Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-01-16
- Page
- 67 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 67 DIES^ELT Unbedachtsamkeit, derartige Beschuldigungen in Deutschland zu verbreiten. Die dies tun, leiten Wasser auf die antisemitischen Mühlen — überdies ist diese Beschuldigung, wie gesagt, durchaus unzutreffend. Die Zionisten fordern die hebräische Unterrichtssprache für Palästina, nicht aber für Deutschland . . . Uns, die wir uns bisher der Ausbreitung des politischen Zionismus in Ungarn entgegengestellt haben, wird niemand die Pflege jüdischnationaler Empfindungen vorwerfen, allein in dieser Frage stehen wir — wir können nichts dafür — den Zionisten näher als dem Hilfs verein. Man mag in jener neuen Hochschule das Deutsche so intensiv lehren, als nur immer möglich ist. Die Herren haben das Recht dazu, denn die Anstalt wird aus deutschen Geldern erhalten (?), überdies wird die Kenntnis der deutschen Sprache den Zöglingen nur Vorteil bringen. Aber die Herren des Hilfsvereins sollten doch an den Grundsatz nicht rühren, daß in den neu entstehenden palästinensischen Schulanstalten die Unterrichtssprache nur das Hebräische sein darf. Unter den palästinensischen Juden ist das Hebräische eine lebende Sprache. Es wird von allen Sephardim, d. h. von den eingeborenen Juden, gesprochen. Hebräisch sprechen auch die aus dem Jemen und aus Marokko eingewanderten Juden, deren Zahl beträchtlich ist. Hebräisch sprechen ferner die meisten aus Rußland eingewanderten Juden, — zwar in einer von der sephardischen etwas abweichenden Aussprache, aber immerhin sprechen auch sie reines Hebräisch. Im Laufe einiger Monate eignen sie sich die richtige sephardische Aussprache an, was ich übrigens auch unter den ungarischen Juden Jerusalems feststellen konnte. Diese sprechen untereinander zwar nicht hebräisch, weil das Hebräische in Jerusalem als die Sprache der modernen, nichtreligiösen Juden gilt, aber die meisten von ihnen können hebräisch sprechen, und zwar in der richtigen sephardischen Aussprache. Weshalb sollte nun das Bindeglied zwischen den aus mehr als 20 Ländern eingewanderten Juden nicht die gemeinsame Sprache, das Hebräische, sein? Ich habe Länder bereist, wo der religiöse Geist längst aus der Mitte der Juden entschwunden ist, gleichwohl konnte ich mich mit Hilfe des Hebräischen in jeder Stadt, die ich besuchte, verständigen, wenn ich auch die Sprache des betreffenden Landes gar nicht kannte. In Padua, in Verona, in Florenz, in Rom kennen die Juden kein einziges Wort von denjenigen Sprachen, die mir geläufig sind, aber überall begegnete ich Leuten, die hebräisch verstehen, und diese waren überall meine hilfsbereiten Führer. In Jerusalem selbst gibt es auch Mohammedaner, die hebräisch sprechen. Unsere Leser wissen vielleicht, daß die frommen Jerusalemer Juden den Berg Moria, auf dem einst das Salomonische Heiligtum stand, nicht betreten, weil dies religionsgesetzlich verboten ist. Ich selbst setzte mich über dieses Verbot hinweg, freilich im geheimen ... Ich konnte aber nicht ohne Begleitung die heiligen Stätten aufsuchen, da die Muftis und die Wärter der Moscheen nur arabisch und türkisch können. Den Jerusalemer Juden durfte ich wie gesagt nicht verraten, daß ich die Tempelstätte besuchen wollte, — und dennoch fand ich einen Führer. Es war der vierzehnjährige Sohn des Kawassen unseres österreichischungarischen Konsulats. Der kleine Mohammed ist zwar ein glaubenstreuer Moslem, aber er spricht perfekt hebräisch. Er hat diese Sprache in der Lämelschule erlernt, deren untere Klassen er besucht hatte. Ich trug also dem kleinen Mohammed meine Wünsche hebräisch vor, und er gab sie an die Muftis und sonstigen mohammedanischen Geistlichen in arabischer Sprache weiter. Aber nicht nur in Jerusalem, auch in anderen Teilen Palästinas gibt es Nichtjuden, die hebräisch sprechen, so z. B. begegnete ich am Ufer des Jordans koptischen Mönchen, die hebräisch sprachen. Weshalb sollte nun das Hebräische nicht die gemeinsame Umgangssprache der palästinensischen Juden sein können? Sieben Zehntel der in Palästina ansässigen Juden beherrschen die hebräische Sprache, während es eine andere Sprache, die von so vielen Juden in Palästina verstanden würde, nicht gibt. Dazu ist ja das Hebräische unsere heilige Sprache, die Sprache der jüdischen Wissenschaft, die Sprache unserer glorreichen Vergangenheit, die Sprache der sinaitischen Offenbarung, die Sprache der Psalmen, die Sprache der Propheten. Heute ist diese Sprache außerdem die Umgangssprache der fortschrittlich gesinnten jüdischen Intelligenz in Palästina. Es ist also schlechterdings nicht einzusehen, warum das Hebräische nicht die ausschließliche Unterrichtssprache an der technischen Hochschule sein sollte, die der Hilfsverein im April dieses Jahres ihrer Bestimmung übergeben will.*' Die Redaktion der „Hazephira'4 setzt ihre Rundfrage über den Sprachenkampf in Palästina fort. In den letzten Nummern finden wir die Meinungsäußerung des bekannten russischjüdischen Advokaten und Politikers Sliosberg, des ehemaligen Dumaabgeordneten Nisselo witsch, des Petersburger Rabbiners Dr. M. A. Eisenstadt, des hebräischen Schriftstellers und Gelehrten Dr. J. L. Katzeneisohn (Buki ben Jogli), des greisen Chacham der sephardischen Gemeinde in Wien A. P a p o und des bekannten jüdischen Gelehrten Dr. S. A. Posnanski in Warschau. Alle diese Herren sprachen sich in mehr oder weniger scharfen Worten gegen die Beschlüsse des Kuratoriums und das Vorgehen des Hilfsvereins in Palästina aus. So sagte Herr Sliosberg dem Vertreter der „Hazephira“, er kenne die hebräische Sprache und ihre Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu wenig, um sich ein Urteil anzumaßen, ob die technischen Disziplinen schon jetzt hebräisch vorgetragen werden könnten; allein er sehe durchaus ein, daß die Unterrichtssprache an einer Hochschule eines der wirksamsten Hilfsmittel zur Nationalisierung der studierenden Jugend sei und daß man auf dieses Hilfsmittel unter keinen Umständen verzichten könne. In jedem Falle müßten die geisteswissenschaftlichen Fächer schon jetzt hebräisch gelehrt werden. L. N. Nisselo witseh sagte u. a„ das jetzige Vorgehen des Hilfsvereins sei ihm ganz unverständlich. Es bedeute einen vollendeten Bruch mit dem früheren langjährigen Arbeitssystem dieser Organisation, das sich ja recht gut bewährt habe. Das Technikum in Palästina soll ja keine farblose Anstalt zur Massenerzeugung von Ingenieuren sein, sondern eine geistige Zufluchtsstätte für die Elite unserer Jugend, und da könne man doch von einem so wichtigen Grundsatz, wie der Pflege der nationalen Kultur, nicht absehen, wenn man die Anstalt nicht ihrer Seele berauben will. Die Einführung der deutschen Unterrichtssprache sei offenbar Politik“, und zwar Politik von der schlechtesten Art. Der Kampf müsse bis zu Ende durchgefochten werden. Kompromisse könne es in dieser Kardinalfrage nicht geben. Rabbiner Dr. M. A. Eisenstadt meinte: Die Schaffung eines eigenen Schulwerks seitens der national gesinnten jüdischen Bevölkerung Palästinas bedeute eine beklagenswerte Kräftezersplitterung, die aber unter den gegebenen Umständen durchaus unvermeidlich sei. Die Verantwortung hierfür werde der Hilfsverein zu tragen haben. Dr. Katzeneisohn gibt noch nicht alle Hoffnung auf, daß die Hilfsvereinskreise sich eines Besseren besinnen werden. Seiner Meinung nach sollten die jüdischen Gelehrten und Rabbiner Westeuropas bemüht sein, auf den Hilfsverein im Sinne einer Versöhnung einzuwirken. Chacham P a p o in Wien teilt die Empörung der palästinensischen Bevölkerung über den Anschlag auf unsere heiligsten Kulturgüter. Jeder gute Jude müsse die nationalen Lehrer in Palästina, die sieh in ihrer selbstlosen Hingabe an die Volkssache als geistige Erben der Hasmonäer gezeigt haben, in ihrem Kampfe nach Kräften unterstützen. Auch Rabbiner Dr. S. A. Posnanski in Warschau gab seiner Bewunderung Ausdruck für die tapfere, achtunggebietende Haltung der palästinensischen Bevölkerung in dem Kulturkampf, der ihr von den verblendeten Hilfsvereinskreisen in leichtfertiger Weise aufgezwungen worden sei. Im übrigen ist er der Ansicht, daß ein Ausgleich mit dem Hilfsverein auch jetzt noch angestrebt werden sollte, obgleich sich dessen Leiter bisher allen vernünftigen Vorstellungen unzugänglich gezeigt haben. Der Hilfsverein versucht noch immer, unsere hebräischen Bestrebungen in Gegensatz zur jüdischen Religion und zu den Anschauungen der religiösen Kreise zu stellen. So widersinnig auch derartige Behauptungen sind, so erscheint es doch von besonderem Interesse, auf die Stellungnahme streng orthodoxer Blätter hinzuweisen. So schreibt das offizielle Organ des „Misrachi“, „Haibri“: