Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Die Wirkung der antizionistischen "Erklärung"
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 190 (sequence 2)
- Language
- German
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190 Nr. 8 DIENTE LT schwören. Wenngleich auch auf der andern Seite schwere Fehler begangen worden seien und dadurch eine starke Erregung erklärlich sei, so dürfe doch der Kampf nicht mit solchen Waffen geführt werden. Zum Schlüsse gab der Redner der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß die streitenden Parteien bald wieder den Weg zur friedlichen Zusammenarbeit finden möchten. Der Frankfurter „Israelit" schreibt: „Wir brauchen nicht zu betonen, welch entschieden gegnerische Stellung wir zum Zionismus aus religiösen Gründen einnehmen. Wir können auch vollkommen begreifen, wenn gesittete und vornehm denkende Männer sich von der zuweilen unerhört demagogisch-terroristischen Kampfesweise gewisser zionistischer Kreise aufs tiefste abgestoßen und angewidert fühlen. Allein das darf uns nicht hindern, uns entschieden gegen die von dem antizionistischen Komitee beliebte Kampfesweise auszusprechen. Eine von kraftvollem Idealismus erfüllte Bewegung wie den Zionismus schlägt man nicht durch Verrufserklärung tot, und es ist namentlich nicht zu verantworten, daß das Komitee, statt den Kampf auf den inner jüdischen Kreis und auf die jüdischen Blätter zu beschränken, die politische Tagespresse in diese Streitigkeiten hineinzieht und dadurch den peinlichen Schein erweckt, als handele es sich um eine leise Verdächtigung der patriotischen Gesinnungen der Zionisten. Wir glauben nicht, daß das Komitee damit den Beifall der jüdischen Öffentlichkeit finden wird." Aus Hamburg wird uns geschrieben: „Infolge der unausgesetzten Angriffe des „Hamburger Israelitischen Familienblattes" gegen den Zionismus, namentlich wegen der Stellungnahme des Blattes zu der von den jüdischen Notabein veröffentlichten „Erklärung" hat sich Herr Redakteur S. M e i s e 1 s, ein Nichtzionist, veranlaßt gesehen, aus der Redaktion des genannten Blattes auszuscheide n.“ pillElllllilllllllllllliliii'iiii REVUE DER PRESSE ■liiinniiiiiiiiiiinBii Das „Journal de Beyrouth“ veröffentlichte am 20. und 22. Januar einen Artikel, betitelt „Ein Sprachenkonflikt“, den wir im folgenden in Uebersetzung wiedergeben. Der Artikel erhält erhöhte Bedeutung dadurch, daß das „Journal de Beyrouth" ein offiziöses Organ des B e i r u t e r V i I a y e t s ist. „Seit einigen Monaten herrscht in Palästina ein ziemlich ernster Konflikt wegen der Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen. Obgleich uns die Details dieses Kampfes nichts angehen, so ist er doch vom türkischen Standpunkt aus von einigem Interesse. Bekanntlich gibt es in Palästina eine Reihe ländlicher und städtischer jüdischer Kolonien. Dank der zionistischen Bewegung, die ihre Entwicklung begünstigt, haben diese Kolonien in der letzten Zeit bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Personen, die gute Kenner des Landes sind, sind voller Lob über die von den Juden auf wirtschaftlichem Gebiet geleistete Arbeit. Abgesehen von der zionistischen Organisation, die sich hauptsächlich mit der Schaffung von Banken, Darlehenskassen und allen möglichen Instituten zur Unterstützung des Ackerbaues befaßt, gibt es Spezialgesellschaften, welche die jüdischen Schulen unterstützen, z. B. die Alliance Israelite Universelle in Paris und den Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin. Das Schulwerk und die jüdische Kolonisation haben in Palästina zu einer Wiedergeburt der hebräischen Sprache geführt; die jüdische Bevölkerung und besonders die Jugend spricht jetzt fließend hebräisch. Der Hilfsverein, welcher sich bei Beginn seines Wirkens in Palästina sehr wohl diesen neuen Kulturbedürfnissen der jüdischen Bevölkerung anzupassen verstand, scheint sich heute von seinem früheren Standpunkt bezüglich der Entwicklung der hebräischen Sprache entfernen zu wollen. Er beginnt in seinen Schulen die Anzahl der in hebräischer Sprache erteilten Lehrfächer zu vermindern und diese durch Stunden in deutscher Sprache zu ersetzen. Dies hat lebhafte Proteste seitens der Lehrer und Schüler hervorgerufen. Dieser Konflikt wurde noch schärfer durch die Entscheidung des Kuratoriums des Jüdischen Institutes für technische Erziehung in Haifa (die Mitglieder dieses Kuratoriums sind zum großen Teil auch Leiter des Hifsvereins), welche die Einführung der deutschen - Sprache als Unterrichtssprache nicht nur im technischen Institut, sondern auch in der dazu gehörigen Mittelschule verlangte. Die zionistischen Mitglieder des Kuratoriums reichten ihre Rücktrittserklärung ein und die Lehrer und Schüler der Hilfsvereinsschulen organisierten einen Protest- Die Zionisten erklären, daß es sich für sie nicht um eine politische Agitation gegen Deutschland oder den deutschen Einfluß in Palästina handle, da sie ja selbst deutsch als Unterrichtssprache für eine ganze Reihe von Fächern im Technischen Institut angenommen hatten. Da dieses Institut jedoch ein jüdisches Werk ist, das nicht allein von den deutschen Juden geschaffen worden ist, sondern gemeinsam mit den Juden der anderen Länder, und da die größten Summen aus Rußland und Amerika gekommen sind, wünschen die Zionisten nicht, daß es den Charakter einer rein deutschen Schöpfung annehme. Aus diesem Grunde bestanden sie darauf, daß wenigstens einige Fächer in hebräischer Sprache unterrichtet werden sollten, und daß diese ebenso wie in den anderen jüdischen Mittelschulen in Jaffa und Jerusalem auch in dieser Mittelschule zur Unterrichtssprache gemacht werde. Der Hilfsverein, welcher im Kuratorium des Technikums den Ausschlag gibt, wollte sich zu diesem Standpunkt nicht bekennen, und infolgedessen verließen die Lehrer und die Mehrzahl der Schüler die Hilfsvereinsschulen und eröffneten neue Schulen in Jerusalem, Jaffa und Haifa. Die zionistische Organisation unterhält diese Schulen, in denen Hebräisch die Unterrichtssprache ist. Dieser Konflikt ist eine jüdische Angelegenheit, die von den beteiligten jüdischen Gesellschaften geregelt werden muß. Er gibt uns aber Veranlassung, festzustellen, daß die Zionisten die Wahrheit gesprochen haben, als sie versicherten, daß sie nicht die Pioniere einer fremden Macht seien, und daß sie nur als Juden und ohne jeglichen politischen Hintergedanken in unser Land kämen. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir anerkennen, daß der Zionismus sich nur mit den Interessen des jüdischen Volkes und der wirtschaftlichen Erschließung des Landes befaßt. Diese Feststellung ist von einem gewissen Interesse für türkische Kreise, welche so häufig das Problem des Zionismus erörtert haben. Was den Vorfall selbst betrifft, so beschränken wir uns darauf zu sagen, daß nach der politischen Tradition der Türkei jegliche Nationalität, Türken, Araber, Armenier usw. das Recht hat, gemäß der Religion und den Sitten ihrer Vorfahren zu leben. Auf diesem Prinzip baut sich das türkische Reich auf, das aus den verschiedensten nationalen Gruppen besteht. Wir haben die größte Hochachtung für die deutsche Kultur, und wir werden niemals die großen Dienste vergessen, die Deutschland uns geleistet hat und noch immer leistet. Der Hilfsverein aber würde Deutschlands Interessen schädigen, wenn er sich bemühte, die Kinder der aus Rußland oder Rumänien hierhergekommenen Juden zu zwingen, ihre eigene nationale Sprache aufzugeben und nur Deutsch zu lernen. Man sagt, daß die Mehrzahl der palästinensischen Juden Deutsch versteht und viel Sympathie für diese Sprache hat, da ihre Vorfahren in Deutschland gelebt haben. Gerade aus diesem Grunde war es ein großer Fehler des Hilfsvereins, die protestierenden Lehrer aus den Schulen zu vertreiben und die berechtigten und mäßigen Forderungen der Zionisten zurückzuweisen. Wenn die Juden als Juden und gute Türken mit uns leben wollen, wenn sie fortfahren, für die wirtschaftliche Erschließung des Landes zu arbeiten, so muß man ihnen auch das Recht ein räumen, ihre nationale Sprache zu sprechen, ihre Sitten und ihren Glauben zu behalten. Ein so gewaltsames Vorgehen, wie es der Hilfsverein versucht hat, würde nicht nur die deutschen Interessen schädigen und stände im Widerspruch zu den Grundsätzen der Toleranz und Freiheit, auf denen das jungtürkische Reich aufgebaut ist. Eine angesehene, in Alexandrien erscheinende englische Tageszeitung, „The Egyptian Gazette“, veröffentlicht folgenden Brief an den Herausgeber: Seit über zwei Monaten wird die jüdische Gemeinde in Jerusalem durch eine Schreckensherrschaft bedrückt. Der Führer ist ein ehemaliger Lehrer des Jüdischen Lehrerseminars, das von dem Hilfsverein der Deutschen Juden in Palästina errichtet