Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Neue jidische Erzählungsliteratur
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 22 (sequence 3)
- Language
- German
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22 Nr. 1 DiE^ELT Situationskomik, sondern durch die naive Darstellung der naiven Wirklichkeit. In diesem Sinne ist Schalom Aleichem Realist. Allein hinter seinem Realismus verbirgt sich ein hoher jüdischer Idealismus und eine Liebe zum jüdischen Volk, die es erlaubt, ihn nicht nur als großen Volksdichter, sondern auch als nationalen Dichter zu charakterisieren. Von den drei Großen der jiddischen Literatur ist Schalom Aleichem allein nationaler Dichter. Ungewollt und unbewußt dichtet er nicht nur aus der Seele des Volkes, sondern auch aus dem Geiste der Nation und aus seinem Willen zum Leben. Man findet bei Mendele die gleichen Typen, wie bei Schalom Aleichem, und Mendeles Kabzansk hat gar viel Aehnlichkeit mit Schalom Aleichems Kasrielewka, aber bei Mendele kommt das positive ethisch-nationale Moment nicht zum Ausdruck. Er hat sich bis auf den heutigen Tag von der Haskala mit ihren unnationalen Tendenzen nicht befreit. Seine Juden von Kabzansk und Glupsk, wie er sie uns in „Sturmzeit“ und „Nach Hause zurück“5) vorführt, bleiben, so genial sie gezeichnet sind, unsympathisch, weil sie auch der Dichter ohne Sympathie ausgestattet hat. Er hat seine Gestalten geschaffen, um als sozialer Kritiker recht zu behalten. Als Darsteller und als Meister der Kleinmalerei ist aber Mendele unübertrefflich. Seine epische Breite mag nicht modern sein, allein seine Erzählerkunst im allgemeinen übertrifft wohl die von Schalom Aleichem und Perez. Auch als Meister der Sprache überragt er beide. Bei Mendele ist Jiddisch eine Sprache, in der man alles ausdrücken kann, und oft wundert man sich, wie dieses Volksidiom als Mittel zur Hervorbringung echter und großer Kunst dienen kann. Mendele ist aber bekanntlich auch ein Meister der hebräischen Sprache. Im übrigen ist er heute recht vereinsamt. Perez hat Jünger und eine Schule, ähnliches gilt von Schalom Aleichem, aber Mendele hat keine Jüngerschar. Freilich sein glänzendes Erzählertalent sichert ihm dessenungeachtet die höchste Popularität. ynj* r2a Hebräische Wandkarte von Erez-Israel, nach Kiepert angefertigt von E. Sapir und Krause, herausgeg. vom Zionistischen Actio ns-Comite, Berlin 1913 (5673). Nach mehrjähriger Arbeit ist vor kurzem die vom Aktionskomitee im Verein mit dem Verlag „Koheleth“ in Jaffa herausgegebene hebräische Wandkarte von Palästina fertiggestellt worden, ein Werk, das bestimmt ist, eine empfindliche Lücke in den Behelfen und Lehrmitteln unserer hebräischen Schulen in Erez-Israel auszufüllen. Denn es war gewiß keine gleichgültige pädagogische Anomalie für die hebräischen Lehrer, wenn sie genötigt waren, sich beim Unterrichte in der Bibel, in Geschichte und Landeskunde, der in hebräischer Sprache erteilt wird, fremdsprachiger Landkarten zu bedienen. Diese große Schwierigkeit ist nun beseitigt, und die Wände ihrer Schulzimmer werden jetzt von einer prächtig ausgeführten Karte geziert, in einer Höhe von 195 cm und 122 cm Breite und dem Maßstab 1:200 000, mit großer, deutlicher hebräischer Schrift und höchst anschaulicher Darstellung, sowohl was die Schummerung der Terrainformen als auch die Signaturen von Flächen, Linien und Orten betrifft. Die Grenzen, innerhalb deren das Land auf dieser Karte dargestellt werden, sind die in den bekanntesten Spezialkarten Palästinas üblichen; den topographischen Namen liegt die gründliche Forschungsarbeit des leider zu früh verstorbenen E. Sapir in seinem ausgezeichneten Werke „Haarez" zugrunde. Neben heute nur noch arabisch benannten größeren und kleineren Städten und Dörfern finden wir auch solche, aus der jüdischen Geschichte und Tradition bekannte Namen in hebräischer Bezeichnung, deren 5) In Sturm-Zeit. Verlag „Mendele“, Warschau-New York 1913. Lage nur vermutet werden kann, oder die nur noch als Ruinen sich erhalten haben. Sehr dienlich ist dabei eine am Fuße angefügte Anleitung zum Lesen der arabischen Namen, deren hebräische Umschrift und Vokalisierung von Dr. Y a h u d a besorgt wurde. Die Wandkarte enthält auch zwei Nebenkarten, die für den Unterricht in Bibel und alter Geschichte unerläßlich sind: 1. Eine Karte der Stadt Jerusalem zur Zeit der zweiten Zerstörung im Maßstab von 1:6000. Verschiedene Farbenstriche bezeichnen die Stadtmauer unter David und Salomo, Chiskiah, Herodes, sowie Mauer und Tore zur Zeit Kaiser Hadrians und in der Gegenwart. 2. Eine Karte mit genauer Abgrenzung der zwölf Stämme, deren Gebiete nach mütterlicher Abstammung gruppiert und in besonderen Farben gekennzeichnet sind. Auf dieser Karte sind auch die Levitenbeziehungsweise Asylstädte signiert, wenn auch nicht in wünschenswerter Vollständigkeit, so doch viel vollständiger und genauer als sie z. B. in G r a e t z’ Geschichte behandelt werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, wie der berühmte Historiker in Note 5 seines 1. Bandes der Geschichte die Levitenstäidte behandelt hat, da es mir leider nicht bekannt ist, ob irgendwo auf dieses Versehen schon aufmerksam gemacht wurde. Es fehlt nämlich bei Graetz in der Gegenüberstellung der die Levitenstädte behandelnden Texte aus Josua, Kap. 21 und I. Chr. Kap. 6 im ersten der Texte Vers 36 und 37 mit den 4 Levitenstädten des Stammes Re üben und hierauf folgt in der Note die Bemerkung: „In Josua fehlen die 4 Städte vom Stamme Reuben, die aber noch in der griechischen Version korrumpiert erhalten sind." Es ist mir unbegreiflich, wie Graetz die beiden Verse übersehen konnte, da er doch seinen Text von V. 13 bis 37 zitiert; während er mit dem Stamme Gad eingerechnet auch noch Vers 3S und 39 anführt, füllt er die vermeintliche Lücke des Stammes Reuben mit Punkten aus. Ebenso verwunderlich ist eine weitere Bemerkung Graetz’: „Im Buche Josua ist auch nur angegeben, daß Josua die 48 Städte als Levitenstädte designiert habe, aber nicht, daß sie ihrer Bestimmung gemäß realisiert worden sind.“ Und doch wird in dem von Graetz angeführten Text dreimal (V. 11, 13, 21) ausdrücklich gesagt, daß die Städte „gegeben" wurden! — In unserer Karte scheint die Grenzlinie zwischen den Reichen Juda und Israel etwas ungenau gezeichnet zu sein, da dieselbe oberhalb der Städte Beth-Choron und G e z e r gezogen ist, obwohl diese beiden Städte noch zum Nordreiche, dem Stamme Ephraim, gehören, und auch überall als Asyl- und Levitenstädte des Stammes Ephraim genannt werden. Wenn nun Lehrer und Schüler in Palästina ihre berechtigte Freude an der prachtvoll ausgestatteten Wandkarte haben, die in ihrer Umgangs- und Unterrichtssprache abgefaßt ist, so haben wir im Galuth nicht weniger Grund, uns dieses großzügigen Prachtwerkes zu freuen, da es uns vor Augen führt, was wir im Lande unserer Sehnsucht schon heute besitzen, was in Erez-Israel dem Volke Israel gehört. 48 Orte sind auf der Karte mit dem Zeichen des Davidschildes versehen, welches andeutet, daß hier entweder eine größere oder kleinere jüdische Kolonie oder jüdisches Eigentum an Boden sich befindet, das dem Jüdischen Nationalfonds und anderen Organisationen oder auch Privaten gehört, jedenfalls erfreuliche Resultate unserer Propagandaarbeit darstellt. Soviel wir also an dieser hebräischen Wandkarte besitzen, so bleibt uns doch noch ein Wunsch übrig. Es möge der rührigen Lehrerschaft Palästinas und dem von ihr begründeten und geleiteten Verlage „Koheleth" gelingen, das begonnene Werk fortzusetzen und die Wandkarte als Lehrbehelf dahin zu vervollständigen, daß baldigst dem Schüler auch hebräische Atlanten, besonders zu einzelnen Epochen der biblischen und talmudischen Zeitgeschichte an die Hand gegeben werden. Solche Spezialkarten sind unumgänglich notwendig, damit ganze Erziehungsarbeit geleistet wird. Bielitz. Dr. M. Berkowicz.