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Die Welt · 1914-02-20 · 8 (20.2.1914) · p. 189

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
8 (20.2.1914)
Article
Die Wirkung der antizionistischen "Erklärung"
Date
1914-02-20
Page
189 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 8 189 ...- .. D1E3§KELT -.- —= Die Wirkung der antizionistischen „Erklärung“ In jenen Zeitungen, worin die antizionistische „Erklärung" erschienen war, veröffentlichte die Zionistische Vereinigung für Deutschland folgende Ankündigung: Inserate sind nicht der Weg, um Ideenkämpfe auszufechten oder interne jüdische Differenzen zu erörtern. Unsere Arbeit geht weiter.. Sie kann nicht dadurch gefährdet werden, daß Angehörige unseres Volkes denen in den Rücken fallen, die sich das Gefühl für den Adel ihrer Gemeinschaft bewahrt haben. Auf die Angriffe gegen den Zionismus werden wir in Versammlungen antworten, die in diesen Tagen überall in Deutschland stattfinden, und in denen wir die zionistische Idee zur öffentlichen Diskussion stellen. Berlin, Sächsische Str. 8, im Februar 1914. Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Hantke. Blumenfeld. Heymann. Klee. Motzkin. Ascher- Dessau. Becker-Berlin. Bodenheimer-Köln. Friedemann-Wiesbaden. Gronemann-Berlin. Jeremias-Posen. Kalmus-Hamburg. Kollenscher-Posen. Landau-Hamburg. Leszynsky-Berlin. Pelz- Königsberg i. Pr. Rosenbaum-Berlin. Sandler-Berlin. Schachtel- Breslau. Schocken jr.-Zwickau. Sondheimer-Frankfurt a. M. Stein-Königsberg i. Pr. Straus-München. Wiener-Kattowitz. Wollsteiner-Berlin. Hierauf folgt die Aufzählung der Versammlungen, die von der zionistischen Organisation an fast hundert Orten Deutschlands veranstaltet werden, um gegen die Kampfesmethoden des antizionisijischw Komitees — dem sich Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan angeschlossen haben — zu protestieren. Eine Anzahl dieser Versammlungen haben bereits stattgefunden. In den Diskussionen haben sich auch Gegner unserer Bewegung scharf gegen die antizionistischen Manöver gewendet. Die jüdische Öffentlichkeit Deutschlands ist mit verschwindenden Ausnahmen einig in der Verurteilung der in der allgemeinen Presse veröffentlichten Verrufserklärung gegen den Zionismus. Wir bringen im folgenden einige der interessantesten Aeußerungen, vornehmlich von Nichtzionisten. Die „Jüdische Rundschau“ veröffentlicht folgenden Offenen Brief an Herrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen in Berlin: „Sehr geehrter Herr Geheimrat! Als ich letzte Woche in Nr. 1 der Monatsberichte der Großloge für Deutschland Ihren Artikel über die Bedeutung unseres Ordens für die Harmonisierung der religiösen, sozialen und internationalen Gegensätze las, war ich, wie immer, so oft ich Ihren Standpunkt in jüdischen Dingen kennen zu lernen das Vergnügen habe, von der im besten Sinne des Wortes jüdisch-ethischen Art, mit welcher Sie dieses Thema behandelten, von dem Geist der Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Philosophen wie als Juden gleich wohl anstehenden Toleranz auf das Höchste erfreut. Um so bestürzter war ich, als ich tags darauf in einer größeren Tageszeitung Ihre Unterschrift, hochgeehrter Herr Geheimrat, unter der antizionistischen Enunziation oder vielmehr Denunziation las. Sollte man es für möglich halten, daß ein Mann von Ihrer Autorität seinen Namen unter ein Schriftstück setzen läßt, welches gegenüber der nicht jüdischen Öffentlichkeit einen Teil der deutschen Judenheit mit Acht und Bann belegt, die Bande der Gemeinsamkeit mit diesen unseren Glaubensgenossen zerrissen haben will und auf den Gebieten, welche mit Politik nicht das Geringste zu tun haben, also in sozialen Fragen und jüdischen Kultusfragen eine gemeinsame Tätigkeit mit diese« unseren Mitbrüdem ausschließen will? Von Ihnen als Kenner jüdischen Wesens und jüdischer Ethik darf ich wohl voraussetzen, daß Ihnen der herrliche Grundsatz nicht fremd ist, wonach der Einheit Gottes die Einheit der jüdischen Gemeinschaft entspricht. Und wenn ich es wage als Nichtzionist und lediglich in meiner Eigenschaft als Vertreter des positiven religiösen Judentums, als Ben Berith im weiteren und engeren Sinn, an Sie die Frage zu stellen, inwiefern Sie bei Ihrer Denkungsart und Ihrer Vergangenheit bei einer solchen Aktion mitwirken können, so schöpfe ich den Mut zu dieser Frage aus der Ueberzeugung heraus, daß unter den Unterzeichnern dieser Kundgebung kaum ein einziger Vertreter des religiösen Judentums ist, insbesondere kaum einer, dessen religiöser Standpunkt auch mit in Erkenntnis unserer heiligen jüdischen Quellen wurzelt. Mögen einzelne fanatisierte Agitatoren im Zionismus rednerisch oder journalistisch auch entgleist sein, nichts durfte doch Ihnen die Hand bieten, einem so beträchtlichen und so begeisterten Teil unserer Glaubensgemeinschaft in der Öffentlichkeit den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Eine derartige Verleugnung des obersten jüdischen Prinzips würde einen Fanatismus bekunden, dessen ein Zionist schon infolge der Blutsgemeinschaft mit allen Glaubensgenossen niemals fähig wäre. Man hat zwar die Erklärung so abgefaßt, daß man sich im Notfall damit verteidigen kann, als ob nicht die Zionisten in ihrer Gesamtheit, sondern nur gewisse agitatorisch auftretende Elemente unter ihnen getroffen sein sollen. Es wäre dies aber, wie Sie, hochgeehrter Herr Geheimrat, sofort zugeben werden, eine plumpe Ausrede, denn man will doch nicht die nichtjüdische Öffentlichkeit in allen großen Tageszeitungen gegen ein paar einzelne Personen verhetzen, sondern es ist ja deutlich zu lesen, daß der Zionismus als solcher der Gefährlichkeit geziehen und ihm gegenüber die Blutsgemeinschaft verleugnet werden will. Dabei ist es fast unfaßbar, in welcher Weise praktisch von den Unterzeichnern des Aufrufs die Scheidelinie gezogen werden will? Will etwa die Hinaustreibung aus Synagoge und Gemeinde, die Ausweisung aus den Vereinen und Logen als Ziel des heiligen Krieges gepredigt werden? Und richtet sich der Appell an die deutschen Glaubensgenossen, auch weiterhin ein leuchtendes Beispiel auf allen sozialen und kulturellen Gebieten zu geben, im letzten Absatz dieser Kundgebung auch an diejenigen, mit welchen Sie die Bande ausdrücklich zerrissen haben? Es ist tief bedauerlich, solche Fragen auf werfen und einem Manne wie Ihnen gegenüber noch besonders betonen zu müssen, daß man eine derartige Boßstelllung von Glaubensgenossen in alter Zeit als Mesiruth (Verrat) bezeichnet hat. Ich kann Ihre Stellungnahme nicht anders begreifen, als daß Ihnen doch in der Studierstube die Entwicklung der jungjüdischen Ideen in den letzten 10 Jahren entgangen sein muß; sonst müßten auch Sie, von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Zukunft des Judentums nur verbürgt wird von der Jugend, die entweder vom traditionellreligiösen oder vom zionistischen Ideal begeistert ist, die Zumutung, einen solchen Aufruf mit Ihrem großen Namen zu decken, mit Entrüstung zurückgewiesen haben. Meine unbegrenzte Hochachtung vor Ihrer Person mag Ihnen wohl der Umstand beweisen, daß unter all den Unterzeichnern der Erklärung Sie der einzige sind, mit dem mir eine Auseinandersetzung über diese von mir als Katastrophe empfundene Publikation ein Herzensbedürfnis ist. München, den 11. Februar 1914. Ihr ergebenster Dr. Emil Fränkel, Justizrat." Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Die antizionistische „Erklärung" hat auch in den besonnenen nicht zionistischen Kreisen der deutschen Judenheit wenig Anklang gefunden. Selbst in diesen Kreisen hält man die Kampfesmethode, die hier eingeschlagen wird, für ganz verfehlt. So nahm am vorvergangenen Sabbath einer der angesehensten Rabbiner Deutschlands, dessen strenge Neutralität in allen jüdischen Parteiangelegenheiten bekannt ist, Herr Kirchenrat Dr. Krone r, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit in öffentlicher Predigt Stellung zu den gegenwärtigen Parteikämpfen in unserer Mitte. Er gab seinem Schmerz darüber Ausdruck, daß innerjüdische Streitigkeiten in solcher Art vor die nichtjüdische Öffentlichkeit gezerrt und dabei die anderen einer „bisher nie geübten Kampfesweise" beschuldigt werden. Es sei tief bedauerlich, daß sich Juden soweit hätten vergessen können, gegen die eigenen Brüder vor aller Welt Anklagen zu erheben, die geeignet sind, über die ganze deutsche Judenheit Unheil heraufzube-

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