Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316629-3351413--58773-3351564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 Nr. 4 DIE^ELT dem Papier, und ihre Ausübung besteht nicht nur darin, daß Frauen Mandate von Südafrika, Australien erhalten oder aus einigen anderen Staaten, die eigene Delegierte nur in beschränkter Anzahl senden können; daß wir mehr tun, als im Kongreß die Hand zur Abstimmung zu erheben: daß wir mitarbeiten in den Arbeitszentren und wirklich eine Stimme im Rate der Männer haben! Soweit mein Rat für die parteipolitisch Begabten. Wir andern fragen uns: welche speziellen Aufgaben stellt die Gegenwart an die jüdischen Frauen, und was kann die jüdische Frau leisten? Ich betonte vorhin, daß unsere Frauenpflicht und unser Frauenvorrecht ist, nie das Ganze aus dem Auge zu lassen, und nie über dem Einzelnen den Blick für die Harmonie und die Totalität des Lebens zu verlieren. Darum zähle ich alle jüdischen Frauen zu uns, solange sie Jüdinnen sind. Erst wenn wir um sie gestritten wie Jakob mit dem Engel: „ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnetest mich", erst wenn .wir alles vergeblich versucht haben, um sie zu gewinnen, erst wenn wir sie endgültig an ihre Umwelt verloren haben, gehören sie nicht mehr zu uns. Solange sie noch existiert, die große und, ach, so gleichgültige Masse jüdischer Frauen, hat sie uns zu interessieren. Der Grund ist so einfach. Die Frauen sind der Kronschatz des jüdischen Volkes, denn sie sind die Mütter der Männer. Ohne sie keine Helfer, keine Helden, deshalb möchte ich alle jüdischen Frauen der ganzen Welt für jüdische Ideale fühlen und für jüdische Dinge arbeiten sehen. Die Masse der Frauen ist so indifferent, daß man ihre Aufgabe in einem Satz formulieren könnte; die große Gegenwartsaufgabe der jüdischen Frauen heißt: jüdisch werden. Wir wissen, daß dies Paradoxon bei uns ausgesprochen werden darf, denn die moderne, gut erzogene Frau, die befähigt wäre, jüdische Werte zu schaffen, ist alles Mögliche, nur nicht Jüdin. Sie ist sich klar bewußt, Frau' zu sein, Gattin, Mutter, Berufsmensch, Kettenglied der Zukunft, sozialer Weltbürger; all das ist ihr bewußt, nur die Tatsache, Jüdin zu sein, ist ihr ein meist unbewußter Zustand. Den kleinsten Teil moderner Jüdinnen, die Orthodoxen, nehme ich natürlich ebenso wie bei uns Nationalgesinnte aus. Aber wie steht es mit den andern der großen Masse? In Westeuropa ist meistens die Tatsache, Jüdin zu sein, ein unbequemer Geburtszufall, der entweder vornehm ignoriert oder mit literarischem Modestolz betont wird, ohne daß man sich aber überlegt, was das heißt, Jüdin zu sein und welche Konsequenzen es haben muß, als Jüdin sich seiner selbst bewußt zu werden. Da kann es nur eines von beiden geben: endgültige Ablehnung oder opfer- und arbeitsfrohe, überzeugte Bejahung. Ehe wir die Wege feststellen, die ins Judentum zurückführen, wollen wir kurz die Ursache zu ergründen suchen, warum es so schwer ist, gerade Jüdinnen zu einer rein jüdischen Arbeit zusammenzuschließen, und warum auch die besten und herzenswärmsten jüdischen Frauen, die für das Allgemeinwohl der Menschheit arbeiten, so schwer für uns, ja überhaupt für rein jüdische Aufgaben zu gewinnen sind. Ueberall sind hervorragende Jüdinnen als Leiterinnen, Führerinnen und Anregerinnen tätig, nur nicht in rein jüdischen Verbänden. ln der Geschichte der Frauenbewegung finden wir jüdische Frauen als erste Kämpferinnen und unermüdliche Werberinnen. Hier ward ein Kampf gekämpft, wo Jüdinnen und Christinnen, Deutsche und Französinnen, Engländerinnen und Amerikanerinnen ganz gleich galten, hier handelte es sich um Menschheitsideen. Der Kampf um das Recht der Frauen war zugleich breitestes Allgemeingut und tiefste persönliche Angelegenheit. Hier galt die Frau an sich. Von irgend welchen rein jüdischen Verbänden wollten diese Frauen lange nichts hören, auch nicht, als die materielle und sittliche Judennot sie notwendig machte. Eine sozial arbeitende Frau und edle Persönlichkeit wie Berta Pappenheim, die Leiterin des Waisenhauses in Frankfurt am Main, mußte, als sie den zweiten Delegiertentag des jüdischen Frauenbundes eröffnete, vom Hohn aller Jüdinnen reden. Sie sagte damals öffentlich: „Als Frauen haben wir uns wie alle Frauen mit allen Frauen dem Manne gegenüber durchzusetzen, da wo wir um unseres Geschlechtes willen als minderwertig behandelt werden. Als Jüdinnen haben wir uns aufrecht zu halten auch dort, wo wir unter Männern und Frauen anderer Konfessionen allervvärts stillen und lauten Feinden begegnen, von unseren jüdischen Gegnern nicht zu sprechen, die uns schaden, weil sie nicht den Mut haben, sich zu uns zu bekennen und uns zu nutzen." Von diesen Gegnern wollen wir hier gar nicht sprechen. Ich will Sie ja nur zum Nachdenken anregen, warum es so schwer ist, Jüdinnen für rein Jüdisches zu begeistern. Unsere geistvollen und großen jüdischen Frauen zog naturgemäß alles an, wo sie nichts von Rasse und Konfession hören mußten. Dieses absolute Untertauchen in das allgemein Menschliche tat ihnen so wohl. Ganz unbewußt lag noch in ihrem Blute der Abscheu vor dem langen Gebrandmarktsein durch die ,Konfession4, von der sie jetzt, als es keine Schande mehr sein sollte sie zu bekennen, erst recht nichts mehr hören wollten. Jene Frauen würdenentrüstet bestreiten wollen, daß das Aufgehen im Allmenschlichen die Befreiung von ihrem Ghettogefühl war, die sie im Blute ihrer Ahnen noch miterlebten. Dies ist der einzige, tiefere, metaphysische Grund und auch die Erklärung und Entschuldigung dafür, daß edle Jüdinnen so spät, so schwer für rein Jüdisches zu haben sind. Solche Dinge gehen ganz unbewußt tief unter dem Schleier des Ichbewußtseins in jenen tief verschlossenen Kammern unseres Herzblutes vor sich. Von solchen Dingen wissen wir ja so wenig, nur manchmal, wenn angepocht wird, vielleicht durch das sanfte Klopfen, mit dem die Finger der Künstler oder die Augen kleiner Kinder an unsere Seelen rühren, öffnet sich ein Spalt, das Unbewußte steigt blitzartig empor und wir leben einen Augenblick von den Geheimnissen unserer eigenen Arbeitende, tüchtige und tatkräftige Frauen haben gar keine Zeit, über seelische Dinge lange nachzusinnen. Manche dieser tüchtigen Frauen sahen heute die Notwendigkeit, für jüdische Dinge zu arbeiten, langsam, oft nur sehr bedingt ein, und wenn wir heute zu diesen Frauen von einer rein jüdischen Sache sprechen, so kommen uns manche freundlich und billigend entgegen, aber da sie so arbeitsüberlastet sind, so hingegeben an andere Dinge und vielleicht zu sehr von ihnen erfüllt, um ihre Verpflichtungen als Jüdinnen zu fühlen, gehen sie nicht hinaus in die Welt, um ihre berühmten Namen für uns wirken zu lassen. Erinnern wir uns an die Namen berühmter jüdischer Sozialpolitikerinnen der Frauenbewegung, etwa an Henriette Goldschmidt, Jeannette Schwerin, Lina Morgenstern und viele, viele andere, deren Organisationstalent, und vor allem deren Lebenshingabe an ihr Werk dauernden Ruhm an ihre Namen knüpft. Diese Frauen konnten das Judentum nur so nehmen wie alle Juden Westeuropas nach der Emanzipation, rein religiös, und als das Religiöse in ihnen erst von den Aufklärungsideen, dann von religiös gefühlten sozialen Empfindungen verdrängt wurde die ganze Menschheit soll es sein - blieb nur wehmütige jüdische Pietät übrig. Ihre Schülerinnnen und Nachfolgerinnen, der Abstammung nach noch Jüdinnen, haben nicht einmal diese sentimentale Beziehung zum Judentum mehr dank einer Erziehung ohne jeden jüdischen Inhalt. Da aber heute ein frischer Luftzug durch die ganze verstaubte westeuropäische Judenheit weht, wird manche ehrliche Frau angeregt, über ihre Beziehung zu diesen beweglichen, tausendmal totgesagten, immer wieder auftauchenden Juden nachzudenken. Der Weg, wie die moderne Frau dann wieder Jüdin wird, ist unwesentlich. Sie bekommt eines Tages vielleicht ein tief ergreifendes Buch in die Hände; die Erzählungen von Perez, oder „Rom und Jerusalem“ von Heß, oder die mystischen Legenden des Baal Schern, die Quellen in ihr rauschen machen, die sie längst verschüttet glaubte. Begeistert für den reinen seelisch-geisti-