durch Gärten voneinander geschiedenen Häusern und Läden an Stelle von dumpfigen Bazaren. Eine Atmosphäre beginnenden Wohlstandes liegt über diesen jüdischen Kolonien. Zur Bewirtschaftung des Bodens verwendet man europäische Methoden und moderne Landwirtschaftsgeräte, und wo früher ein paar Beduinen dem Boden kaum einen kärglichen Unterhalt entrissen, bringt jetzt das Land Orangen, Bananen, Weintrauben und Feigen in reicher Fülle hervor. Mit seinem Einzug hat der Jude europäische Kultur nach Palästina gebracht. Er ist genau so bildungshungrig wie der Armenier, versteht aber unter Bildung etwas viel Höheres als der letztere. Er glaubt nicht, daß er gebildet ist, wenn er seinen Kopf mit halbverdautem Wissen angefüllt hat. Die jüdischen Dörfer, welche ich sah, hatten außer zahlreichen Schulen auch Lesezimmer, öffentliche Bibliotheken und Versammlungsplätze, wo man über Fragen von lokaler Bedeutung berät. In der Mitte jeden Dorfes erhebt sich eine Synagoge, ein schlichtes, kahles Gebäude, gleich einer Methodistenkapelle, puritanisch im Stil, ein Abbild der Religion einer alten, zähen Rasse, die in ihrem religiösen Leben schon längst ihr Rituell gegen Moralgesetze eingetauscht hat. Die jüdischen Dörfer der Ebene Saron sind die Zufluchtsstätte der verfolgten Juden von Osteuropa geworden. Ich traf auch verschiedene Einwanderer aus Amerika, glaube aber, daß diese zurückkehren werden, da sie die orientalische Umgebung nicht ertragen können. Der osteuropäische Jude ist das Bindeglied zwischen Osten und Westen, gleich dem Russen, nur daß er intelligenter ist, wenn auch nicht so liebenswürdig. Bei ihrer Ankunft sprachen die Immigranten nur Jargon, in den letzten Jahren aber ist Hebräisch zu ihrer Umgangssprache geworden, und zwar dank der Förderung, die der Zionismus der hebräischen Sprache gewährt. Illlllllllllill Palästina-Rundschau lilllilllllllllllllll Die Palästinareise des Barons Edmund Rothschild Der allverehrte, hochherzige Förderer der jüdischen Kolonisation in Palästina, Baron Edmund Rothschild, weilt seit vierzehn Jahren zum erstenmal wieder in Palästina. Seitdem er sich von der Verwaltung der von ihm begründeten Kolonien zurückzog und die I c a mit der Fortführung seines Lebenswerkes betraute, war er nicht mehr im Lande gewesen, obwohl er sich nach wie vor lebhaft und werktätig für die Entwicklung des neuen Jischub interessierte. Mit freudiger Anteilnahme verfolgte er den stetigen Aufschwung der Kolonisation in den letzten Jahren und das frisch pulsierende jüdische Leben in Stadt und Land. Nun will er sich durch den Augenschein von den Fortschritten des jüdischen Siedlungswerks überzeugen und wohl auch manche Pläne zu dessen zweckdienlicher Ausgestaltung an Ort und Stelle prüfen. Zum Teil gilt die diesmalige Palästinareise des Barons Rothschild auch einem großzügigen wissenschaftlichen Unternehmen, dem er in letzter Zeit sein besonderes Interesse zugewandt hat. Wie bereits berichtet, hat Baron Rothschild von der türkischen Regierung die Ermächtigung erhalten, am Ophel in Jerusalem, südöstlich vom Tempelplatz, Ausgrabungen vorzunehmen, die seit einigen Wochen im Gange sind. Wie verlautet, sind die bisher erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse von großer Bedeutung. Baron Rothschild traf am Freitag, den 13. d. M., in Jaffa ein und wurde von der gesamten jüdischen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt. Wir erhalten darüber folgende Telegramme aus Jaffa: Jaffa, den 16. Februar. Baron Edmund Rothschild besuchte am Sonntag den 15. d. M. Pethach-Tikwah, dann Tel- Awiw. Von der jüdischen Bevölkerung Jaffas wurde ihm ein enthusiastischer Empfang bereitet. Zehntausende von Personen waren in den Straßen von Tel-Awiw zusammengeströmt. Es herrschte musterhafte Ordnung. Baron Rothschild reist heute nach Rischon-le-Zion und Rechoboth. Jaffa, den 17. Februar. Baron Rothschild besuchte gestern das Hebräische Gymnasium und äußerte seine Befriedigung über die ungeahnte Entwicklung der hebräischen Sprache in Palästina. Ueber die von Baron Edmund Rothschild unternommenen archäologischen Forschungen in Jerusalem wird uns aus Paris berichtet: b. — Die Ausgrabungen im Siloah-Tal haben das Ziel, die Gräber der Könige Judas zu entdecken, gemäß der Theorie Clermont Ganneaus, die sich auf die Ableitung des Kanals des Königs Hiskia gründet. Die Arbeiten werden unter der Leitung des Kapitäns Raymond W e y 1 mit großem Eifer betrieben.