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Die Welt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. 88

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-01-23
Page
88 (sequence 2)
Language
German
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88 Nr 4 DIE^ELT Neben der palästinensischen Schulfrage beschäftigt gegenwärtig das jüdische Schulwesen in Rußland selbst in hohem Maße die russische Judenheit. Der „Rasswjet“ veröffentlicht über diesen wichtigen Gegenstand einen pessimistisch gehaltenen Aufsatz. Er kennzeichnet darin drei verschiedene Richtungen innerhalb der russischen Judenheit: eine von den Zionisten vertretene hebräische Richtung, eine jüdischistische und eine russische. Die gegenwärtige Lage des jüdischen Schulwesens in Rußland biete ein wenig erfreuliches Bild. Im gesamten russischen Reiche befinden sich nur 910 jüdische Schulen mit einer Gesamtzahl von 90000 jüdischen Schülern und Schülerinnen, d. i. eine Schule auf je 6868 Seelen, während achtmal so viel jüdische Schulen für alle jüdischen Kinder erforderlich wären. Bemerkenswert sei der Umstand, daß die russisch-jüdische Intelligenz, die für die Verbreitung von Wissen unter den russischen Juden wirken will, ihre eigenen Kinder nicht in jüdische Schulen, sondern in die allgemeinen Regierungsschulen schicke. Die jüdischen Schulen seien nur für die ärmeren jüdischen Volksschichten bestimmt, und tragen einen mehr philanthropischen als pädagogischen Charakter. Die meisten jüdischen Schulen in Rußland seien nur eine Kopie der russischen Schule und hätten in ihrem Lehrplan weder Hebräisch noch jüdische Geschichte. Das Jüdische an ihnen bestehe lediglich darin, daß sie ausschließlich von jüdischen Kindern besucht werden. Angesichts dieser Tatsache müßten die Hebraisten und Jüdischsten ihre Gegensätze zurückstellen und sich zu gemeinsamem Kampfe gegen die Russifizierung der jüdischen Schule vereinigen. Es sei daher ganz verkehrt, daß z. B. die Jüdischsten in Odessa sich mit dem russifikatorischen Komitee des dortigen Zweigvereins der jüdischen Bildungsgesellschaft gegen die Hebraisten vereinigt haben. Es müßten im Gegenteil alle bewußten Juden gegen die assimilatorischen Schulbestrebungen gemeinsam kämpfen. Eines der größten konservativen Tagesblätter Italiens, „La Stampa“ in Turin, das sich des größten Einflusses in den leitenden Regierungskreisen erfreut, bringt in der Nummer vom 16. Januar einen langen Artikel über das jüdische Palästina aus der Feder des bekannten italienischen Schriftstellers Giuseppe Bevione, der vor einiger Zeit von der Stampa nach Palästina entsandt wurde, um die dortigen politischen, ökonomischen und sprachlichen Zustände an Ort und Steile zu studieren; der betreffende Artikel ist „Die Heimkehr Israels* betitelt und ist wörtlich am selben Tage auch im „R e s t o d e 1 Carlino“ in Bologna erschienen. Bevor der Verfasser zur Schilderung von Neu-Palästina übergeht, gibt er eine längere Darstellung des alten Palästina. Dann fährt er fort: Neben den Massen von Alten, die nur wünschen, im heiligen Lande zu sterben, fließt seit einigen Jahren ein Strom jüdischer Emigranten nach Palästina, die dort nicht nur sterben, sondern auch leben wollen. Die zionistische Bewegung, die dem, der in Europa von ihr sprechen hört, eine gewaltige aber verzweifelte Anstrengung zu sein scheint, wird in Palästina zu einer lebendigen und erobernden Wirklichkeit. ln weniger als 20 Jahren (der erste Baseler Kongreß wurde von Herzl 1897 berufen) haben die Juden in Palästina solche Fortschritte gemacht, daß, wer im Lande lebt, mit absoluter Sicherheit behauptet, daß i n 50 Jahren Palästina wieder ein jüdisches Land sein wird. In Jerusalem sind unter 160 000 Einwohnern 100000 Juden; Haifa und Jaffa gewinnen jeden Tag mehr einen ausgeprägt jüdischen Charakter; blühende jüdische Kolonien sind in ganz Galiläa, in Samarien und Judäa verstreut. Die Juden haben bereits die erste ökonomische Stellung vor allen anderen Nationalitäten gewonnen. Und was wichtiger ist: während die eingeborene arabische Bevölkerung, die ca. 600000 Seelen zählt, nicht zunimmt, und die Christen stationär bleiben, ergießt sich jedes Jahr, regelmäßig, eine neue Flut jüdischer Emigranten von allen Erdteilen nach Palästina und verstärkt das zur Wiedereroberung der verlorenen Heimat bereits versammelte Heer. Im Jahre 1865 gab es in Palästina nur 30 000 Juden: heute sind ihrer über 150 000. Die türkischen Behörden legen dem Verkauf von arabischen Ländereien an die Neuangekommenen allerlei Hindernisse in den Weg. Aber die Zähigkeit, die Geschmeidigkeit, die Hilfsquellen der nach dem verheißenen Lande hungernden Juden besiegen diese Schwierigkeiten. Die Führer der Bewegung beginnen, den Emigranten, die entschlossen sind, sich in Palästina niederzulassen, zu empfehlen, ihre frühere Staatsangehörigkeit abzulegen und ottomanische Bürger zu werden. 30 °/o der jüdischen Kolonisten folgt diesem Rate. Als Bürger der Hohen Pforte haben die Juden die größten Hindernisse, die sie vom Landbesitz entfernen, überwunden. Auch hilft den Einwanderern die „A nglo-Palestine Ban k“, ein kräftiges zionistisches Institut, das selbstverständlich mit großer Tüchtigkeit geleitet wird, mit ausgiebigem und leichtem Kredit. Ich habe genau die interessanteste zionistische Siedlung in Palästina besucht, die an den Toren von Jaffa liegt und Tel-Abib, der Frühlingshügel, heißt Es ist eine wahre autonome Vorstadt, die sich von der arabischen Stadt durch ihren europäischen modernen Charakter deutlich unterscheidet. Die Straßen sind breit, von vielen Laternen beleuchtet und von lachenden Gärten flankiert. Jedes Haus ist einstöckig, alleinstehend, nur von einer oder zwei Familien bewohnt. Die Straßennamen sowie die Ladenschilder sind hebräisch. Die Sauberkeit ist bewundernswert. Das hervorragendste Gebäude, um das sich die Stadt sammelt, wie eine Familie um den Herd, ist die Schule. Heute wird die kraftvolle Sprache, in der das Buch Hiob und das Lied der Lieder geschrieben sind, im Umgang des Lehrers mit dem Schüler, der Mutter mit dem Kinde, des Mannes auf der Straße mit seinem Mitbürger gebraucht. I n einigen Jahren, wenn die Juden die Mehrheit bilden werden — und das wird unausbleiblich geschehen — wird das Hebräische wieder die Sprache des Landes sein, wie zu den Zeiten Salomos. Und die in der Welt verstreuten Juden werden ihre Heimat wiedergefunden haben. .llll PALÄSTINA-RUNDSCHAU ■■ Hotel wesen in Palästina Nach den schon jetzt vorliegenden Anmeldungen wird die Zahl der jüdischen Touristen, die im Frühjahr nach Palästina fahren, weit größer sein als in irgendeinem früheren Jahre. Das Wiener Palästina - Informationsbureau veranstaltet eine Gesellschaftsreise größeren Stils, weitere Palästinareisen werden im Frühjahr von den galizischen Zionisten unter Leitung des Vereins „Erez Israel** in Stanislau, von den Bukowinaer Zionisten unter Leitung der Czernowitzer Verbindung „Hebronia** und von einer Gruppe süddeutscher orthodoxer Juden unternommen werden. Auch aus Rußland dürften in den nächsten Monaten überaus zahlreiche Gesinnungsgenossen Erez-Israel besuchen. Für die Erleichterung der Reise nach und in Palästina ist in den letzten Jahren vieles geschehen, und Reisen in Palästina bieten deshalb jetzt kaum größere Strapazen, als in Aegypten oder anderen Mittelmeerländern. Dagegen hat das jüdische Hotelwesen in Palästina mit der Entwicklung des Touristenverkehrs nicht gleichen Schritt gehalten. Die jüdischen Hotels in Palästina genügen mit wenigen rühmlichen Ausnahmen nicht den Ansprüchen, die der europäische Tourist zu stellen gewohnt ist. Besonders fühlbar macht sich der Mangel eines großen und guten Hotels in dem neuen jüdischen Stadtviertel Tel-Awiw bei Jaffa, das infolge des dort herrschenden regen jüdischen Lebens ein Anziehungspunkt ersten Ranges für die Touristen geworden ist. Das Komitee von Tel-Awiw hat sich zusammen mit dem Palästina-Industrie-Sy ndikat und der A nglo- Palestine Company seit langem um die Errichtung eines modernen Hotels in Tel-Awiw bemüht. Wie wir hören, besteht jetzt die Aussicht, das auf 100000 Frcs. veranschlagte Baukapital aufzubringen, da sich einige reiche Gesinnungsgenossen in Rußland für das Projekt interessieren. Mit dem Bau soll aber erst begonnen werden, wenn sich ein im Hotelwesen erfahrener und über genügende Mittel verfügender jüdischer Hotelpächter gefunden hat. Das Hotel hat die besten

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