Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Alljudentum
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 78 (sequence 1)
- Language
- German
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78 Nr. 4 - - - DIE3feELT ■ r- „ALLJUDENTUM“ Was ist K. C.? Der K. C. (Kartell-Convent) ist eine Inkonsequenz. Wenn man Kartell mit K schreibt, kann man Konvent ebenso schreiben; zieht man für Convent C vor, dann ist auch für Carteil C richtig. Der K. C. ist ein Verband jüdischer studentischer Verbindungen, der die volle Assimilation der Juden anstrebt. Ein Verband, dessen Ziel seine eigene Auflösung ist. Eine Inkonsequenz. Der K. C. ist der Mittelpunkt des organisierten Antizionismus in Deutschland. In dem vor wenigen Wochen herausgegebenen kleinen Pamphlet des „Antizionistischen Komitees“ wird der Zionismus im Namen der jüdischen Religion bekämpft. Und unterschrieben ist dieses Produkt von Leuten, die ihre Kinder taufen lassen . . . Der K. C. bestellt für sein Organ, die „K. C.-Blätter“, einen Artikel von F. M. Kaufmann, dem Redakteur der „Freistatt“, der den Zionismus als eine „volksfremde“ Bewegung zu bekämpfen pflegt und den vollen Anschluß an das Alljudentum von den Westjuden fordert. Die K. C.-Blätter bringen diesen Artikel, weil er den Zionismus bekämpft, und stehen im übrigen etwa auf dem Standpunkte der Duisburger Galizianer- Ich begreife den K. C. Er nimmt Waffen gegen den Zionismus, wo er sie findet. Er ist eine Inkonsequenz. Aber ich begreife Herrn Kaufmann nicht. Er findet, wir seien instinktverlassene Assimilanten, und bietet denen, die selbst er als noch instinktverlassenere Assimilanten erkennen muß, seine guten Dienste gegen uns an. Sollte er denen nahekommen, deren einziges positives jüdisches Programm der Antizionismus ist? Bisher behauptete er, ein anderes zu haben: die Bejahung des Galuth. Er sprach von den Kräften der Expansion und Korroboration, die in den jüdischen Massen lebendig seien und auch für die Zukunft eine schöpferische Entwicklung verbürgten. Er gab zwar die Westjuden preis, diese „blutleere, volksfremde Intelligenz,“ von der der Zionismus als lächerliche Spottgeburt in die Welt gesetzt sei, aber er setzte alle Hoffnung auf das Volk, auf die Masse, auf den ewigjungen Organismus des Alljudentums. Diese Gedankengänge hat Herr Kaufmann in der Monatsschrift „Freistatt“ entwickelt, deren übrige Mitarbeiter zum großen Teil dem Zionismus sehr nahe stehen. Ich glaube, daß wir Herrn Kaufmanns Ausführungen, hinter denen übrigens ein größerer steht als der sie niederschreibt, ernst nehmen müssen. Wir müssen prüfen, ob seine Einwände gegen unsere Ideologie stichhalten oder unberechtigt sind. Er tritt am schärfsten unserem Pessimismus in bezug auf das Galuthjudentum entgegen. Der Zionismus sehe .überall Verfall, Untergang, Auflösung; in Wirklichkeit gebe es starke aufbauende Kräfte auch in der Zerstreuung. Wir wollen nun hier nicht wiederholen, was sehr ernst zu nehmende Theoretiker und Praktiker an Verfallserscheinungen festgestellt haben; man müßte ja wahrhaftig blind sein, um sie im jüdischen Leben, auch in dem des Ostens, nicht zu sehen. Wir wollen uns nur fragen, welche entgegenwirkenden Momente Herr Kaufmann anzuführen weiß. Da nennt er die großen Bewegungen der Binnenwanderung und der Emigration, die zur immer weiter gehenden Konzentration der jüdischen Massen an wenigen Punkten der Erde führen, vor allem aber die „jiddische Kultur“, die sich in der jiddischen Dichtung, Literatur, Presse und im jiddischen Theater ausspricht Es ist richtig, daß in den Organen des westlichen Zionismus im allgemeinen den sehr wichtigen Erscheinungen der Binnenwanderung und der Emigration zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Wir sollten uns viel mehr mit diesen Tages- und Lebensfragen des Ostjudentums beschäftigen; unter anderem auch, um falschen Auffassungen und Folgerungen entgegentreten zu können. Dann wird auch die in manchen — zum Glücke kleinen und immer kleineren — Kreisen des Zionismus übliche Geringschätzung des „Jargons“ und des „Jiddischismus“ einer gerechten Würdigung Platz machen. Wir können und wollen nicht verkennen, daß in diesem „Jargon“ lebendiges jüdisches Leben pulsiert, daß sich in ihm genau wie im Zionismus der Lebenswille des jüdischen Volkes ausspricht. Wir leben in einer Zeit, wo das Judentum nach Mitteln sucht, seinen Lebenswillen zur Tat werden zu lassen, wo das jüdische Volk den Weg zu seiner Zukunft sucht. Und es gibt keinen Weg zur Zukunft als durch die Gegenwart. Jiddisch ist Gegenwart. Allein wir müssen auch klar erkennen, daß Jiddisch nicht die Zukunft ist. So wie Binnenwanderung und Emigration nicht das Galuthübel beseitigen können, das darin besteht, daß die Juden überall eine schwache Minorität sind, daß sie sich überall in einzelnen wenigen Berufen häufen und also, da sie auf fremde Produzenten und auf fremde Konsumenten angewiesen sind, kein soziales Ganze darstellen; ebensowenig verhindert" die jiddische Kultur, daß das Leben des „gewaltigen Organismus des Judentums“ zerfällt, sich zerspaltet, daß jedes der sich heraussondernden Judentümer sich seinen eigenen Weg zur Zukunft sucht, Wege, die sich nie an dem Ziele „innere Einheit der jüdischen Gemeinschaft“ schneiden werden. Die Zukunft, die wir wollen, das stark und fruchtbar nationale Leben des gesamten Judentums, wird nie das Ergebnis eines die Gegenwart zum Gesetz erhebenden „Alljudentums“, sondern nur eines umbildenden, umwandelnden Einheitswillens sein. Wenn Herr Kaufmann an die Zukunft des zerteilten Judentums glaubt, so kommt das daher, daß er ökonomischen, materialistischen Ueberlegungen vor allem Raum gibt und jene unterschätzt, die Leben als das ansehen, was es ist: als Leben. Herr Kaufmann verlangt, wir sollten doch das Judentum seiner natürlichen Entwicklung überlassen, es werde sich schon durchzuringen wissen. Wir können das nicht, glauben. Wir sehen, wie das Judentum sich vor unseren Augen — wenn der Ausdruck erlaubt ist - zerentwickelt; wir müssen, in der Lage, in der wir sind, auf Expansion verzichten und den Kern unseres Lebens sichern, vielmehr erst neu schaffen. Bismarck hatte doch mit einem stärkeren Volke zu tun als die Juden sind; und auch er hoffte erst, daß Deutschland werde reiten können, wenn er es zuvor in den Sattel gesetzt haben würde. Unserem Versuch, das Judentum in den Sattel zu setzen, steht Herr Kaufmann skeptisch gegenüber. Ihm ist Palästina ein kleines, fernes, gleichgültiges Land. Und ein in Palästina wohnender Mitarbeiter belehrt ihn darüber, daß dort für absehbare Zeit keine geistige Produktion, keine Kulturschöpfung zu erwarten ist, weil die palästinensische Judenheit zu sehr durch Arbeit und Erziehung in Anspruch genommen ist, als daß sie für „Kultur“ Muße fände. Wir unsererseits können ja gar nicht erwarten, daß die geistige Leistung Palästinas so-