Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-02-06
- Page
- 138 (sequence 1)
- Language
- German
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138 Nr. 6 DIE^ELT REVUE DER PRESSE 1 igiiniilll!llil!i!giP.lll!lllllll!llili!llli!l!l| Die letzte Nummer des Londoner „Jewish Chronicle“ bringt einen Leitartikel über den Sprachenkampf, der u. a. die folgenden Stellen enthält: „Der in Palästina herrschende Streit über die Frage, ob Hebräisch oder Deutsch die Unterrichtssprache der Haifaer Schule werden soll, wird jeden Tag verwickelter, um nicht zu sagen ernster. Der Beschluß zugunsten des Deutschen, den man auf Veranlassung des Hilfsvereins gefaßt hat, hat erklärlicherweise energische und leidenschaftliche Proteste hervorgerufen. Die erfreulichste Erscheinung für die jüdische Rasse ist heute die wiedererwachte Liebe zu der heiligen Sprache. Sich einer solchen Bewegung entgegenzustellen, und zwar in der Heimat des Volkes, ist nicht nur Wahnsinn, sondern Verrat, nicht so sehr ein Fehler, wie ein unverzeihliches Verbrechen. Aber die Sache hätte durch einen Appell an die jüdische Rasse der ganzen Welt beigelegt werden müssen. Die öffentliche Meinung des Judentums in allen seinen Teilen hätte sicherlich das jetzige System durchkreuzt, wie auch die öffentliche Meinung anderswo häufig Projekte und eine Politik, mit der sie nicht einverstanden war, unterdrückt hat. Anstatt sich auf diesen vernünftigen Standpunkt zu stellen, haben sich jedoch verschiedene Parteiinteressen, in der Hoffnung, im Trüben zu fischen, in den Streit hineingemengt. Zionisten haben die Lehrer und Schüler der Hilfsvereins-Schulen veranlaßt, einen Proteststreik gegen das Vorgehen der Gesellschaft zu inszenieren, und auf diese Weise das Recht auf die alte Sprache mit höchst modernen Methoden zu erzwingen. Aber der Zweck, den die Zionisten hierbei verfolgten, war nicht nur der, die hebräische Sprache zu verteidigen, sondern auch das Erziehungswesen in ihre Hände zu bekommen. Sie erblickten in dem herrschenden Streit eine Gelegenheit, die Hilfsvereinsschulen durch Institute zu ersetzen, die unter der Leitung ihrer eigenen Organisation standen. Die wichtigste Frage, nämlich die, ob es ihnen gelingen wird, haben sie sich jedoch anscheinend nicht gestellt. Vermutlich wird es ihnen nicht gelingen, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß sie die notwendigen Mittel nicht aufbringen können. Um dies zu erreichen, müßten sie die Fonds der Organisation, die schon für die bisherigen Arbeiten völlig unzulänglich waren, bis zur äußersten Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch nehmen, und dabei würde eine Vernachlässigung dieser bisherigen Arbeiten der Sache unermeßlichen Schaden zufügen. Anstatt auf solchen U m - w egen die hebräische Sprache in Palästina zu fördern, werden sie schließlich nur eine Anzahl von Lehrern brotlos machen, die Erziehung einer Schar von Kindern stören und einen schon jetzt bedauerlichen Kampf noch schärfer gestalten . . . Wir verlangen nun — und mit uns verlangen dies alle Juden, die sich nicht von Streitlust und törichtem Chauvinismus hinreißen lassen — daß die Angelegenheit zu einem Abschluß kommen muß . . . Wir fordern, daß die Auswüchse der ursprünglichen Haifaer Frage erbarmungslos aus dem Wege geräumt werden, und daß sofort Schritte unternommen werden, den Konflikt auf friedliche Weise beizulegen. Wir schlagen vor, daß ein Jude von Ansehen und Charakter, vielleicht der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, es in die Hand nimmt, die Parteien miteinander zu versöhnen. Wir verlangen dies, nicht nur im Hinblick auf die höchsten Interessen unseres Volkes in Palästina, sondern auch auf die höchsten Interessen der hebräischen Sprache, Interessen, die zu dem kostbarsten Besitz der Juden gehören.“ Der „Jewish Chronicle“ hat bisher in dieser Frage eine Stellung eingenommen, die völlig der unseren entsprach. Um so mehr überrascht es uns, daß er plötzlich Töne anschlägt, die ihm bisher ganz fremd waren. Von einem Blatte vom Range des „Jewish Chronicle“ hätten wir nicht erwartet, daß es unsem Kampf um die heiligen Rechte des Hebräischen als ein „Fischen im Trüben“ bezeichnet, die uns aufgezwungene entschiedene Stellungnahme gegen die Vergewaltigung des neuen Jischub als „törichten Chauvinismus“ hinstellt. Was haben wir denn anderes getan, als einen „Appell an die jüdische Rasse der ganzen Welt“ gerichtet? Wem kann es denn angenehmer sein als uns, wenn die Auswüchse der Haifaer Sache erbarmungslos aus dem Wege geräumt werden und so die Bahn freigemacht wird für einen friedlichen Abschluß, der mit der Ehre und dem Lebensinteresse des neuen Palästina im Einklänge steht? Wir hoffen, die Redaktion des „Jewish Chronicle“ wird den Sachverhalt noch einmal objektiv und vorurteilslos prüfen; sie wird dann gewiß zu andern Ergebnissen kommen. Im Anschluß an die übertriebenen Nachrichten, die Dr. Nathan verbreitet und die auch bereits ihren Weg in die amerikanische Presse gefunden haben, hat die größte amerikanische Zeitung „New York Times“ eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten um ihre Ansichten über den gegenwärtigen Konflikt befragt. Louis Marsh all versicherte dem Interviewer, daß Dr. Nathans Angaben geradezu lächerlich und die Vorwürfe gegen die Zionisten absolut unbegründet Professor Dr. Solomon Schechter, der gleich Louis Marshall ein Mitglied des Kuratoriums ist, äußerte sich über die Situation in folgender Weise: „Es handelt sich hier um einen Sprachenkonflikt. Die Zionisten möchten Hebräisch zur allgemeinen Sprache unter den palästinensischen Juden machen, während deutsche Patrioten auf Einführung des Deutschen dringen. Die Entscheidung werden die Kuratoren zu treffen haben, die in ihrer Gesamtheit keiner Partei angehören. Mr. Marshall z. B. ist kein Zionist, während ich einer bin. In Amerika und Europa kann die Sache auf friedliche Weise erörtert werden, in Palästina jedoch ist die Stimmung erregter. Die Juden dort sind ein vielsprachiges Gebilde und sehen ein, daß eine gemeinsame Sprache sie verbinden muß. Natürlich haben sie stärkere Empfindungen und weniger Geduld als wir, doch glaube ich nicht, daß sie sich irgendwelche gewalttätigen Handlungen haben zuschulden kommen lassen. Die Unruhen in Palästina sind sicherlich nur ein vorübergehender Ausbruch der Leidenschaft und werden keine ernstlichen Folgen haben. Prof. Boris Schatz, der bekanntlich zurzeit eine Ausstellung in Amerika veranstaltet, äußerte folgende Anschauungen: „Soweit mir bekannt, haben die zionistischen Führer und alle, die Vertrauen zu der palästinensischen Bevölkerung haben, alles getan, um die jetzige Situation zu vermeiden. Noch vor Ausbruch des Konfliktes beschlossen die Führer, keinerlei Gewaltakte zuzulassen. In jeder einzelnen Ausgabe der palästinensischen Blätter wurde die jüdische Öffentlichkeit ersucht, von einem offenen Widerstand gegen die Versuche, das neue Institut zu germanisieren, abzusehen. Nachdem nun das Institut geschaffen worden und über eine Million Dollars dafür gespendet worden ist, zum größten Teile von Amerikanern, bemüht man sich nun, das Deutsche zur herrschenden Sprache zu machen und das Hebräische als Fremdsprache zu behandeln, obgleich es die nationale Sprache der jüdischen Bevölkerung ist. Dr. Nathan hat die Gefühle der ganzen jüdischen Bevölkerung von Palästina mißverstanden. Die Spenden für das Institut waren gegeben worden, weil man die hebräische Sprache darin zur herrschenden machen wollte. Der bekannte und geschätzte Rabbiner Dr. D. de Sola Pool bestätigte die Ausführungen von Prof. Schatz und betonte, idaß bisher Palästina als neutrales Gebiet betrachtet worden sei, und andere Nationen nicht den Versuch gemacht hätten, in die Rechte der jüdischen Bevölkerung einzugreifen. „Haolam“ beleuchtet Mordechai ben Hille. H a k o h c n (Markus Kahan) in einem „Für unsere Sprache“ überschriebenen Artikel den . Sieg des Hebräischen in Palästina. Dieser sei auch von eminent praktischer Bedeutung durch seine Wirkungen auf den gesamten Jischub. Während die materiellen Güter der Juden in der Diaspora keinen Besitz des jüdischen Volkes, sondern des betreffenden Landes darstellen, seien unsere Erwerbungen in Palästina unser nationales Besitztum, dem der Aufbau unserer eigenen Kultur das nationale Gepräge verleihe. Die Schöpfer des neuen Jischub hätten daher von vornherein die ausschlaggebende Bedeutung des Hebräischen in Palästina erkannt und keine Mühe gescheut, um unsere nationale Sprache zu neuem Leben zu