Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 91 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 91 DIE3§KELT gen Inhalt des Judentums kann in ihr eine neue innige Freude auslösen, die sie wiederum zur Jüdin werden läßt. Ein Abschnitt der jüdischen Geschichte aus heroischer Zeit läßt sie staunend Volkskräfte sehen, die sie niemals geahnt hätte. Sie wird dann weiter forschen, was eigentlich dieses „Jüdische“ ist und von allen Seiten her können ihr Antworten kommen. Von allen Seiten her, nicht etwa nur von einer. Jede Seite des Judentums, alle Bewegungen der heutigen Juden möge sie kennen lernen. Wohin es sie dann treibt, ist ihre Sache, ihre Wahl, wenn es sie nur in das Lager bewußt jüdischer Arbeit führt. Es ist schon ein guter Anfang, wenn die Jüdin nur endlich wieder etwas vom Judentum wissen will. Für manche Kreise ist es schon genug, wenn man eindringlich sagen kann und auch gehört wird: glaubt endlich wieder, daß das Judentum, ob man es historisch, religiös, philosophisch, national betrachtet, betrachtungswürdig und interessant genug ist. Die Jüdin, die durch irgend ein seelisches Ereignis oder ein rein geistiges Erlebnis bewußt zum Judentum zurückkehrt, wird dann sicher einsehen, daß sie ihre Anschauungen in allgemeiner und besonderer Hinsicht heutzutage einer Revision unterziehen muß. Sie wird, die bislang nur von allgemeinen sozialen Menschheitspflichten sprach, auch wieder begreifen, daß es für sie spezielle jüdische Aufgaben gibt. Ihre persönlichen Neigungen, die sie in politische und soziale Lager ihres Landes treiben, wird sie auf einmal anders betrachten lernen. Ich kann es mir denken, daß z. B. eine frohe und erdenfeste Frau so sehr an ihrem Garten, an einem Stück Grund und Boden hängt, daß sie etwa politisch die Rechte des wurzelfesten Bauernstandes festigen und wahren möchte, obgleich die Juden Deutschlands so ganz andere Interessen haben, als agrarische Ziele zu fördern. Ich kann mir ebenso denken, daß einer Jüdin die Not der Massen so ans Herz geht, daß sie mit ihren Kräften der Sozialdemokratie dienen möchte, sei es die geistige oder die materielle Not ihrer Rasse, ganz andere Wege und Lösungen verlangt. Alle diese Erwägungen lassen sie am Ende doch zu dem Ergebnis kommen: Ich will Jüdin sein und möchte mich als Jüdin betätigen. Was kann ich da tun und welche Aufgaben habe ich? Dann ist zu antworten: Zweierlei Aufgaben hat die jüdische Frau heute: äußere und innere Aufgaben. Die innere Aufgabe der jüdischen Frau bezieht sich auf ihr Haus und ihre Familie. Wir alle, welcher jüdischen Richtung wir auch angehören, müssen einmütig sein in der Einsicht und dem Willen, unseren Kindern jüdische Werte ins Leben mitzugeben. Ich kann hier nur von den Westjuden reden, denn für die Oestier, die in einem jüdischen Milieu leben, deren Kinder hebräisch oder jiddisch sprechen, denken, spielen, singen und träumen, gilt dieser Satz nicht. Aber wir, die wir unsere Kinder als bewußte und darum wissende Juden erziehen wollen, wir müssen ernst machen mit unserem guten Willen zur Erziehung. Früher dispensierte man jedes Kind, das irgendwie zu wenig Zeit hatte oder zu überarbeitet schien, zu allererst vom jüdischen Unterricht. War der Unterricht schlecht (und wo war er etwa gut?) so wurde kein Privatunterricht gegeben; — ausgenommen sind bewußt jüdisch-religiöse Familien — der Erfolg war, daß wir heutigen Mütter in der großen Mehrzahl in jüdischer Beziehung nichts mitbekommen haben, als den Familiensinn und das berühmte „gute, jüdische Herz“. Das fehlende Wissen müssen wir uns mühsam aneignen oder mit unseren Kindern zu erlernen suchen. Hebräische Sprache und jüdische Geschichte in weitestem Maße muß heute jedes jüdische Kind lernen, denn das ist das einzige Mittel, heute ein Kind in Westeuropa zum Juden zu erziehen. Die jüdische Mutter trägt die ganze Verantwortung, denn ihr ist das Haus und die Macht und die Geduld und die Liebe. Leider kann ich nicht weiter auf das Erziehungsproblem eingeben. Nur noch Einiges über Gebräuche und Feste. Gebt doch den Kindern die schönen jüdischen Feste, selbst wenn eure Weltanschauung und eure Ueberzeugung dem religiösen Inhalt der Feste nicht entspricht. Feiert die im Kernpunkt meist nationalen Feste samt ihren religiösen, schönen, alten, symbolischen Gebräuchen. Wieweit die persönliche Fähigkeit dazu reicht, wenn der tiefe Glaube der Väter nicht mehr von innen her die Feste erwärmt, wieweit das von Herzl und Goethe als künstlerisch gepriesene Naturell der Frauen Poesie und Phantasie genug besitzt, um doch Feste leiern zu können, ohne daß sie eine innnere Lüge oder gar eine leere Zeremonie werden, das sei die Preis- und Taktaufgabe jeder einzelnen Frau. Persönlich stehe ich auf dem Standpunkte, kein Kind sei von religiösen aber von anderen inneren Kämpfen zu befreien, jeder tüchtige, junge Mensch will zwischen 16 und 20 Jahren anerzogene Dinge abschütteln oder wegvverfen oder umwandeln. Man wird mich nicht dahin mißverstehen, als ob ich unsere Feste etwa dazu herab würdigen wollte, als Ausfüllmittel zu dienen, des Abschüttelns wert. O nein! Ich denke, was das Kind einmal in der Kindheit übte und liebte, wird es, selbst wenn es als erwachsener Mensch nicht mehr daran hängen sollte, immer ehrfürchtig bei anderen verstehen. Nie kann ein Mensch die Feste und die Lieder seiner Kindheit ruhigen Blutes schmähen hören, selbst wenn er sie durch irgendwelche inneren Gründe nur wehmütig als schöne Erinnerungen betrachtet. Das weiß er: es gab eine Zeit, wo sie die Bereicherung und Vertiefung seines kindlichen Lebens bedeuteten, und je reicher und tiefer und schöner eine Kinderjugend ist. desto besser für den Menschen und seine Lebensarbeit. Soweit meine Andeutungen und Anregungen zu den inneren jüdischen Aufgaben unserer Frauen. Die äußeren sind weniger individuell, dafür schwieriger und vielgestaltiger. Die äußere Arbeit der jüdischen Frau wollen wir in vier Abteilungen gliedern. Vor allem heißt es: Soziale Arbeit erlernen, dann soziale Arbeit ausüben, weiter soziale Aufgaben neu schaffen und endlich die soziale Arbeit Palästinas beeinflussen. Die vier Abteilungen hängen organisch zusammen. Zunächst also soziale Arbeit erlernen. Das tut natürlich vor allem andern not. Wir müssen zuerst lernen wollen, ehe wir lehren und organisieren können. Hierzu gibt es zwei Wege. Man muß sich über Sinn und Art sozialer Tätigkeit klar werden, um sich dann ein Tätigkeitsgebiet auszusuchen. Soziale Arbeit kann man in großen Städten theoretisch und praktisch erlernen. (Schluß folgt.) „England und der Zionismus in Palästina“ Von Davis Trietsch Die Palästinaiiteratur ist um ein wunderliches Erzeugnis bereichert worden. Wir sprechen von der fleißigen und weitfassenderi Arbeit eines Nichtjuden, der unter obigem Titel das zweite Heft der „Beiträge zur Orientpolitik* *) erscheinen läßt. Der Verfasser ist Fritz Lorch, ein Palästina-Deutscher, den wir als einen Gegner unserer Bestrebungen kennen. Als solcher ist er vor etwa sieben Jahren aufgetreten und zwar in der „Warte des Tempels", wo er die Deutschen zum Kampf gegen den Zionismus aufrief, und in ähnlichem Sinne hat er sich zweifellos auch an sein letztes Buch gesetzt. Aber da erleben wir einen neuen Bileam. Der Vorwurf der Engländerei geht kaum über den Buchtitel hinaus. Ein Wort von Zangwill, wonach der Zionismus ohne die englische Regierung in Palästina nichts machen könnte, ist so sehr die einzige Stütze des Lorchschen Vorurteils, daß er es zweimal anbringt. Dabei wirkt es dann komisch genug, daß gerade Zangwill als Exponent des Zionismus herhalten muß, der längst unter die Gegner gegangen ist und dessen Aeußerung über England als Schutzmacht des Zionismus sich selbst in Lorchs Zitat als eine Verteidigung Englands dokumentiert — als Verteidigung nämlich gegen den im Zionismus häufigen Vorwurf, daß England nicht genug Interesse tür die Bewegung zeige! *) Verlag der „Beiträge zur Orientpolitik**, Berlin SW. (96 Seiten).