Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Die Denkschrift der Hilfsvereinslehrer
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 II nebelt des Kindes nicht gestört; es weiß, daß es eine Sprache besitzt, die es auf die Leiter der Entwicklung von Stufe zu Stufe führt. Wenn der Knabe heranwächst und eine zweite Sprache lernt, weiß er dann wohl bestimmte Grenzen zu ziehen zwischen seiner Muttersprache, in welcher sein inneres Seelenleben zum Ausdruck kommt, und der fremden Sprache, die er zu einem bestimmten praktischen Zweck lernt. In Palästina, wohin Juden aus aller Herren Ländern eingewandert sind und verschiedene Jargonidiome mitgebracht haben, ist ein Sprachengewirr entstanden, wie nirgends sonst. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat der Hilfsverein wohlweislich die hebräische Sprache, die jedes Kind aus religiösen Gründen von seiner ersten Kindheit ab lernen muß, als Kindergartensprache sowie als die alleinige Sprache in der untersten Klasse seiner Schulen eingeführt. Hebräisch bleibt auch die alleinige Unterrichtssprache in den nächstfolgenden Klassen der Unterstufe. Das ist einmal eine feststehende Tatsache. Es wäre nun natürlich, wenn dieses Unterrichtssystem auch in der Folge beibehalten würde. Anders ist es aber in unseren Schulen der Fall. Wenn das Schulkind die Klassen erreicht, in denen bereits einige Fächer in deutscher Sprache gelehrt werden, befinden sich Lehrer sowohl als Schüler in einer schwierigen Lage. Das Fach wird nicht in der Sprache unterrichtet, die der Schüler vollständig beherrscht, sondern in der anderen, die er erst jüngst begonnen hat und von der er noch keine genügende Kenntnis besitzt. Daß ein solcher Unterricht nicht zweckmäßig ist, ist ja klar. Er kann nur gezwungen und unnatürlich sein, da der Lehrer sich nicht nach dem Lehrziele, sondern nach dem armen Wortschätze der Schüler richten muß. Das immerwährende Wiederholen, welches das unvollkommene Verstehen verursacht, bedeutet Zeitverlust und läßt bei dem Schüler kein Interesse am Unterrichte aufkommen. Nach aller Mühe erreicht man doch nur verschwommene Begriffe und fördert so Oberflächlichkeit und Halbwissen. Das eigentliche Unterrichtsfach leidet dabei zu sehr durch die Unterrichtssprache. Andererseits geschieht es fast immer, daß der Lehrer, dessen Hauptaugenmerk auf das Fach gerichtet sein muß, auf die sprachliche Seite nicht gut achten kann und die Schüler sich so nur an fehlerhaftes Sprechen gewöhnen, besonders solche Kinder, die aus ihrem Elternhause den jüdisch-deutschen Jargon mitbringen. Nur dies erklärt uns die merkwürdige Erscheinung, daß es uns trotz all unserer Bemühungen nicht gelingen will, die Schüler zur vollkommenen Beherrschung der deutschen Sprache zu bringen. Der Unterricht der Realien in der Fremdsprache, weit entfernt, diese zu fördern, schadet nur durch die Gewöhnung an den fehlerhaften Gebrauch derselben. Es leidet so das Fach durch die Sprache und es leidet die Sprache durch das Fach. Der Schüler aber leidet unter dem Gefühle eines auf ihm lastenden Zwanges; Lerneifer und Liebe zum Gegenstände werden dadurch nur verhindert. Er kann auch nicht die rechte Liebe zur Kultursprache gewinnen, die ihm so vielerlei Hemmungen verursacht. Ganz eigenartig liegen die Verhältnisse bei jenen Fächern, die während einiger Jahre in einer Sprache gelehrt werden, um dann wieder in einer anderen unterrichtet zu werden. Nicht wenig Arbeits- und Zeitverlust entsteht dadurch, daß alle Fachausdrücke von neuem gelernt werden müssen, und die Einheit der Unterrichtssprache des betreffenden Faches wird dabei durchbrochen, jene Einheit des Unterrichtes, von deren pädagogischem Erfordernis jüngst der verehrte Vorsitzende des Hilfsvereins selbst gesprochen hat. Der Hilfsverein der Deutschen Juden betont zu jeder Zeit, daß sein Wirken den Verhältnissen und Bedürfnissen der verschiedenen Länder angepaßt ist; es ist eine sehr schätzenswerte, bedeutungsvolle Maxime und bedeutet eine feinfühlige Rücksichtnahme auf die in Betracht kommende Bevölkerung. Auch in der Sprachenfrage will der Hilfsverein selbstverständlich die Verhältnisse innerhalb der jüdischen Bevölkerung Palästinas berücksichtigen. Unsere Volksgenossen zerfallen hier in verschiedene Gemeinden, Gruppen und Schichten, ohne daß dies die notwendige Folge einer tieferliegenden Trennung wäre; es fließt vielmehr hauptsächlich aus der Sprachverschiedenheit, welche meist die primitivste Verständigung verhindert. Dieser Zustand bringt es mit sich, daß wir selbst den Behörden gegenüber nicht eine Gemeinde, sondern Gemeinden bilden. Diesem Uebelstande kann nur dann abgeholfen werden, wenn das Hebräische, das allen Elementen als heilig gilt, als Einheitssprache zur Herrschaft gelangt. Nur die hebräische Sprache hat nach dem großen Aufschwung, den sie in der letzten Zeit genommen hat, Aussicht darauf. Nur so können die Gegensätze, die unter den verschiedenen jüdischen Bevölkerungsschichten herrschen, beseitigt werden. Es ist hoch an der Zeit, daß die Gruppen der Sephardim, Aschkenasim, Marokkaner, Jemeniten, Bucharen usw. geeinigt werden, wenn wir nicht im Lande andauernd eine quantite negligeable bilden sollen. Wenn aber andererseits durch die verschiedenen Schulen wieder verschiedene fremde Sprachen unter den Massen verbreitet werden, so erzeugt man dadurch nur neue Spaltungsmomente. Das Land braucht dringend gute Handwerker, kleine Kaufleute, fleißige Bauern, bescheidene, arbeitsame Hausfrauen und Mütter. Während das Ziel unserer Bestrebungen die Stärkung des Elementes ist, welches seine Zukunft im Lande seihst erblickt, erzeugen wir in der Tat ein geistiges Proletariat, das im Lande nicht wurzelt. Eine Statistik kann uns darüber belehren, daß von 100 Schulkindern, die in die untersten Klassen eintreten, bloß 25 die Schule wirklich ganz absolvieren. Die restlichen 75 Kinder dagegen verlassen die Schule frühzeitig, ohne eine abgeschlossene Bildung erlangt zu haben. Diesem größeren Teile der Schuljugend bringt die Fremdsprache keinen Nutzen, < sie führt manche sogar zur Unzufriedenheit und entfremdet sie ihrer Umgebung. Während wir also danach streben, die bodenständigen Elemente zu vermehren, mehren wir in der Tat selbst durch unsere Maßnahmen die Auswanderungslustigen. Wir zerstören mit der Linken, was wir mit der Rechten bauen. Weniger noch ist ein solches System für die Erziehung der Mädchen empfehlenswert, welche hierzulande einstweilen gar keine Stellung im kaufmännischen und gesellschaftlichen Leben einnehmen. Im Unterriehtsplane des Lehrerseminars spricht noch ein besonderer Umstand dafür, daß alle Realien in hebräischer Sprache gelehrt werden; denn die dort ausgebildeten Lehrer sollen ja später dieselben Unterrichtsfächer an einer Volksschule hebräisch unterrichten. Wenn sie nun aus dem Seminar nicht einmal die Kenntnis der hebräischen Terminologie mitnehmen, so ist ihre Ausbildung nach dieser Seite hin nicht ausreichend. Jeder Lehrer ist dann gezwungen, in seiner Schule Sprachexperimente zu machen, welche eine Verwirrung und Verunstaltung der Sprache zur Folge haben. Schließlich wollen wir hervorheben, daß wir von unserem jüdisch-nationalen Standpunkte aus in der hebräischen Sprache den wichtigsten Faktor zur Verwirklichung unserer Bestrebungen im Lande erblicken. Streben wir doch danach, eine unserem Volke entsprechende Stellung im Lande unserer Väter zu gewinnen. Wollen wir doch hier das Ansehen und die Rechte einer gesonderten Volksgruppe genießen und nicht als eine sprachgemischte, uneinige Menge gelten! Dies kann nur möglich werden, wenn wir eine Sprache an die Stelle der vielen Jargone und Sprachgemische setzen. Nur so werden wir aus einem sprachlosen Elemente zu einem festwurzelnden Volkselement in Palästina. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist daher ein Ideal, welches unserem Leben Inhalt gibt.? Unsere Schulen müssen die Erreichung dieses Ideals wie bisher, ja sogar in noch uneingeschränkterem Maße, fördern. Unsere Kinder sollen es wissen, daß sie einem alten Kulturvolke angehören, dessen Sprache in der gesamten Kulturwelt ein hohes Ansehen genießt. Es darf bei unseren Zöglingen nicht der Eindruck hervorgerufen werden, als ob unsere Nationalsprache nicht geeignet sei, eine Kultursprache zu sein. Die Schulen dürfen also die Fortentwicklung der hebräischen Sprache nicht nur nicht aufhalten, sondern sie sind in erster Linie dazu berufen, dem Wiederaufleben der Sprache, das sich vor unseren Augen vollzieht, zu dienen.