Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Versöhnungspolitik
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 29 (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 2. BERLIN, 9. Januar 1914 ttrrfefc iT'önn 'X X"-> ,-pHa XVIII. JAHRG. VERSÖHNUNGSPOLITIK Unaufhaltsam, nach eigenen inneren Gesetzen, entwickelt sich das Leben der Nationen. Die Kräfte, die von Natur im Volke liegen, wollen allseitig organisch entwickelt werden, und nicht eher ruht der Schöpferwille, als bis er am Ziele ist, bis die letzte Möglichkeit nationalen Schaffens Wirklichkeit geworden ist. Daß eine Nation noch eine Aufgabe vor sich sieht, daß sie unerfüllte Möglichkeiten durch ihre Arbeit für die Wirklichkeit ihres Lebens erwerben will, ist ihre Existenzberechtigung in der Geschichte. Für Völker ist Leben und Schaffen untrennbare Einheit. Deshalb können Völker in Fragen ihres nationalen Lebens niemals willkürliche Abgrenzungen mit anderen verabreden. Der ins Unendliche gerichtete, das ferne Ziel erspähende Blick kann niemals haften bleiben an den durch Kompromisse geschaffenen, übersehbaren, einengenden Grenzlinien. Der Nationalismus der Völker kennt keine Taktik, die ihm vorschreibt, aus Gründen kleinlicher Klugheit Verzicht zu leisten auf weitere unübersehbare Entwicklung. Wohl kann es Verständigungen geben über Einzelfragen, über ganz bestimmte Dinge, die gelegentliche Differenzen aus der Welt schaffen. Aber immer wird es sich nur um unerhebliche, nicht das Lebensinteresse des Volkes berührende Sondererscheinungen handeln. Das, was die Gegner einer nationalen Entwicklung Radikalismus nennen, ist niemals etwas anderes, als der Herrschaftswille, dessen Aufgeben das Ende des Volkes zugleich bedeutet. ln Palästina kämpft heute das lebensvolle jüdische Volk mit Juden, die das jüdische Leben sich nach bestimmten Zweckmäßigkeitsgründen eingerichtet haben. Wir haben bisher unsem Blick immer nur auf diesen einen Kampfplatz gerichtet. Wir haben uns Klarheit über die Gründe immer nur aus den Ereignissen in Palästina zu verschaffen gesucht. Deutlicher und eindringlicher stellt sich uns das Wesen dieses Zusammenstoßes dar, wenn wir seine tieferen Ursachen auf dem andern Kriegsschauplatz, in Deutschland, zu erkennen bemüht sind. Die Männer des Hilfsvereins sind in ihrem Verhalten in Palästina nur aus der Stellung der deutschen Juden zur zionistischen Idee zu verstehen. Es handelt sich für uns nicht um eine Untersuchung des jüdischen Interesses der Herren James Simon oder Paul Nathan, nicht darum, ob nicht Dr. Nathan wirklich aus aufrichtigstem Herzen immer das beste für Palästina und die Judenheit erstrebt habe. Es kommt nicht darauf an, uns mit jedem einzelnen ihrer Gesinnungsfreunde über das Maß seines jüdischen Verständnisses auseinanderzusetzen. Ja, wir können sogar Dr. Nathan und seinen Freunden das beste Wollen und das ehrlichste Streben zubilligen. Ihre Gesamtauffassung vom Judentum müßte sie dennoch in diesem Moment zu dem Kampf gegen den Hebraismus und gegen die nationale Entwicklung des Volkes führen. Sie sind wirklich Männer des Hilfsvereins; sie wollen anderen helfen, anderen ihre Arbeit und ihr Geld zur Verfügung stellen, aber immer in dem Gefühl, daß sie die Gebenden sind und die anderen die Empfangenden. Sie bejahen das Judentum, wie es durch die Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts geworden ist. Ihre Zukunft ist festgelegt durch die unzähligen Kompromisse, die sie mit der Umgebung geschlossen haben; und selbst, wenn sie an der jüdischen Kolonisation in Palästina hervorragenden Anteil haben, so haben sie doch immer nur gedacht, daß andere hingehen und dort erträgliche Lebensverhältnisse finden sollen. Niemals glaubten sie, daß sie durch jene anderen herausgeführt würden aus der Zerstreuung, daß s i e für ihre Seele dort in Erez Israel eine größere Freiheit fänden. Helfend schaffen kann aber jeder nur nach seiner Art, und auch der Hilfsverein hat sich in allem, was er tat, immer von Gesinnungen leiten lassen, die seiner Art entsprochen haben. Er trat für das Hebräische aus den verschiedensten Gründen ein, nur nicht aus dem Grunde, daß er erwartete, in dieser neu belebten Sprache unseres Volkes die feinsten und heiligsten Empfindungen ausgedrückt zu sehen, die unser Herz erfüllen, die uns jetzt zum Verstummen zwingen, weil der Rhythmus unseres Wesens sich nicht einstimmen kann in den Takt der Sprache der anderen. Diesen Nichtzionisten erscheinen wir immer als blindwütige Radikale. Die Vehemenz der zionistischen Meinung empfinden sie als roh und überscharf, als kulturlosen, immer gegen Personen gerichteten Angriff. Wir können sie deshalb nicht einmal schelten. Ihre jüdische Betätigung ist auf die Defensive abgestimmt. Wer sich aber so bescheidet, muß naturgemäß darauf bedacht sein, nirgends anzustoßen, den einmal von der Ueberlegung ihm zugewiesenen Platz möglichst sicher und möglichst vorteilhaft zu behaupten. Er stimmt sich ab auf die Gesetze der anderen und hat nicht mehr die Möglichkeit, jene wirklich zu begreifen, die den frohen Mut haben, ihr Leben ganz nach eigenen Gesetzen einzurichten. Weil wir die Kommenden sind, können wir noch nicht von jenen verstan-