Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 87 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4 die3|klt terungen und Drohungen am Schulbesuch zu hindern. Das Unwesen wurde zeitweise so arg, daß der Gouverneur von Jerusalem — an den die Zionisten ebenfalls mit Denunziationen gegen ihre Glaubensgenossen herangetreten waren in öffentlicher Proklamation gegen die Hetzer Stellung nahm und die Bevölkerung vor Ausschreitungen warnte. Erfreulicherweise hat sich die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Jerusalems den gewissenlosen Hetzereien unzugänglich gezeigt. Sämtliche Lehrinstitute des Hilfsvereins in Jerusalem und Jaffa befinden sich im Zustande blühenden Gedeihens und haben trotz aller Verhetzungen nur wenig an Schülerzahl verloren. Das Lehrerseminar mit Präparandenanstalt zählt 60 Schüler, Mädchenschule und Mädchenheim 255 Schüler, die Lämelschule (Knabenschule) gegen 270 Schüler, dazu kommen die ebenfalls gut besuchten Kindergärten und die Schule in Jaffa, die über SO Schüler zählt. Es wäre zu wünschen, daß sich die besonneren Elemente unter den Zionisten von den hirnlosen Treiben einiger fanatischer Exaltados, die doch nur eine, wenn auch vielleicht; 8? nicht ganz unbeträchtliche Minderheit bilden, lossagen und der ruchlosen Selbstzerfleischung Einhalt tun, die die friedliche Entwicklung der jüdischen Kolonie in Palästina zu vernichten droht und für die Existenz des palästinensischen Judentums selbst die schwerste Gefahr bedeutet. Vielleicht fallen die ebenso warmherzigen als einsichtsvollen Mahnworte, die Dr. P. Nathan am Schluß seines lesenswerten Schriftchens an seine Glaubensgenossen richtet, bei denen, die es angeht, auf empfänglichen Boden. Und angesichts dieser „ebenso warmherzigen als einsichtsvollen Mahnworte" zweifelt noch jemand an dem guten Recht des Hilfsvereins, uns Skrupellosigkeit und „hirnloses Treiben" vorzuwerfen. — Dr. Nathan wirft uns Denunziationen, Terrorismus, Aufhetzung der mohammedanischen Bevölkerung vor. Es ist eine alte Geschichte: Wenn der Dieb den Verdacht von sich ablenken will, ruft er selbst am lautesten: Haltet den Dieb! REVUE DER PRESSE liiiiiiiiimiimiiMiniimiimiiiUE iiiiiiiimiiimiiiimmiiimimiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimiiiim? Gegenüber den Zahlenangaben in der Nathanschen Broschüre dürfte folgende objektive Darstellung des Schriftstellers jakob Rabinowitz in Nr. 11 des „Hapoel Hazair“ vom 26. Dezember v. J. von Interesse sein: „Das Seminar des Hilfsvereins ist ganz zerstört. Von seinen ca. 90 Schülern sind 70 zu uns übergegangen, einzelne treten weder in die alte, noch in die neue Anstalt ein, und nur etwa zwanzig Schüler, — hauptsächlich aus der Handelsschule und fast durchweg Jerusalemiten aus den Kreisen des alten Jischub —, sind dem Hilfsverein treu geblieben. Aber auch sie hätten nicht zum Bleiben bewogen werden können, wenn nicht vier Lehrer provisorisch im Dienste des Hilfsvereins geblieben wären, und wenn man sie nicht durch verschiedene häßliche Lockmittel, wie Geldgeschenke, Verteilung von Kleidungsstücken und Versprechungen aller Art an einzelne Eltern, festgehalten hätte. Die Lämel-Schule, die nur ein Drittel ihrer Schüler verloren hat, ist innerlich gleichfalls vollständig zerstört. Von ihren 300 Schülern befinden sich in den zwei untersten Klassen noch etwa 120. Von diesen ist kein einziger ausgetreten. In den sechs höheren Klassen schwankt die Zahl der austretenden Schüler zwischen einem Drittel und der Hälfte der Gesamtzahl, ja in einzelnen Klassen sind fast alle Schüler ausgetreten. Insgesamt beläuft sich in diesen Klassen die Zahl der ausgetretenen Schüler auf 100, d. h. mehr als die Hälfte. Wenn wir noch hinzufügen, daß es sowohl im Seminar als in der Lämel- Schule die begabtesten und auch in moralischer Hinsicht besten Schüler waren, die ausgeschieden sind, daß ferner in der letztgenannten Schule die Gärung und „Austrittsbewegung“ noch immer anhält, so wird man auch die Lage dieser Schule als hoffnungsloses Siechtum bezeichnen müssen. Nur in der Mädchenschule, die anscheinend am schwersten egtroffen worden ist, indem ihre Leiterin samt dem ganzen Lehrerkollegium und 160 Schülerinnen austraten, hat der Hilfsverein noch einige Lebenskraft bewiesen . . . Wenn erst die Kindergärtnerinnenkurse eingerichtet sind und wir auch unseren eigenen Kindergarten haben werden, wird unser Sieg ohne Zweifel sehr groß sein. Das Seminar umfaßt auch Abendkurse, also ist auch die Erziehung der Erwachsenen in unserer Hand. Ueberdies haben auch die M a k k a b i m (Turner) die Raume des Hilfsvereins verlassen, und alles geschieht jetzt unter unserer Flagge." Im „Moment“ (Warschau) schreibt Hillel Zeitlin: „ln der Bibel wird uns erzählt, wie zur Zeit der Richter unsere Ahnen pflügten, säeten, Bäume pflanzten, den Boden der unter schweren Kämpfen errungenen Heimat mit ihrem Herzblut düngten, und wie dann, wenn die Felder und Bäume die harte Arbeit mit einigem Ertrag lohnten, allerlei Amalekiter und Midjaniten kamen und die Früchte forttrugen. Wie groß ist unser Schmerz, wenn jetzt nicht irgendwelche Feinde, auch nicht gewöhnliche Assimilationsjuden, die Rolle der Amalekiter übernommen haben, sondern Juden, die für ihre armen Brüder manches geleistet haben. Wenn auch sie jetzt jüdische Mühe und Arbeit vieler Jahre zunichte machen wollen — wohin sollen wir mit unserer Schande flüchten? Worauf sollen wir denn noch unsere Hoffnung gründen? Und was haben wir noch von der Zukunft zu erwarten? Ich gehöre nicht der zionistischen Organisation an und befinde mich ihr gegenüber häufig in oppositioneller Stellung, — in diesem Falle aber, in ihrem Auftreten gegen den „Hilfsverein", sind die Zionisten zweifellos im Recht. Und jeder Jude, in dessen Herzen ein jüdischer Funke glüht und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Lande der Väter noch nicht ganz erloschen ist, muß mit den Zionisten sympathisieren in ihrem idealen Streben, in Palästina eine jüdische Eigenkultur in unserer alten hebräischen Sprache zu schaffen, die die Vergangenheit unseres Volkes mit seiner Zukunft verknüpft. Die Brücke zwischen der uralten Vergangenheit und der fernen Zukunft, die geschlossene Kette der jüdischen Geschlechter vom Erzvater Abraham bis zum messianischen Zeitalter; alles, was in den Worten des täglichen Gebets zusammengefaßt ist: „Er gedenkt der Liebe der Väter und bringt ihren Kindeskindern den Erlöser“ — dies alles kann nur in der Sprache der Väter seinen Ausdruck finden, in der Sprache unserer Propheten, Helden und Heiligen, unserer Gelehrten und Dichter von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart. Will man aber diese geheiligte nationale Sprache zu einem bloßen „Lehrgegenstand“, zu einem nebensächlichen Schulfach herabdrücken, dann muß dagegen ebenso entschlossen angekämpft werden, wie im Altertum gegen jene Kreise, die aus dem jüdischen Heiligtum die „Schecbina“ verdrängen und an ihre Stelle das Götzenbild Jupiters aufrichten wollten . . „Dos Viddkshe Folk“ (New York) schreibt u. a.: „Der Sturm, der in Palästina gegen den schmachvollen Beschluß des Kuratoriums des Haifaer Technikums ausgebrochen ist, wächst noch immer. Niemand unter uns hat einen solchen elementaren Ausbruch des Volkszornes, einen so unbeugsamen Willen zur Verteidigung unserer nationalen Kultur bei unseren palästinensischen Brüdern vorausgeahnt. Immer höher steigt die Protestwelle, immer machtvoller klingt der Ruf gegen die volksverräterische Haltung des Hilfsvereins — und das Ende ist nicht abzusehen. Die Kinder und Jünglinge kämpfen für Hebräisch. Das ist etwas Neues in unserem Leben, ein Gruß aus dem neuen Palästina, zu dem wir uns beglückwünschen dürfen. In Rußland läßt sich unsere Jugend aus Gründen der „Karriere“ taufen, in den freien Ländern singen unsere Kinder christliche Lieder — und in Palästina nimmt die Schuljugend den Kampf für das Hebräische auf. Wahrlich, wir können uns glücklich schätzen, daß sich solches in unseren Tagen er- 015323010201010202020202020001010201