Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Max Nordaus Stellungnahme
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 117 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 117 »DIE3§KLT Handeln bestimmen, sind mit aller wünschenswerten Deutlichkeit in seinem Namen ausgedrückt. Er nennt sich einen „Hilfs“-Verein -und er bezeichnet sich als „deutsch“. Er macht also aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er bekennt sich zum Mitleid mit leidenden Glaubensgenossen und zu deutscher Gesinnung. Seine jüdische Solidarität ist die der Wohltätigkeit, nicht die der nationalen Einheit. Auch sein palästinensisches Schulwerk hat er immer nur als Wohltätigkeit aufgefaßt, nicht als eine Mitarbeit an der Wiedererweckung des Hebräertums. Wenn er in seinen Palästinenser Schulen der hebräischen Sprache einen gewissen Platz eingeräumt hat, so war dies eine praktische Berücksichtigung örtlicher Bedürfnisse, nicht ein grundsätzliches, theoretisches Zugeständnis an den nationaljüdischen Gedanken. Es ist nicht die Schuld des Hilfsvereins, daß unsere Leitung all das einen Augenblick lang aus den Augen verloren hat. Der Hilfsverein hat, 'soviel ich weiß, unsere Mitwirkung für das Haifaer Technikum nicht gesucht; wir haben sie ihm angeboten und er hat sie angenommen. Er durfte voraussetzen, daß wir mit klarer Ueberlegung handelten. Das haben wir aber leider nicht getan. Wir haben uns von dem Namen des Vereins, der seine Tendenzen offen und ehrlich zusammenfaßt, nicht warnen lassen. Wir haben ihm den Baugrund gestiftet, ihm mit Hilfe unserer Gesinnungsgenossen große Geldbeträge zugeführt, ohne uns vorher zu vergewissern, daß die Anstalt eine nationaljüdische sein werde. Das war eine Forderung der ursprünglichsten Vorsicht. Es war unsere Pflicht eines guten Familienvaters, große Summen nicht hinzugeben, ohne die Bedingungen festzulegen, unter denen diese Anlage unserer Mittel erfolgte. Wir mußten mit dem Hilfsverein einen Vertrag in bindender Form schließen. Wäre der Hilfsverein auf ihn eingegangen, so hätte er ihn auch pünktlich gehalten. Wahrscheinlich hätte er ihn abgelehnt und wir hätten von vornherein gewußt, woran wir waren. Wir haben aber vorschnell gehandelt und dürfen uns jetzt nicht beklagen, wenn die Folgen unserer Leichtblütigkeit zutage treten. Der Hilfsverein vertritt Tausende von Juden, die leider unsere Grundanschauungen von dem Wesen und der Bestimmung des Judentums nicht teilen. Seine deutsch-vaterländischen Tendenzen entsprechen der Gesinnung seiner Mitglieder. Um seinen Charakter zu ändern, müßten wir zuerst seine Mitglieder für uns gewinnen, und das ist uns leider noch nicht gelungen. Bis dahin aber haben wir lediglich, und zwar mit Bedauern, festzustellen, daß er und wir verschiedene Aufgaben verfolgen, und wir müssen nicht das Unmögliche versuchen, zwischen unseren auseinandergehenden Richtungen ein faules Kompromiß zusammenzuklittern. Wir haben einen Urteilsirrtum begangen. Haben wir den sittlichen. Mut, ihn einzugestehen. Scheiden wir still und friedlich vom Hilfsverein, lassen wir ihn seiner Wege gehen und gehen wir unserer eigenen. Der Hilfsverein schenkt Palästina jährlich etwa 200 000 Franken Almosen in Gestalt von unentgeltlichem Unterricht. Ob uns dies angenehm ist oder nicht, wir können es nicht ändern. Alles, was unsere Würde uns vorschreibt, ist, von diesem Almosen für uns selbst nicht das winzigste Teilchen anzunehmen. Wir haben kein Mittel, zu verhindern, daß Missionen aller christlichen Bekenntnisse und Nationen in Palästina Schulen ihrer eigenen Richtung öffnen und unterhalten. Ebensowenig vermögen wir zu verhindern, daß der Hilfsverein der deutschen Juden das gleiche tut. Uns steht es jedoch frei, gegenüber den von uns als fremd empfundenen Schulen solche zu errichten, die von unserm Geist erfüllt sind. Das wollen wir tun, wenn wir dazu die Kraft haben. Aber wir können und sollen es ruhig, friedlich und würdig tun, ohne Aufregung, ohne Heftigkeiten, ohne bitteres Gezänk mit dem Hilfsverein, der immer sich selbst treu geblieben ist und wahrlich nichts dafür kann, wenn es uns an dem richtigen Verständnis für sein Wesen und seine Richtung gefehlt hat. Unsere Brüder in Palästina haben sich von ihrem Temperament zu einer vollständigen Verkennung der Sachlage hinreißen lassen. Wir dürfen ihnen das nicht übelnehmen, da sie in der Sprachenfrage, natürlich genug, sehr stark fühlen. Sie glauben, auf den Hilfsverein einen Druck ausüben, ihn durch eine trotzige, streitbare Haltung einschüchtern, ja ihn zu einer Aenderung seiner Beschlüsse zwingen zu können. Das ist eine Selbsttäuschung. Sie haben gar kein Zwangsmittel gegen den Hilfsverein und dieser hängt weder materiell noch moralisch von den palästinischen Juden und ihrer Meinung ab. Unsere Leitung weiß das zweifellos und sie hat die Pflicht, unsere Brüder in Palästina zur Mäßigung zu mahnen und sie über die Zwecklosigkeit jeder Kundgebung, jedes Sturmlaufversuchs gegen den Hilfsverein aufzuklären. Sie hat auch die Pflicht, ihrerseits von unfruchtbarem Zeitungsgezänk abzustehen und sich mit einer reinlichen Scheidung vom Hilfsverein zu begnügen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß eine kühl verständige Haltung unsererseits auf den Hilfsverein Eindruck macht, und ihn bestimmt, wenigstens in seinen bestehenden Schulen den Raum nicht einzuschränken, den er dem Hebräischen bisher überlassen hat. Das wäre für Palästina ein Gewinn. Jedenfalls empfiehlt es sich, daß jeder der beiden Teile sich in seinen eigenen Kreis einschließt und den des andern nicht stört. Vergeuden wir keine Kraft an die negative Arbeit einer Polemik, die Erbitterung hervorruft, die Judenfeinde mit Schadenfreude erfüllt und politisch sehr gefährliche Unterstellungen und Anschwärzungen erleichtert; sparen wir alles, was wir an Kraft haben, für die positive Arbeit des Schaffens und Erbauens auf. Vermehren wir unsere eigenen Schulen, ohne uns um die der anderen zu kümmern. Bemühen wir uns, die dazu nötigen Mittel aufzubringen. Gelingt es uns, wie ich hoffe, so haben wir nicht länger einen Grund, uns über die Kälte der anderen gegen das Hebräische in der Schule aufzuregen. Gelingt es uns aber nicht, so ist aer Beweis erbracht, daß Wir unsere Pflicht der Aufklärung des jüdischen Volkes über die heiligsten Gebote seiner Ehre noch nicht genügend erfüllt haben. Daraus würde uns dann eine Aufgabe erwachsen, die mir viel dringender und würdiger scheint, als die Polemik gegen den Hilfsverein. gez. Max Nordau. Hochverehrter Herr Doktor! Vielen Dank für Ihre liebenswürdige Meinungsäußerung. Ihre klar ausgedrückte prinzipielle Ansicht über die Notwendigkeit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina und die Alleinherrschaft der hebräischen .Unterrichtssprache in den dortigen jüdischen Schulen wird hoffentlich in weiten Kreisen den stärksten Eindruck machen und angesichts des jetzigen Sprachstreites wuchtig in die Wagschale der Entscheidung fallen. Auch der Passus Ihres Briefes, in dem Sie die Förderung der nationalen Erziehung jn Palästina, namentlich die Gründung und Erhaltung national-hebräischer Schulen so eindringlich als einen integrierenden Teil unserer zionistischen Palästina-Arbeit bezeichnen, wird für viele unserer Gesinnungsgenossen von programmatischer Bedeutung sein. In dieser grundsätzlichen Erklärung liegt für mich der Schwerpunkt Ihrer Stellungsnahme, die in sämtlichen jüdischnationalen Kreisen und vor allem in Palästina selbst wohltuend und aufmunternd empfunden werden wird. Allerdings läßt sich dazwischen in Ihren Worten auch noch ein Unterton leisen Zweifels und begreiflicher Sorge wegen unserer finanziellen Möglichkeiten hören, aber zum Schluß klingt ja der Inhalt Ihres Briefes in der Hoffnung aus, es werde uns gelingen, das, was wir unternommen haben, auch mit Erfolg durchzusetzen. Dieser zuversichtlichen Hoffnung schließe ich mich voll und ganz an. Die einmütige Begeisterung, mit der die Opfer sowohl in Palästina wie in der ganzen Diaspora geleistet werden, macht für mich diese Hoffnung sogar zu einer Gewißheit, die ja auch eine notwendige Voraussetzung des Erfolges bildet. Neben diesen wesentlichen Punkten, die eigentlich die aktuelle Frage erschöpfen, enthält Ihr wertes Schreiben noch manches, das sich auf die Vorgeschichte der Krise bezieht. Zu dieser Frage gestatten Sie mir, sehr verehrter Herr Doktor, Ihre Aufmerksamkeit auf einige wichtige Tatsachen zu lenken, die für eine nähere und in manchen Einzelheiten anders konstruierte Beurteilung maßgebend sein mochten. Der „Hilfsverein“ hatte nie zuvor assimilatorische Tendenzen bekundet. Wir werteten ihn nicht nach seinem Namen, sondern nach seinen Taten. Er zählte und zählt noch jetzt zu seinen Mitgliedern und aktiven Mitarbeitern mehrere Zionisten. Ob seine Führer nationaljüdisch empfinden oder nicht, ließe sich auch gar nicht mit Sicherheit feststellen. Für uns war die Richtung der Hilfsvereinsschulen in Palästina das gegebene Kriterium. Solange diese Schulen national waren — und das waren sie — begleiteten wir die Tätigkeit dieser Organisation mit Wohl-