Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Zur Würdigung der Nathanschen Broschüre
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 DIESgEELT 187 Ersuchen um eine Unterredung keine Verpflichtung für die Unterlassung späterer Kritik dar. Der Zweck meines Ersuchens um eine Unterredung war der, den Bann der Verblendung, in dem Nathan befangen war, zu brechen. Ich wäre zu diesem Zweck ihm am liebsten bis Aegypten entgegengereist. Der Zweck meiner publizistischen Tätigkeit ist, die jüdische Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Schließt das eine das andere aus? Herr Dr. Nathan scheint von allen guten Geistern der Logik verlassen zu sein! Dr. Nathan und die jüdischen Arbeiter in Palästina Von maßgebender poale-zionistischer Seite, die auch mit den Verhältnissen in Palästina ausgezeichnet vertraut ist, erhalten wir folgende Erwiderung auf die in der Broschüre Dr. Nathans gegen die palästinensischen Anhänger des Jüdischen Sozialistischen Verbandes Poale-Zion gerichteten Angriffe: In dem so kunstvoll lancierten „gedruckten Manuskript“ — „Palästina und palästinensischer Zionismus“ — des Herrn Dr. Paul Nathan, versichert zunächst der Verfasser, daß er „persönlich keinen Kampk gegen den Zionismus wolle, er warnt sogar freundschaftlich an mehreren Stellen der Broschüre die zionistische Bewegung vor einem „kleinen Kreis unbesonnener, exaltierter und intriganter Elemente" und chauvinistischer Fanatiker (S. 60), die angeblich die Führung im Kampfe gegen den Hilfsverein an sich gerissen haben. Auf S. 58 der Schrift, die sich vergeblich bemüht, die Höhe eines politischen Pamphlets zu erreichen, wird schließlich das Geheimnis gelüftet, und die Poale-Zion als diese palästinensischen Chauvinisten entlarvt. Wir haben keinen Grund, den vergifteten Pfeilen des Herrn Dr. Nathan aus dem Wege zu gehen, denn sie werden vom blanken Schild der Poale-Zion kläglich abprallen. Der Kreis der politisch oder gar sozialistisch denkenden jüdischen Arbeiter und Intellektuellen in Palästina ist nicht groß. Wenn Herr Dr. Nathan gerade dieses Häuflein in erster Reihe für den Zusammenbruch seiner Politik verantwortlich macht, so zeigt er dabei keinen schlechten Instinkt. Denn in der Tat: die Arbeiter Palästinas waren es stets, die die schonende und entgegenkommende Taktik der Zionisten gegenüber dem Hilfsverein von Anfang an mißbilligt und die nunmehr vollzogene „Entwicklung“ derer um Dr. Nathan vorausgesagt haben. Im „Jüdischen Arbeiter“, dem Organ der österreichischen Poale-Zion, dann im „Haachduth“, der Wochenschrift der poale-zionistischen, und im „Hapoel- Hazair“, dem Blatte der zionistischen Arbeiter Palästinas, wurde seit Jahren auf die assimilatorischen Tendenzen des Hilfsvereins hingewiesen. Daß aber der Vertreter einer jüdischen Organisation, die zu den größten gezählt werden will und vornehm tut, derart wahllos in den Kampfmitteln sein wird, hätten die größten Skeptiker unter uns nicht vorausgesehen. Herr Dr. Nathan behauptet: „Der Hochmut, die Anmaßung, die Gewalttätigkeit, die jener kleine chauvinistische Kreis in Palästina . . . glaubt betätigen zu dürfen, er tritt auch gegenüber den Mohammedanern in die Erscheinung. Dieser Kreis gibt die Parole aus, die arabischen Arbeiter aus den jüdischen Siedlungen und aus den jüdischen Kolonien vollkommen herauszudrängen. Die Folge sind Reibungen, die Folge ist Feindschaft, und die weitere Folge war die Organisation eines besonderen jüdischen Wächterkorps, das bereits den Arabern kleine Scharmützel liefert und von Woche zu Woche gibt es erschossene Araber und ermordete Juden, und die Blutrache schürt die Gärung dann weiter“ . . . „Den Gefahren auf dem Lande entspricht der Unfriede, der durch die Poale-Zion vor allem in den Städten erregt wird . . . Sie vertreten die allerextremsten wirtschaftlichen Anschauungen; sie untergraben das gute Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und schädigen damit ernstlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes“ . . . Wir unterlassen es, die Aeußerungen zu kennzeichnen. Wir konstatieren bloß, daß sich Herr Dr. Nathan durch seine ungeheuerlichen Anschuldigungen auf die Seite der schlimmsten Feinde der jüdischen Einwanderung und Kolonisation in Palästina geschlagen hat und ihnen zum Kampfe gegen das jüdische Kulturwerk in diesem Lande freiwillig Waffen liefert. Es ist eine Unwahrheit, daß die Poale-Zion die Parole ausgegeben hätten, die arabischen Arbeiter aus den jüdischen Kolonien zu verdrängen. Wir sehen, als Sozialisten, ökonomisch zu klar und sind von nationalistischer Engherzigkeit zu sehr entfernt, um nicht zu wissen, daß dies weder ein erreichbares, noch ein schönes Ziel wäre. Die Poale-Zion haben stets die Ansicht vertreten, daß der Zustand in der Mehrheit der bestehenden privatwirtschaftlichen Kolonien, wo jüdischen Grund- und Plantagenbesitzern arabische Arbeiter gegenüberstehen, ein national und sozial ungesunder ist. Wir haben stets betont, daß es die Aufgabe der jüdischen Kolonisation ist, den besitzlosen Einwanderern Arbeitsgelegenheit zu verschaffen und den Zutritt zum Boden zu ermöglichen. Wir haben es als unsere nationale und soziale Pflicht bezeichnet, durch Selbstarbeit das sittliche Recht auf den von uns okkupierten und der Kultur erschlossenen Boden zu erwerben. Wir haben daher ein Siedlungssystem verworfen, das kapitalistische Zersetzung in das primitive arabische Dorf trägt. Wir widersetzen uns jeder Besitzergreifung in Palästina, die jüdisches rechtliches Eigentum und nicht Arbeitseigentum schafft. Diesem hohen sittlichen und sozialen Ideal dienen die Hunderte und Tausende von jüdischen Arbeitern und Intelligenzlern, die in die alte Heimat gehen und sich aus Städtern zu Landarbeitern und Wächtern mühselig durchringen. &ein Opfer an Gut und Blut, kein Bruch mit unveränderlich geltenden Lebenssitten ist diesen jungen Männern und Frauen zu schwer, denn sie suchen in Palästina eine Stätte von Arbeit und Freiheit. Eine Verdichtung der arbeitenden Bevölkerung Palästinas erstreben wir, nicht die Verdrängung irgendeines Teiles der Bewohner des Landes. Vor diesem stillen Heldentum sollte ein Dr. Nathan den Hut ziehen, anstatt nach den frischen Gräbern der gefallenen Arbeiter und Wächter mit Steinen zu werfen. Es ist eine gewissenlose Erfindung, daß die jüdischen Wächter gewalttätig vorgehen und den Arabern Scharmützel liefern. Der judenfresserische „Karmel“-Redakteur hat sich eine derartige Behauptung noch nicht geleistet. Wahr ist, daß im letzten Halbjahr allein in Judäa und Galiläa vier jüdische Arbeiter und drei Wächter größtenteils aus dem Hinterhalt ermordet wurden. Bei Zusammenstößen mit arabischen Dieben und Räubern soll auch e i n Araber schwer verletzt worden sein. Infolge der schlechten Sicherheitsverhältnisse hat die türkische Regierung die jüdische Wache in Untergaliläa anerkannt und ihr behördliche Befugnisse übertragen. In diesem Augenblick wagt nun Herr Dr. Nathan, ohne auch nur eine Tatsache anzuführen, zu behaupten, daß man die Christen in Palästina „provokatorisch in ihren Empfindungen zu verletzen und zu mißachten für nützlich“ halte, und hetzt das Arabertum und die uneingeweihte europäische Öffentlichkeit gegen uns und das ganze jüdische Siedlungswerk in Palästina auf. Dem Sozialpolitiker Dr. Nathan, der in Berlin W. radikal tut, sind die Bestrebungen der Arbeiter zur Verbesserung ihrer Lage in einem Lande ohne jeden gesetzlichen Arbeiterschutz die „allerextremsten“, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes schädigen. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas ist bemüht, dort, wo es möglich ist, durch die Festsetzung eines Minimallohns, durch die Errichtung von wohlfeilen Arbeiterwohnungen und -küchen, durch genossenschaftlichen Zusammenschluß ihre Lebenshaltung gegen die lohndrück^nde Konkurrenz einer bedürfnislosen Bevölkerung zu sichern. Sie wehrt sich gegen die Tendenz, sie auf ein noch niedrigeres Lebensniveau als in den Ländern Osteuropas zu bringen. Es kennzeichnet den Liberalen Dr. Nathan, daß er diese selbstverständlichen Bestrebungen der Arbeiterorganisationen als eine Gefahr hinstellt. Durch den Vorwurf der übertriebenen wirtschaftlichen Forderungen widerlegt übrigens Dr. Nathan seine eigene grundlose Behauptung, daß wir die Araber zu verdrängen suchen. Denn wie kann die jüdische Arbeiterschaft mit ihren höheren Bedürfnissen und Lohnsätzen eine viel tiefer stehende und genügsame Arbeiterschicht unterbieten? Es läßt sich mit mehr Recht behaupten, daß die jüdische Einwanderung dazu beigetragen hat, die Lebenslage und die Löhne der Araber zu steigern.