Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 191 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 öie3|kelt 191 worden ist, um die Juden za einem Leben im Lande zu erziehen. Da dieser Führer, David J e 11 i n , ein russischer Jude, sich auf die Unterstützung der englischen und amerikanischen Juden verladt, so wird es vielleicht für das englisch sprechende Publikum von einigem Interesse sein, etwas üöer den Ursprung dieser Bewegung und die von ihr angewandten Mittel zu erfahren. Ihr Führer hat seinen Anhängern Sand in die Augen gestreut, indem er ihr den Namen „Zionismus“ gegeben hat, was genügt, um auf das Gefühl vieler Leute zu wirken. Es erscheint zweifelhaft, ob Herzi diese Bewegung geduldet hätte und Nordau sich mit ihr einverstanden erklären würde. Sicherlich würden sie sich nicht für die Verübung von Gewalttaten eingesetzt haben oder mit jenem Redner sympathisieren, der kürzlich bei einer Versammlung gesagt haben soll: „Wir werden nicht ruhen, bis die Religion vernichtet worden ist.“ Ob der Leiter dieser Bewegung sich mit dieser Ansicht einverstanden erklärt, braucht hier nicht erörtert zu werden; jedenfalls hat er Leute gezwungen, ihre Kontrakte zu brechen, um ihm zu folgen. Ja, er hat sogar ihre persönliche Sicherheit bedroht, im Falle sie sich weigern wurden, dies zu tun. Die jüdische Presse in Jerusalem hat das Publikum darüber aufgeklärt, daß der Leiter dieser jetzt „Nationalismus“ genannten Bewegung den Versuch gemacht hat, den Direktor der Hilfsvereinsschule abzusetzen. Sowohl dieser wie sein Versuch, die Leitung des Heims für jüdische Mädchen einem Mitgliede seiner nächsten Umgebung übertragen zu sehen, ist mißglückt. Trotzdem wurde er nicht entlassen, sondern blieb, dank der Großmütigkeit und Toleranz des Komitees, in seiner Steilung. Die Errichtung eines technischen Institutes in Haifa durch die gleiche Gesellschaft gab ihm eine neue Gelegenheit. Diese Schule sollte sowohl Juden wie Nichtjuden oftenstehen, und der Unterricht sollte, wie in allen Schulen des Hilfsvereins, zweisprachig erteilt werden, nämlich deutsch und hebräisch. Dieses selbe Prinzip herrscht z. B. auch in der Evelina de Rothschild-Mädchenschule, wo neben der hebräischen die englische Sprache für den Unterricht verwandt wird. In den Schulen der Alliance Israelite wird der Unterricht überhaupt nicht in hebräischer, sondern nur in französischer Sprache erteilt. Dieses System der Zweisprachigkeit machte der Leiter der „nationalistischen“ Bewegung zum Vorwände seines neuen Vorgehens. Er veranlaßte heimlich die jüngeren Lehrer und einige Studenten, sich dem Gebrauch der deutschen Sprache zu widersetzen, indem er an ihr Nationalgefühl appellierte. Während langer Monate, in denen er sein Lehrergehalt bezog und die Kinder auf Kosten jener Gesellschaft erzogen wurden, der er jetzt in den Rücken fällt, obgleich er ihr alles, was er hat und ist, verdankt, wiegelte er im geheimen die jungen Leute zur Rebellion auf. Nachdem es ihm geglückt war, einige der älteren Lehrer zu gewinnen, verlangte er samt seinen undisziplinierten Anhängern, daß sowohl in Haifa wie in allen anderen Schulen der Unterricht nur in hebräischer Sprache erteilt werden sollte. Damit wollte er alle Christen und Mohammedaner vom Besuch dieser technischen Schule ausschließen, der ihnen durch die deutsche Gesellschaft so großmütig freigestellt war. Natürlich sträubte sich das Komitee gegen eine so unberechtigte Forderung, denn obgleich der Hilfsverein hauptsächlich für Juden arbeitet, wollte er doch allen Bewohnern Palästinas die Möglichkeit geben, von seinen Einrichtungen zu profitieren. Eigentliches Hebräisch wird nur von sehr wenigen Juden gesprochen — 6000 in der ganzen Welt ist vielleicht schon zuviel gesagt — und wenn man Hebräisch zur einzigen Unterrichtssprache macht, so verschließt man damit die Türen des Technikums allen Christen und Mohammedanern. Dies war jedoch der Wunsch dieser russisch-jüdischen „Nationalisten“- Bewegung. Die Bewohner des Landes haben bereits bei der leitenden Behörde protestiert. Da der erste Versuch mißglückte, wurde nun der Kriegsruf „Zionismus“ ausgestoßen, und Jellin mit seinen Anhängern, fast ausschließlich russische Juden und zum großen Teil kritiklose junge Leute, begannen ihre Gewaltakte. Fenster wurden zerbrochen und Stinkbomben in die Klassenzimmer geworfen. Lehrer und Schüler wurden bedroht. Den älteren Lehrern bedeutete man, daß, wenn sie sich der Bewegung nicht anschlössen, ihr Leben in Gefahr stände. Kinder wurden auf der Straße angefallen, Reden wurden gehalten, in denen man den Gebrauch von Dynamit und die Zerstörung von Häusern empfahl, und selbst vor dem Mädchenheim liefen diese jungen russischen Juden mit Revolvern in der Tasche herum. Die Angestellten der Anhänger dieser nihilistischen Bewegung wurden bei Strate der Entlassung gezwungen, ihre Kinder aus den Hilfsvereinsschulen zu nehmen und sie in die von ihnen neu gegründeten Schulen zu schicken. Die Agitation hat auch auf die jüdischen Kolonien übergegriffen, und an eine Reihe von Arbeitern ist die gleiche Aufforderung ergangen. Die ganze jüdische Presse steht unter der Herrschaft dieser Leute, die Telegramme falschen und Reden und Artikel, die ihnen nicht passen, entstellen, falsch zitieren oder falsch übersetzen. Daraus kann man auf den Wert ihrer eigenen Angaben schließen. Was liegt nun dieser ganzen Angelegenheit zugrunde? Die Leute werden mit den Worten „Zionismus“ und „Nationalismus“ düpiert, um Akten persönlicher Rache und Ruhmsucht ihre Hilfe zu leihen. Zu den Engländern hat der Führer gesagt: „Wir sind deshalb gegen die deutsche Sprache, damit wir uns auf eine Okkupation des Landes durch die Engländer vorbereiten können,“ obgleich bei anderer Gelegenheit gesagt wurde, daß demnächst die englisch-jüdische Evelina de Rothschild-Schule bedroht sein würde. Zu den Franzosen sagte er, daß er Vorbereitungen für die französische Okkupation treffen wolle, und den türkischen Beamten erklärte er, daß er das Land von jedem fremden Einfluß befreien wolle. Die ganze Zeit über hat er den Juden jenen Kriegsruf „Wir sind eine Nation“ aufgezwungen. Hoffentlich wird der englisch sprechende Teil der Judenhcit nicht eine Bewegung unterstützen, die auf Unwahrheit beruht und mit verwerflichen Mitteln verfochten wird. Es ist auch zu hoffen, daß die türkische Regierung sich klar machen wird, daß diese „russisch-jüdische Nationalistenbewegung“ reine Anarchie und eine Gefahr für das Land ist. „Videant consules, ne quid detrimenti res publica capiat.“ Ein Outsider. Zu diesem Brief wäre zu bemerken: Der „Outsider“ ist zweifellos von einer dem Hilfsverein sehr nahestehenden Persönlichkeit in Jerusalem „inspiriert“. Seine völlig unwahren Angriffe auf David Jellin können nur ganz Uninformierte irreführen. Es ist sehr bedauerlich, daß die dem Hilfsverein günstig gesinnten Kreise immer wieder versuchen, durch irrige Nachrichten in der nichtjüdischen Presse ihre Position zu stärken. Wie lächerlich die Anschuldigungen des „Outsider“ sind, erhellt daraus, daß bereits der Vater des „russischen Juden“ David Jellin in Palästina geboren war und daß von den Führern der „russisch-jüdischen Nationaiistenbewegung“, den über 40 aus den Hilfsvereinsdiensten getretenen Lehrern, bloß drei Russen, die übrigen aber Palästinenser, Oesterreicher und Deutsche sind. Auf die „politischen“ Beschuldigungen cinzugehen, verlohnt wahrhaftig nicht. „Die Wahrheit“ (New York) beschäftigt sich in ihrer Nummer vom 1. d. M. mit der Antwort, “ die Dr. Nathan den amerikanischen Kuratoren auf ihre Beschlüsse vom IS. Januar telegraphisch übermittelt hat. Dr. Nathan weist darauf hin, daß die amerikanische Judenheit nur 160 000 Dollar für das Technikum aufgebracht hat, während die Beiträge der deutschen und russischen Juden sich auf rund 200 000 Dollar beziffern. Er hebt hervor, daß Palästina allein eine große Anzahl von Ingenieuren und Technikern gar nicht beschäftigen könne, außerhalb Palästinas aber die Ausbildung in hebräischer Sprache den Absolventen des Technikums nur hinderlich sein würde. Er gibt ferner den amerikanischen Kuratoren zu erwägen, ob eine jüdische Bevölkerung von 100 000 Seelen, unter denen sich überdies zahlreiche Bettler, Greise und wirtschaftlich unselbständige Elemente befinden, wirklich geeignet erscheinen könne, das Kulturgepräge eines ganzen Landes zu bestimmen. Schließlich beruft er sich auf seine jahrelange Tätigkeit im Dienste jüdischer Wohlfahrtsbestrebungen, die ihn über den Verdacht einseitig deutschchauvinistischer Bestrebungen erhebe. Hierzu bemerkt die Redaktion der „Wahrheit“ u. a.: „Es ist peinlich und unwürdig genug, die Erörterung über die Rechte der hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur mit der Aufzählung der Gelder, die die einzelnen Gruppen beigesteuert haben, zu beginnen. Allein folgen wir einmal Herrn Dr. Nathan auf diesem Wege. Also Amerika hat 160 000 Dollar beigetragen und fordert die hebräische Unterrichtssprache, die zionistische Organisation hat 20 000 Dollar zur Verfügung gestellt und besteht ebenfalls auf der hebräischen Unterrichtssprache, das macht also ISO 000 Dollar für Hebräisch. Mit welchem Rechte verlangen nun die deutschen Juden mit ihrer Beisteuer von 100000 Dollar die Durchsetzung ihres Willens? Und wie kommen sie dazu, die 100 000 Dollar aus Rußland ihrem eigenen Konto gutzubuchen und uns mit Hilfe dieser sonderbaren „Finanzoperation“ eine Rechnung gegen das Hebräische zu präsentieren? In der Sprachenfrage, Herr Dr. Nathan, gehen wir noch viel 'weiter als sie. Wir sind der Meinung, daß ein tüchtiger jüdischer Ingenieur, der im Orient und anderswo vorwärts kommen will, nicht nur eine europäische Kultursprache gründlich beherrschen muß, sondern die drei Hauptsprachen: deutsch, französisch und englisch. Allein darum handelt es sich doch gar nicht. Die Streitfrage ist lediglich die, welche Sprache an den jüdischen Hochschulen Palästinas die eigentliche Unterrichtssprache sein soll. Und außer der deutschpatriotischen Gesinnung der Kuratoren in Berlin gibt es schlechterdings keinen Grund, weshalb die Unterrichtssprache am Technikum deutsch und nicht hebräisch sein soll. Es ist nicht einzusehen, mit welchem Rechtstitel jüdische junge Leute,