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Die Welt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. 68

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-01-16
Page
68 (sequence 3)
Language
German
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68 —.----- --- --DtESgEELT- - Nr. 3 „Wer ein echt jüdisches Herz hat, der fühlt die große die zur Befriedigung seiner Kulturbedürfnisse und seines Schaf- Beleidigung, welche die deutschen Mitglieder des Kufensdranges führt. ratoriums der hebräischen Sprache und Kultur zugefügt haben. Wir sind alle von tiefem Schmerz erfüllt, daß unsere eigenen Brüder sich anschicken, die schönen Hoffnungen des wiedererwachenden jüdischen Volkes zu vernichten. Die jüngsten Vorgänge in Palästina zeigen uns aber, daß Israel noch als Volk lebt. Als man die Thora ins Griechische übersetzte, erbebte Erez-lsrael an allen Enden — und wenn nun eine große jüdische Organisation es unternimmt, die jüdischen Kinder in Palästina in einer fremden Sprache zu lehren, erhebt sich auch heute das ganze Volk dagegen. Die hebräischen Lehrer in Palästina haben gezeigt, daß sie ihre nationale Pflicht mit Selbstaufopferung zu erfüllen wissen. Sie haben uns eine hebräische Generation herangezogen, Kinder, die hinter eisernen Gittern den erhebenden Ruf erschallen lassen: Wir sind keine Verräter! Der hebräische Lehrer in Palästina wird bald den Geist des Galuth niedergerungen „Der Moment“ (Warschau) führt aus: Die Bezeichnung „Sprachenkampf“ erschöpfe nicht ganz die Bedeutung der gegenwärtigen Vorgänge in Palästina, die einen viel tieferen Sinn hätten. Der Kampf sei in Palästina ohne jede Einwirkung von außen her ausgebrochen. Man habe in Palästina gefühlt: jetzt sei die Zeit für eigene Arbeit, für die Erringung kultureller Selbständigkeit reif! Darin liege die tiefe Bedeutung des gegenwärtigen Kampfes. Man habe sich in Palästina gesagt, die Bevormundung durch ausländische „Philanthropen“ seine keine normale Situation. Diese verlangten von den Eltern, ihnen die Bestimmung über die Zukunft ihrer Kinder zu überlassen, und von den Lehrern — ihre Seele, ihre Grundsätze, ihre Ueberzeugung preiszugeben. Es fehle zwar in unserem Lager auch nicht an pessimistischen Meinungen. Manche befürchteten, die zionistische Organisation würde die zur Erhaltung des Schulwerks notwendigen Beträge nicht aufbringen können. Die gleiche Befürchtung hätten einst einige Chovvewe-Zion gehegt, als Baron Rothschild infolge der Angriffe auf die von ihm eingesetzte Administration die Unterstützung der Kolonien einstellte. Auch damals war es ein Kampf um die Selbständigkeit und Menschenwürde. Und das Resultat: Die Kolonien hätten sich seither in ungeahnter Weise entwickelt, der Jischub sei größer, die materielle Lage der Kolonisten besser geworden — und auch Rothschild sei jetzt mit der Lage zufrieden. Habe es sich damals um die materielle Selbständigkeit gehandelt, so gelte jetzt der Kampf der kulturellen Unabhängigkeit. Gewiß werde man in den ersten Jahren die neuen Schulen von außen her unterstützen müssen — aber sicherlich nur in den ersten Jahren. Später werde Palästina selbst seine Schulen erhalten können. Der Jischub werde sich ausdehnen, und die jüdischen Eltern seien ja allezeit und allerorten bereit gewesen, für die Erziehung ihrer Kinder die größten Opfer zu bringen! Die in Montreal erscheinende jiddische Tageszeitung „Canader Adler“ bekämpft entschieden die Stellungnahme des Hilfsvereins in der Sprachenfrage. Die Pflege des Hebräischen, heißt es in dem betreffenden Aufsatz u. a., ist in Palästina kein Luxus oder Sport. Es gibt dort viele jüdische Einwohner, wie z. B. bucharische und andere orientalische Juden, mit denen man sich in keiner anderen Sprache als der hebräischen verständigen kann. Die Verwirklichung der Beschlüsse des Kuratoriums würde einen neuen „Churbau“ bedeuten. Wir würden dann den Touristen neue Ruinen zu zeigen haben, Ruinen der untergegangenen hebräischen Kultur, die nicht durch die Römer, sondern durch unsere eigenen Brüder zerstört wurde. Die palästinensische Judenheit hat begriffen, was für sie auf dem Spiele steht. Ganz Palästina protestiert! Es protestieren die Gemeindeleitungen, die politischen und kulturellen Organisationen, die Arbeiterverbände, die Lehrer und die Lernenden. Alle fühlen es: die ganze Zukunft der unabhängigen jüdischen Kolonisation ist bedroht. Das Bestreben zur Hebraisierung Palästinas entsprang nicht etwa bloß romantischen Sprachgefühlen, sondern einem tiefdurchdachten Verhältnis zur gesamten Jischub-Arbeit. Der jüdische Jischub in Palästina stellt einen Selbstzweck dar. Das neue Palästina wird unsere „Hofjuden“ zwingen, auf seine Stimme zu achten und in jener Richtung zu arbeiten, Unser russisches Bruderorgan, „Rasswjet“, beleuchtet den Sprachenkampf in Palästina im Zusammenhänge mit den Erörterungen über die Frage unserer Nationalsprache seitens der „Jiddischsten“. Ueber diese Frage sind langwierige theoretische Auseinandersetzungen in Versammlungen und Zeitschriften geführt worden — nun ist an das Judentum eine Schicksalsprüfung herangetreten, deren Werkzeuge unbewußt die fürsorglichen Herren vom Kuratorium geworden sind: Ihr Theoretiker der Renaissance der jiddischen Sprache, wo seid Ihr nun? Ist all das, was durch seine Existenz jüdische Kultur und Geschichte schafft, auf Eurer Seite? Und die Antwort erklingt laut und deutlich. Es hat sich ein Sturm der Entrüstung, des „organischen Protestes“ erhoben. Die Stimme des Volkes erscholl eindeutig. Die Schüler der palästinensischen Lehranstalten, die den Grundstein zur unabhängigen jüdischen Schule in unserem Heimatlande legen, und die Chederkinder in den Städtchen Litauens ziehen zum Volksaltar mit ihren in ihrer Kleinheit unendlich großen Gaben. Die arme palästinensische Judenheit hat sich im Bewußtsein ihrer Verantwortung ohne Zaudern zur Uebemahme der großen Schullasten entschlossen. Die mitwirkenden Organisationen lenken nicht, sondern sind vom Strome mitgerissen worden. Und sogar in jenen Kreisen, die der Idee der palästinensischen Renaissance wie dem „Fanatismus der Hebraisten“ fernstehen, herrscht Empörung. Hebraisten und bewußte Juden sind identische Begriffe geworden. Die Florentiner „Settimana“ widmet dem Sprachenkampf in der letzten Nummer einen besonders scharfen Artikel, in dem es unter anderem heißt: „Der Pfeil des Hilfsvereins ist wirkungslos verschossen. Der Hilfsverein hat nicht mit dem erwachten jüdischen Nationalbewußtsein Palästinas gerechnet. Heute wissen wir, daß es ein Land gibt, wo die Assimilation nicht mehr möglich ist. Das ist die große Lehre der gegenwärtigen Stunde. Der unglaubliche Verrat ist geschehen. Der Hilfsverein hielt es für gut, zu vergessen, daß er das Geld des jüdischen Volkes für einen jüdischen Zvv^eck gesammelt hatte und faßte jenen absurden Beschluß.“ Die „Archives Israelites“, das dem Zionismus wenig freundlich gesinnte ''Organ der französischen Orthodoxie, nehmen in sehr entschiedener Weise gegen den Hilfsverein Stellung. Das Blatt schreibt : „Ist es nicht eine schwere Beleidigung, die man der hebräischen Sprache und ihren Verehrern, die Legion sind, im heiligen Lande und außerhalb antut, wenn man ihr nicht den ersten Platz einräumt in einer Anstalt, die zum Ruhme Palästinas beitragen und seinen Aufschwung begünstigen soll?“ Mit Bezug auf die in der „Köln. Ztg.“ erschienene Korrespondenz aus Jerusalem, über die wir in der vorigen Nummer der „Welt“ berichtet haben, hat Herr Dr. Levin der Redaktion folgende Berichtigung zugesandt: An die Redaktion der „Kölnischen Zeitung“, Köln a. Rh. Berlin, den 6. Januar 1914. Sehr geehrte Redaktion! Unter Bezugnahme auf Ihre vom Ende Dezember datierte, in Ihrem gestrigen Abendblatt erschienene Korrespondenz aus Jerusalem, „Der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina“, gestatte ich mir, Sie höfliehst um Aufnahme der beiliegenden Richtigstellung in Ihrem geschätzten Blatt zu bitten. Es ist unwahr, daß ich nach meinem Austritt aus dem Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina „unter den Zionisten in Jerusalem, Jaffa, Haifa eine heftige Bewegung zugunsten der hebräischen Sprache entfacht habe“. Wahr ist vielmehr, daß weder ich, noch die mit mir zugleich aus dem Kuratorium ausgetretenen Herren Dr. E. W. Tschlenow und U. Ginsberg (Achad Ha’am) irgend etwas unternommen haben, was die in Palästina vorgefallenen Ereignisse veranlaßt hätte. Wahr ist ferner, daß keiner der genannten Herren, sondern daß vielmehr die Herren Dr. Paul Nathan und der Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Kahn, nach Palästina gereist sind, und durch ihre Taktik die Erregung der jüdischen Bevölkerung noch geschürt

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