Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Zur Würdigung der Nathanschen Broschüre
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 Nr. 8 DIES^ELT gegen die Auswüchse in unserem Lager sind, daß wir, die wir auf dem Boden der Tradition stehen, Sie für Ihr so löbliches Streben segnen." Es ist vom Standpunkte der Rabbiner ein wesentlicher Unterschied, ob sie dem Gast Dr. Paul Nathan, dem angeblichen Erretter des Beilis, ein Begrüßungsschreiben unterzeichnen oder ob sie dem Hilfsverein, der eine bestimmte Schulpolitik verfolgt, zustimmen. 9. Eine weitere Zuschrift in der Broschüre ist von dem Komitee des allg. Handwerker- und Arbeiter- Verbandes „Jegia Capai m“ unterzeichnet. Es folgt sodann eine zweite Zeile „gez. die Vorstände der verschiedenen Handwerkerzünfte". Ich bin ein armer Mann, aber ich erkläre mich bereit, für sämtliche Seminaristen des .Hilfsvereins einen neuen Bierabend zu veranstalten, falls es in Jerusalem „Vorstände der verschiedenen Handwerkerzünfte" oder etwas ähnliches gibt. 10. Die Namen der sephardischen Rabbiner, die in der Broschüre Vorkommen, höre ich zum erstenmal. Jedenfalls wagten auch diese nicht, in der „Moriah“ für den Hilfsverein einzutreten. Demgegenüber haben mehrere Rabbiner Palästinas sich offen und mit allem Nachdruck für die Forderung der hebräischen Unterrichtssprache ausgesprochen. Nun schreibt Herr Dr. Nathan: - „Erstens ist man zum Teil an dieselben Personen herangetreten und hat sie gefragt, ob sie denn Feinde der hebräischen Sprache seien. Das haben sie natürlich entschieden verneint. Aber ist damit etwa ein Gegensatz zum Hilfsverein festgestellt? Nicht im geringsten.“ Lieber Herr Doktor! Diese Darstellung ist eine Verschleierung des Tatbestandes. Es war ausdrücklich von der Frage der Unterrichtssprache die Rede. So sagte der Chacham-Baschi Moscheh Franco in meiner Gegenwart folgendes: „Ich rufe Gott zum Zeugen an: wenn ich gewußt hätte, daß es sich um die Frage der Unterrichtssprache am Technikum handelt, ich hätte niemals eine Kundgebung im Sinne des Hilfs Vereins unterschriebe n." Darin liegt doch wohl ein Gegensatz zum Hilfsverein! Nathan schreibt weiter: „Zionistische Organe haben sich nicht entblödet zu insinuieren, daß ich nur durch Bestechung die religiösen Kreise Palästinas für den Hilfsverein gewonnen hätte. Ich nagle diese Erfindung fest.“ Bevor Sie „festnageln“, lassen Sie sich noch eins sagen: Es ist eine Erfindung, daß Sie die religiösen Kreise Palästinas für den Hilfsverein gewonnen haben. Diese Kreise sind nach wie vor entschiedene Gegner des Hilfsvereins. Manche von diesen Kreisen erblicken sogar in den Schulen des Hilfsvereins eine weit größere Gefahr für das religiöse Judentum als selbst in den vielgeschmähten Gymnasien. Aus einem recht naheliegenden Grunde: weil die Orthodoxie strengster Observanz ihre Kinder niemals in ein Gymnasium schicken wird, hingegen vom Hilfsverein, der sich, nach Ihrer eigenen Angabe, die Aufgabe gestellt hat, „diese sehr zahlreichen Elemente durch linde Mittel, ohne ihre Religiosität anzutasten, allmählich — der modernen Zivilisation zuzuführen“, doch teilweise herangelockt wird. Diese Anschauung hat ihren Ausdruck selbst in einem Artikel der „Moriah“ gefunden. Da Sie nun die eigentlichen religiösen Kreise Pa- - lästinas für den Hilfsverein nicht gewonnen haben, so haben Sie sie selbstverständlich nicht durch Bestechung gewonnen. Was gewonnen wurde, ist nicht die Masse und nicht der Kern der Orthodoxie, sondern die Karikatur und der Abschaum. Auf welche Weise diese Elemente gewonnen wurden — in diesem Schmutz möchte ich nicht wühlen. Freuen Sie sich Ihres Erfolges! Ich wiederhole: Ich kenne keine einzige Persönlichkeit von Bedeutung, keinen einzigen Namen von Klang in der Welt des religiösen Judentums in Palästina, die Sie gewonnen hätten. Dem Geiste der Verschleierung des Tatbestandes, der der ganzen Broschüre sein Gepräge aufdrückt, entspricht auch die Darstellung über die palästinensische Presse. Der uninformierte Leser gewinnt folgenden Eindruck: In Palästina gibt es zwei Zeitungen: „Hacheruth“ und „Moriah“. Die erste ist eine offizielle zionistische Zeitung, die „Moriah" ist die Zeitung der Orthodoxie. Die erste kämpft nun gegen ~*en Hilfsverein, die andere für den Hilfsverein. Diese Darstellung entspricht absolut nicht den Tatsachen. Außer den genannten Zeitungen gibt es noch zwei Wochenblätter („Achduth“ und „Hapoel Hazair“), eine literarisch bedeutende Monatsschrift „Moledeth“ und eine Zweimonatsschrift „Hachinuch“. Die gesamte palästinensische Presse hat sich gegen den Hilfsverein ausgesprochen — mit Ausnahme der „Moriah“, von der bald die Rede sein wird. Zunächst sei noch festgestellt, daß die .„Hacheruth“ niemals eine offizielle zionistische Zeitung gewesen ist. Sie erhielt n i em a 1 s Subventionen von der zionistischen Organisation und hat auch wiederholt Artikel gebracht, die in einem offiziellen zionistischen Blatt niemals erschienen wären. Sie hat auch in dem Schulstreit sich bereit erklärt, Artikel aus dem Kreise Ephraim Cohns mit Namensnennung der Verfasser zu veröffentlichen. Die mündlichen und schriftlichen Vorschläge von jener Seite gingen aber weiter . . . Und nun zur „Moriah“. Sie ist eigentlich in der Öffentlichkeit schon genügend bekannt. Da aber Nathan sich soviel auf sie zugute hält, so soll darauf noch eine kurze Erwiderung erfolgen. Die Ausführungen Nathans lassen sich kurz in zwei Behauptungen zusammenfassen: Erstens hat die „Moriah“ keinen Pfennig Unterstützung seitens der Leute um Cohn bekommen. Zweitens: wenn ja, so wäre es ja kein Verbrechen, wenn auch der Hilfsverein sein offizielles Organ hätte. Herr Dr. Nathan! Ist das Ihre wirkliche Ueberzeugung, daß die „Moriah“ aus idealen Motiven über Nacht ihren Kurs geändert hat? Wenn dies Ihre aufrichtige Meinung ist, so sei Ihnen tausendfach verziehen! So will ich Ihnen tausendmal Abbitte leisten! So sind Sie der naivste, bedauernswerteste Mann von der Welt! Ich muß Ihnen offen sagen: Das geht über meine Fassungskraft. Und noch eins: die „Moriah“ ist noch heute, nach Ihren Angaben, eine Zeitung der palästinensischen Orthodoxie. Ich schlage nun vor, die „Agudath Israel“ oder der „Israelit“ in Frankfurt am Main möge eine Kommission von drei Personen zwecks Klärung der Frage der Kursänderung der „Moriah“ im Schulstreite einsetzen. Falls diese Kommission zur Ansicht gelangt, daß hier ideale Motive mitgewirkt haben, bin ich zu jeder von ihr mir auferlegten Buße bereit. Es ist aber ein himmelhoher Unterschied, ob ein Jerusalemer Organ der Orthodoxie oder ein von Ephraim Cohn gemietetes Blatt Dr. Nathan mit den Worten begrüßt: „Die Augen der gesamten Bevölkerung Palästinas, die treu zur angestammten Religion steht, sind jetzt auf Sie gerichtet.“ Ein Jerusalemer Wortführer der Orthodoxie, ein «Mitbegründer der „Moriah“, war es, der für ihr jetziges Verhalten die Worte prägte: Es ist ein Verrat an der Fahne der Orthodoxie und eine Schmach für den Hilfsverein. Aber Herr Dr. Nathan scheint wirklich hier wie in manchen anderen Dingen der Betrogene zu sein. Er füllt unbedenklich Seite auf Seite mit Artikeln aus diesem lügenhaften Arsenal. Ach, es ist trotz alledem jammerschade um Nathan. Er hätte lieber das Kapitel der „Moriah" nicht aufrollen sollen ... „Begehre nie und nimmer zu schauen, was die Götter bedecken mit Nacht und mit Grauen.“ P. S. Einige „liebenswürdige“ Zeilen widmet Herr Dr. Nathan auch mir. Auf Seite 29 heißt es: „Der journalistischen Hauptvertretung des Zionismus entspricht der Vertreter, den die „Welt“, das offizielle Organ der Partei, dort angestellt hat. Herr Dr. Feldmann in Jerusalem ersuchte mich zweimal als Vertreter der „Welt“ um eine Unterredung. Und dieser Dr. Feldmann schrieb alsdann im „Hacheruth“ das folgende: „Ich bin Herrn Dr. Nathan dankbar, daß er mich nicht mit der Hauptvertretung des „Hilfsvereins“ verglichen hat. Im übrigen: Soviel Worte, soviel „Ungenauigkeiten“. Der einfache Jude Jehoschua Feldmann, der erst kürzlich zwei Jahre seines Lebens der Jemenitenarbeit widmete, ist einerseits nicht in Jerusalem von der „Welt“ angestellt und ist andererseits auch in Berlin nicht ganz unbekannt. Er hat auch bloß einmal als Vertreter der „W e 11“ Herrn Nathan um eine Unterredung ersucht. Den von Nathan falsch zitierten Artikel (Nathan wurde bereits mündlich von ihm darauf aufmerksam gemacht) hat er nicht „alsdann“, sondern früher veröffentlicht. Im übrigen stellt das