Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Versöhnungspolitik
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 30 (sequence 2)
- Language
- German
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30 LT Nr. 2 den werden, weil wir unser Recht auf die Zukunft erwerben wollen, müssen wir heute von denen, denen allein das Recht der Gegenwart gilt, als wesensfremd und feindlich empfunden werden. Wie sollten sie auch begreifen können, daß es für Juden Lebensinhalt sein kann, durch die neue Entwicklung Palästinas die eigene menschliche Freiheit, die Erneuerung ihres Wesens sich zu erkämpfen. Es ist kein Zufall, daß der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina, der Ausschluß der Zionisten aus dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die Broschüren des antizionistischen Komitees zeitlich zusammenfallen. Die zionistische Entwicklung ist so deutlich geworden, daß auch die anderen endlich erkannt haben, daß das Judentum unserer Tage nur die Wahl zwischen zwei sich voneinander entfernenden Wegen hat: Die eine Möglichkeit ist das Sichhingeben dem breiten Strom der Entwicklung der anderen und so immer weiter von jüdischen Zielen in fremde Fernen sich tragen zu lassen, und der andere Weg ist: immer jüdischer zu werden und das eigene Geschick und das der Nachkommen für alle Zukunft den schwellenden Kräften der jüdischen Gemeinschaft anzuvertrauen. So ist für uns Zionisten das ganze Leben zu einem Freiheitskampf geworden, in den wir uns mit rücksichtsloser Entschlossenheit und voller Hingebung hineinstürzen müssen, wenn wir siegen wollen. Was wir heute in Palästina erleben, ist viel mehr, als der Sprachenkonflikt, von dem wir reden. Es ist der Freiheitskampf, den die Palästinenser gemeinsam mit uns gegen die Bevormundung durch die alten, die Gegenwart bejahenden Mächte führen. Der Kampf mit dem Hilfsverein ist ein entscheidender Augenblick in diesem Ringen, in Wahrheit ein großer Moment in der Geschichte des Zionismus. Die Nation beweist ihre Kraft; sie stürmt über die Grenzen der vorgeschriebenen Möglichkeiten, zerbricht die Umzäunungen der vorsichtigen Hüter des Bestehenden, und schafft sich die Grundlage für das Gemeinschaftsleben der kommenden Geschlechter. So haben immer die großen Momente in der Geschichte ausgesehen; immer sind es Freiheitskämpfe, immer nur Leistungen aus eigener Kraft. Das Ungeglaubte, für unmöglich Gehaltene und Verachtete siegt durch die Kraft seiner leidenschaftlichen Unbedingtheit und überstrahlt die anerkannten Gewalten. Wenn wir uns nun heute fragen, wie sich die Zukunft gestalten wird, so wissen wir, daß es eine Versöhnung in dem von den Philistern verstandenen Sinne niemals geben kann. Das jüdische Volk muß, wenn es leben will, seine Sprache und alle seine nationalen Kräfte ohne Ende in ewigem Kampfe vorwärts drängend entwickeln. Kompromißvorschläge können nur zu Versöhnungen in Worten führen. „Was uns zerspaltet, ist die Wirklichkeit, doch, was uns einigt, das sind Worte." Und doch wird es einmal zu einem Ausgleich kommen, aber dieser Ausgleich wird eine kompromißlose, große Versöhnung sein. Er wird die Versöhnung der nichtzionistischen Judenheit mit der lebendigen Wirklichkeit des Lebens der jüdischen Nation sein. Der Zionismus, der den anderen heute eine extreme Sonderbestrebung jüdischer Nationalisten zu sein scheint, wird in nicht langer Zeit ihnen und zweifellos einmal ihren Kindern die heute noch nicht geglaubte Wirklichkeit des jüdischen Volkstums werden. Der Geist Palästinas, den sie heute knebeln wollen, wird dann alle in seinen Bann schlagen und sie zur Erneuerung ihres eigenen Lebens führen. So wird es sein, wenn wir stark sind und in Wahrheit das neue Leben schaffen, dessen herrlichen Morgen wir heute begrüßen. Mit unserer Stärke wird man sich versöhnen. K. B. VOM WESEN DER NATION Von Kurt Riezler*) Die Reihe der überindividuellen Individualitäten, in welchen der einzelne eingegliedert ruht und seinen ewigen Drang über die Grenzen der eigenen Endlichkeit fortsetzt, führt über die Familie, den Familienverband, den Stamm zum Volk und scheint in ihm einen gewissen Abschluß zu finden. Ein jeder gebraucht diesen Begriff des Volkes und steht doch, wenn er zu definieren unternimmt, vor einem tiefen Geheimnis. Das Wesen dieser lebendigen Einheit, Volk genannt, ist in dem, was eben diese Einheit ausmacht, rätselhaft wie alles Lebendige. Es ist zunächst nicht die Summe der Volksgenossen, nicht eine quantitative Einheit eines qualitativ Mannigfaltigen. Im politischen Kampfe werden wohl Forderungen erhoben, denen logischerweise eine solche Ansicht zugrunde gelegt werden müßte, aber diese Ansicht selbst kann ernsthaft nicht einmal von den Verfechtern solcher Forderungen aufgestellt werden. Es ist auch nicht nur eine qualitative Gleichheit eines numerisch Verschiedenen. Eine irgendwelche qualitative Gleichheit der Angehörigen desselben Volkes mag immerhin konstatiert werden, sie macht das Wesen des Volkes nicht aus. Auch die Gemeinsamkeit der Sprache, die Gleichheit der Rasse, die Zugehörigkeit zu einem Staate, reichen nicht aus, den Begriff des Volkes zu bilden. Sie sind nur Attribute einer Zwecksetzung, und das eine oder das andere kann fehlen, ohne daß wir deshalb aufhören müßten, von einem Volke zu sprechen. *) Kurt Riezler: Die Erforderlichkeit des Unmöglichen. Prolegomena zu einer Theorie der Politik und zu anderen Theorien. Georg Müller, Verlag in München. Wir bringen diesen Abschnitt aus dem klugen und originellen Buche statt einer Besprechung. Das wesentliche liegt tiefer. Das Volk ist eine Ganzheit, die durch die Addition der Teile nicht aufgebaut werden kann. Diese Ganzheit ist die innere Gesetzlichkeit eines Organischen, deren Glied, nicht Teil, jeder einzelne ist, das in jedem einzelnen mitgegeben, mitgeboren ist und seine Möglichkeiten begrenzt und bestimmt, das durch die Folge der Generationen sich fortgesetzt entfaltend hindurchgeht, wie das Leben des Baumes durch die Jahrgänge seiner Blätter. Das Volk ist von der Summe der Volksgenossen so weit verschieden, als der Baum von der Summe seiner Blätter. Es ist auch nicht in allen einzelnen zu gleichen Teilen, der eine kann mehr, der andere weniger Träger des Volkes sein. Nie liegt sein Wesen ganz in einem irgendwie greifbar Vorhandenen, in einer erreichten Erfüllung: es liegt immer in einer Zukunft, die es sucht, es ist in jedem Augenblick und ist doch in keinem ganz. Es gehört zum Wesen dieses Wesens, Ansatz zu sein und Aufgabe, wie der einzelne auch, und seine Ganzheit ist nur die Einheit eines Strebens nach einem Höheren. Es ist wie die rollende Woge, die der göttliche Sturmwind über das unendliche Meer treibt, die stets wachsend und höher sich türmend, kleinere Wellen und das leichte Gekräusel (und in allem stärker oder schwächer das gleiche Pathos des Windes) auf ihrem Rücken trägt, nur als Form durch die Materie hindurchgeht und nie in ihr verharrt, sich, zu hoch getürmt, schäumend überschlägt oder an einer Klippe bricht und doch unter dem Schaum wieder als die gleiche hervorrollt und hinter der Klippe sich wiederfindet.- Wie der Sinn der Woge die ewige Sehnsucht, der stets nächste höher getürmte Augenblick ist, so ist auch der Sinn des Volkes das grenzenlose, sich fortpflanzende Streben. Der einzelne mag, eingedenk offenbaren Unvermögens und bc-