Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Article
- Utopien
- Date
- 1914-01-16
- Page
- 53 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE w ELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 3. BERLIN, 16. Januar 1914 n"onn 'X ratt ,7^-12 XVIII. JAHRG. UTOPIEN Utopia heißt Nirgendland. Seit den Zeiten, in denen Thomas Morus den Mut hatte, seinem idealen Bild menschlichen Zusammenlebens den Namen ,,Utopia" zu geben und so deutlich zu unterstreichen, daß es eine Verwirklichung seiner gedanklichen Konstruktion auf dieser Erde nicht geben könne, nennt man alle Bestrebungen, die einen letzten Glückszustand für Menschen schaffen wollen, utopische. Das Wesen der Utopie liegt in der Tat darin, daß sie ihre Verwirklichung als fertigen Zustand am Ende der Tage erwartet, über den hinaus es einen Fortschritt nicht mehr zu geben braucht. Utopie ist das starre System gegenüber der Wirklichkeit der lebendigen Entwicklung. Utopie und Entwicklung, das ist zunächst der begriffliche Gegensatz. Die Armut aus der Welt zu schaffen zum Beispiel, war immer ein utopisches Ideal; die Arbeit der modernen Sozialreformer erzeugte Resultate in selbstgeschaffener Entwicklung. Denn es liegt im Wesen der Utopie, daß sie sich mit ihren gedanklichen Forderungen an jedermann wendet — und deshalb an niemanden. Die Forderungen der Entwicklung werden aber immer von einem bestimmten Kreis von I nte.ressenten erfüllt, die ihre eigene Sache fördern. So ist die Theorie der jüdischen Assimilanten im wahren Sinne utopisch. Sie vertrauen ihr Geschick einer großen, von anderen vertretenen Ideenwelt an. Der endliche Sieg jener allgemeinen Menschheitsideen soll gleichzeitig nebenbei die schmerzlich empfundene Sonderstellung der Juden beseitigen. Der Fortschritt der menschlichen Kultur, die Aufhebung aller Unterschiede zwischen Mensch und Mensch sind die erträumten Bringer ihres Heiles, die sie in die gedanklich längst konstruierten Gefilde ihrer assimilatorischen Heimatlichkeit tragen sollen — in ein wahrhaft schönes Land, dem aber zur Vollkommenheit eines fehlt, die Möglichkeit seiner Existenz. Der Zionismus trug niemals diese Kennzeichen des Utopischen. Unsere Gegner haben versucht, Herzls ,Judenstaat" als außerhalb der realen Welt liegende, blutleere Theorie hinzustellen. Auch der „Judenstaat" sollte nichts anderes sein, als eine bestimmte Phase der Entwicklung im Leben unseres Volkes. Er war niemals gedacht als messianisches Reich, sondern er sollte das Ziel einer bestimmten ersten Periode des zu neuem Leben erwachten jüdischen Volkes darstellen. Er sollte ein Anfang sein für eine Zeit stärkeren nationalen Lebens, das sich weitere Ziele setzt. Die zionistische Bewegung vollends ist niemals der Träger eines bestimmten Ideensystems gewesen, das allein den wahren Zionismus verkörperte. Sie gehörte immer zu jenen realen Mächten, die instinktiven Bedürfnissen von Menschen entsprungen sind. Zionismus wollte nie etwas anderes sein, als der Lebenswille der Zionisten, die für sich und ihr Geschlecht die neue Entwicklung erarbeiten wollen, weil sie in dieser Arbeit die einzige Möglichkeit erblicken, ihrem Leben einen befriedigenden Inhalt zu geben. Das Urteil über eine Utopie wird immer nur die Kritik gewisser gedanklicher Operationen sein können. Man wird Ideen loben oder tadeln können. Das Urteil über reale Entwicklung vorhandener Kräfte kann immer nur die Frage nach Erfolg oder Mißerfolg zum Inhalt haben. In dem Moment, wo wir über Erfolge zionistischen Strebens sprechen können, gehört der Zionismus zu jenen Mächten der Geschichte, die wohl im Kampfe unterliegen können, die aber niemals mehr mit dem Makel der Utopie gebrandmarkt werden können. Wir Zionisten sind gezwungen, die Erfolge unserer Bewegung aller Welt darzulegen, um so die Maßstäbe für das Wachsen unserer Entwicklung zu schaffen. Das aus eigener Kraft um seine nationale Sprache kämpfende Palästina ist solch ein stolzer Moment des großen Erfolges, und die fieberhafte Tätigkeit in allen Teilen der zionistischen Bewegung für das Ausnutzen dieses großen Moments hat uns fast übersehen lassen, daß der Zionismus im Fortschreiten eine andere starke Position errungen hat. Die Eingänge für den Jüdischen Nationalfonds haben im Jahre 1913 zum erstenmal den Betrag von einer Million Francs erreicht. Die Zionistische Organisation ist damit die an Jahreseinnahmen aus Beiträgen reichste jüdische Organisation. Aber nicht in der Höhe dieser gewiß gewaltigen Summe liegt der Grund für uns, dieses Ergebnis so freudig als echten Erfolg zu begrüßen. Wir geben uns über die realen Möglichkeiten gar keinen Täuschungen hin und wissen nur zu gut, daß eine Million für die Arbeiten des Nationalfonds in Palästina an sich keine große Summe ist, und daß es unerhörter Anstrengungen bedürfen wird, um die schon heute für notwendig erkannten Forderungen zu erfüllen. Der zionistische Erfolg liegt für uns in den Gründen für die Steigerung der Sammlungen. Auf einen Wink von der Zentralstelle aus, vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds in Köln, arbeiten 28 Landessammelstellen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Dutzenden von Zeitungen in gleicher