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Die Welt · 1914-01-02 · 1 (2.1.1914) · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
1 (2.1.1914)
Article
Neue jidische Erzählungsliteratur
Date
1914-01-02
Page
21 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 DIElgffLT 21 gorien und wunderbare Melodien. Die ganze Gefühlswelt des Chassidismus verdichtet sich in diesen „Erzählungen“ zu wundersamen Gesängen. Wir finden in ihnen überhaupt keine Menschen, sondern nur Seelen, die bald in Wonne jauchzen und bald vor Qual vergehen. Man denke nur an Beril den Schneider. Der berühmte Rabbi Levy Jizchok aus Berdvczew schickt sich an, das Kol-Nidre- Gebet zu rezitieren. Die andächtige Gemeinde erwartet atemlos die ersten Töne des heiligen Gebetes, aber Rabbi Levi Jizchok schweigt noch immer. Plötzlich ruft er laut . den Synagogendiener und befiehlt ihm, den Schneider Beril herbeizuschaffen. Das geschieht. Rabbi Levi Jizchok fragt den armen Schneider vor allen Versammelten, welche Sünde er wohl begangen habe, daß man droben im Himmel so viel von ihm spreche. Beril, eine ehrliche Haut, erzählt dann die Geschichte eines Diebstahles, den er verübt habe, als er einst im Hause des Gutsbesitzers den Pelz des Herrn geflickt hatte. Der Diebstahl sei ihm mißlungen, da er den gestohlenen Gegenstand an einer verborgenen Stelle auf einem Felde aufbewahrte, ohne ihn wieder auffinden zu können. Beril findet, daß Gott höchst ungerecht gegen ihn handle, da er für sein ehrliches Auskommen nicht sorgte und ihn auch am Genuß des Diebstahls verhindere. Beril hat daher dem lieben Herrgott den Streik erklärt. Er betet nicht, er erfüllt nicht die Gebote, Übertritt die Gesetze, trauert am Freudenfest, lebt vergnügt in den „Tagen der Furcht“, lebt mit einem Wort wie ein Goi. Auf die Frage Rabbi Levi Jizchoks, ob ihn ein gutes Einkommen bewegen könnte, den Streik aufzugeben, antwortet der Schneider verachtungsvoll: „Was, Einkommen? Das hätte er mir früher geben sollen, jetzt verlange ich mehr. Ich weiß, daß am Versöhnungstage nur Sünden verziehen werden, die der Mensch gegen Gott begangen hat, nicht aber solche, die gegen die Mitmenschen verübt wurden. Ich werde nicht eher meinen Streik aufgeben, bis mir Gott auch die Sünden, die ich gegen Menschen begangen habe, verziehen hat. Bin ich im Rechte, Rabbi?“ „Ja, du hast recht,“ antwortete Rabbi Levi Jizchok. „Bestehe nur auf deiner Forderung, man wird dir dann nachgeben müssen.“ Der Rabbi, in Weiß gehüllt, bleibt einen Augenblick still, horcht auf und verkündet dann: „Deine Forderung ist bewilligt- Geh, hole dir einen Tallis.“ .... Noch tiefsinniger ist die Geschichte „Freude in Freude“ Rabbi Levi Jizchok ist der höchsten Gefahr ausgesetzt, im Himmel verurteilt zu werden. Die Fürbitten aller jüdischen Großen, vom Erzvater Abraham angefangen, um die Befreiung des Rabbi sind vergebens. Die Anklagen der bösen Engel häufen sich turmhoch gegen den Rabbi. Seine Verdienste und Vergehen werden auf die Wagschale gelegt und schon überwiegen die Vergehen die Verdienste. Da ertönt plötzlich eine Stimme aus der Höhe: „Ich kaufe ihn aus.“ Es war die Stimme Gottes, die sprach: „Die ganze Welt ist mein, und für Rabbi Levi Jizchok gebe ich die ganze Welt her!“ Die groben, wie die sinnigen Vorstellungen des Chassid hat Perez dichterisch verklärt. Obgleich Perez ein ausgesprochener Aristokrat in seinem Fühlen und Denken ist, haben wenige Dichter so aus dem Volke heraus gedichtet. Man darf mit Recht sagen, daß es nichts in der chassidischen Welt gibt, was nicht in diesem Band irgendwie enthalten wäre. Trotzdem hat auch dieses Meisterwerk große Schattenseiten. Der Gedanke, der dargestellt werden soll, ist oft mitten drin abgebrochen, die Sprache ist oft mit Absicht verdunkelt. Perez können wir selbst Spukgeschichten ä la E. A. T. Hoff mann verzeihen, nur dürfen sie nicht als volkstümliche Geschichten hingestellt werden. Ueber Schalom Aleichem habe ich bereits an dieser Stelle geschrieben2) und ich kann mich daher über seine vorliegenden Arbeiten kürzer fassen. Die in dem vorliegenden Band3 4) gesammelten Arbeiten sind schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert erschienen und längst Gemeingut der jüdischen Massen geworden. Der Roman Jossele Solowei und die Erzählung Kinderspiel haben den Dichter vor 25 Jahren mit einem Schlage berühmt gemacht, weil er in diesen zwei Dichtungen seine einzigartige Begabung als Epiker und Volksdichter offenbart hatte. Seitdem diese zwei epischen Arbeiten erschienen sind, hat sich Schalom Aleichem auf vielen anderen Gebieten der Literatur mit Erfolg betätigt, aber auf keinem mit mehr Erfolg als auf dem der Satyre und der sozialen Farce. Man hat in letzter Zeit Schalom Aleichem vielfach mit Fritz Reuter und mit Mark Twain verglichen, denn mit beiden hat er den echten Volkston und den glücklichen Mutterwitz gemein. Für die anderen Arbeiten des Dichters mag dieser Vergleich zutreffend sein, nicht aber für seine Farce „Die roten Jüdchen“, die im Band X der Jubiläumsausgabe erschienen sind1). In diesen „Roten Jüdchen“, die die beste Satyre auf das Golus sind, erhebt sich Schalom Aleichem zu den Höhen eines Rabelais. Die „Roten Jüdchen“ können auch am besten mit Rabelais’ Gargantua verglichen werden. Es gibt keine Erscheinung im jüdischen Golusleben, die diese geniale Farce nicht umfaßt, Wirtschaft, Politik, geistige Bestrebungen, soziale Einrichtungen usw. Obgleich der Dichter nur die russischen Juden im Auge hat, trifft seine Kritik auch für andere jüdische Gruppen zu. Was er z. B. von der geistigen und politischen Trägheit der roten Jüdchen sagt, gilt ebenso von den Juden Frankfurts, Amsterdams und Londons. In dieser Farce drückt sich der große Schmerz des Dichters über die politische Verwahrlosung und geistige Stagnation seines Volkes aus. Die Gelehrten ergehen sich in Haarspaltereien und die Massen sind politisch so verwahrlost, daß sie das große Elend des jüdischen Volkes gar nicht mehr empfinden, und wenn man ihnen Zionismus predigt, unbewegt, verständnislos und gleichgültig dastehen. Sie leben nur mit dem Augenblick, jeder Ausblick auf die Zukunft ist ihnen versagt. Noch schlimmer sind aber die großen sozial-sittlichen Laster, die unter ihnen verbreitet sind, weil sie ein unnatürliches und unwirkliches Leben führen. Der Dichter hat mit großem Scharfblick erkannt, daß das Leben degenerieren muß, wenn es nicht national-politisch organisiert ist. Das Golus verdirbt den Charakter und nicht die Politik .... Auf den gleichen Ton sind die anderen in diesem Bande gesammelten Skizzen und Erzählungen gestimmt. „Das Altersheim in Kasrielewka“, das durch einen Zufall entsteht und leer bleibt, weil die arme Gemeinde die Institution gar nicht erhalten kann; die Frau mit einer Ritualfrage beim Rabbiner, die dem alten Mann tausend Dinge, die mit der eigentlichen Frage gar nichts zu tun haben, erzählt, bis der Rabbi zusammenbricht; Gütel Purischkewitsch, die arme Witwe, die sich solange um die Befreiung ihres einzigen Sohnes vom Militärdienst bemüht, bis der Sohn seine Zeit abdient und heimkehrt, und auch die anderen kleinen und größeren Skizzen zeigen den lebensfremden, mit der Wirklichkeit nicht rechnenden Menschen in all seinen Absonderlichkeiten. Jeder dieser Typen ist eine Verkörperung des Goluselends in einer anderen Variante. Schalom Aleichem erreicht die höchsten komischen und tragikomischen Effekte nicht durch eine erkünstelte 2) Vergl. „Die Welt“, 13. Dezember 1912. 3) Romane und Erzählungen, Bd. IX der gesammelten Werke Schalom Aleichems. Central-Verlag, Warschau 1913. 4) Bd. X der gesammelten Werke.

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