Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Vergiftete Waffen
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 7 DIE^ELT worden, daß es nicht des Eingreifens des Hilfsvereins und aller seiner „Verbindungen“ und „Beziehungen“ bedurft hätte, um diese Tatarennachrichten zu verbreiten. Das Eine steht also unumstößlich fest: der Hilfsv er.ein hat selbst den von ihm hervorgerufenen Kampf in die nicht jüdische Presse gebracht. Erschwerend für diese ohnedies ganz unverzeihliche Kampfesweise ist noch die Art, wie der Hilfsverein die deutsche Oeffentlichkeit über die Vorgänge in Palästina unterrichtet hat! Man lese die Telegramme aufmerksam nach — und ebenso die von uns in voriger Nummer abgedruckte Erklärung des Hilfsvereins selbst, die freilich im Ton etwas mäßiger ist als die unverantwortlich verbreiteten Meldungen, in der Sache aber noch unaufrichtiger — und dann beantworte man sich selbst die Frage: ob schon jemals eine jüdische Organisation gegen eine andere einen Kampf mit so vergifteten Waffen geführt hat! Daß in den Meldungen grobe Unwahrheiten verbreitet werden, ist schlimm genug. Schlimmer aber noch sind die halben Wahrheiten, die berichtet werden. Es wird z. B. in der ersten Depesche von einem Kampf berichtet: warum wird der Grund des Kampfes verschwiegen? Das ist nicht etwa Zufall, denn der Hilfsverein ist bei diesem System der Tendenzlügen verblieben; die „Frankfurter Zeitung“ berichtete z. B. am 23. Dezember in einem Privattelegramm ihres Jaffaer Korrespondenten : Jaffa, 23. Dezember, 12 N. (Privattelegramm): Dr. Nathan, der Geschäftsführer des Hilfsvereins Deutscher Juden, der zur Schlichtung des Lehrer- und Schülerstreiks in den Schulen des Hilfsvereins hierhergeeilt war, ist unverrichteter Dinge wieder abgereist. Der Streik war ausgebrochen infolge von Differenzen über die Frage, ob Deutsch oder Hebräisch die Unterrichtssprache sein soll. Sämtliche Lehrer der Schulen in Haifa und Jaffa, sowie diejenigen der Mädchenschule in Jerusalem, und gleichzeitig der größte Teil der Lehrer des Lehrerseminars und der Knabenschule in Jerusalem sind aus den Diensten des Hilfs Vereins ausgetreten und haben neue Schulen mit ausschließlich hebräischer Unterrichtssprache begründet. Das neue Seminar zählt bereits 75 Zöglinge von bisher 93; die übrigen neuen Schulen haben die Hälfte bis zwei Drittel der früheren Schüler übernommen. Darauf erhielt das Blatt sofort aus Berlin die folgende Depesche, die es am 25. Dezember veröffent- Berlin, 24. Dezember, 8,50 N. Der auf der Rückreise von Palästina begriffene Dr. Paul Nathan, der Geschäftsführer des Hilfsvereins der Deutschen Juden, depeschiert aus Port Said, daß die zionistische Agitation, die sich gegen die Schulen des Deutschen Hilfsvereins richtet, im Abflauen begriffen sei. Die beabsichtigte Zerstörung des Schul werks sei trotz schwerer terroristischer Akte vollständig vereitelt worden. Alle Schulen des Hilfs Vereins seien im Betrieb, und nur eine unbedeutende provisorische Schule in Haifa sei für einige Zeit suspendiert. (Man vergleiche unser Telegramm im ersten Morgenblatt vom Mittwoch. D. Red.) Den gleichen Inhalt hat eine von der „Vossischen Zeitung“ am 30. Dezember veröffentlichte Depesche aus Jerusalem. Das ist dasselbe System der halben und Viertel-Wahrheiten: gewiß sind die Schulen des Hilfsvereins wieder „im Betrieb“ — aber warum wird denn verschwiegen, m i t wieviel Lehrern und Schülern der „Betrieb“ wieder aufgenommen wurde? Wenn doch die „zionistische Agitation“ bereits „im Abflauen begriffen“ ist? Vielleicht erscheint die Zumutung naiv, daß der Hilfsyerein selbst seine Niederlage eingestehen und mitteilen solle, daß die Mehrzahl seiner eigenen Lehrer mit der Mehrzahl seiner eigenen Schüler neue Schulen begründet habe. Nun gut, dann aber soll er darauf verzichten, die Oeffentlichkeit durch Tendenzmeldungen irrezuführen, wie er das seit einem Monat ununterbrochen tut. Diese Presse-Campagne des Hilfsvereins, zu der die Zionistische Organisation natürlich nicht geschwiegen hat, paßt sich würdig seinem Vorgehen in Palästina an, über das die Oeffentlichkeit noch sehr unvollständig unterrichtet ist. Wird erst darüber einmal die volle Wahrheit veröffentlicht werden können, so wird die ganze Dreistigkeit klar werden, die dazu gehört, den Zionisten „schwere terroristische Akte“ vorzuwerfen. Wer hier mit Terror in jeder Form, mit Drohung, Lüge und Verleumdung, mit Anrufung von uninformierten Nichtjuden gegen Juden, mit Gewalttätigkeiten verschiedener Art, mit Verhetzung der verschiedenen jüdischen Elemente Palästinas gegeneinander, ja sogar mit Denunziationen gearbeitet hat, das wird dann aller Welt offenbar werden. Einstweilen charakterisiert der Pressefeldzug, den der Hilfsverein inszeniert hat, seine Bedenkenfreiheit zur Genüge. Mag er nun weiter gegen die „jungen Russen, die als Russen und als jüdische Russen Feinde von allem Deutschen sind“, kämpfen — wir neiden ihm seine Stellung nicht, und unsere beste Antwort ist die Arbeit für unser Schulwerk in Palästina. Bericht des Hebräischen Lehrer-Verbandes Die Zentrale des Hebräischen Lehrer-Verbandes in Palästina (Merkas Hamorim) hat dem Zionistischen Actions-Comite einen Bericht über die Vorgänge in Jerusalem, die zur Gründung der neuen hebräischen Lehranstalten geführt haben, zugesandt, dem wir das Folgende entnehmen: Jaffa, 16. Kislew 5674. Sehr geehrte Herren! Unsere Arbeit schreitet mit Riesenschritten vorwärts. Der Kampf hat zahlreiche Kräfte im ganzen Lande herangezogen. Wir waren zunächst bemüht, uns durch Vermittelung von Privatpersonen mit Herrn Dr. Nathan in Verbindung zu setzen, da wir keine offizielle Abordnung zu ihm schicken wollten. Aus allen seinen Aeußerungen gewannen wir die Ueberzeugung, daß Herr Dr. Nathan sich unseren Forderungen gegenüber absolut ablehnend verhält. Er verlangte vollständige Unterwerfung in allen Schulen und sagte, daß der Hilfsverein erst dann werde verhandeln können. Weitergehende Zusicherungen wollte er nicht geben. Er lehnte auch den Vorschlag der Herren Disengof f, Hoofien und Gluskin ab, der auf die Einberufung einer Vertreterversammlung der verschiedenen jüdischen Institutionen abzielte, um die wahre öffentliche Meinung kennen zu lernen. Er war überzeugt, daß er die öffentliche Meinung in Palästina sehr wohl kenne, da er Unterschriften von „Chachamim“ und Rabbinern in Händen hatte, die für ihre Unterschriften bezahlt worden waren, und da ihm ferner „Vertreter“ der Arbeiterschaft und der Kaufleute vorgestellt wurden, ohne daß er erfuhr, daß diese Arbeiter bei den Bauten des Hilfsvereins beschäftigt sind, während die Kaufleute in Wirklichkeit Unternehmer und Vermittler sind, die in Geschäftsverbindung mit Herrn Ephraim Cohn stehen. Erst als Herr Nathan mit zahlreichen Personen gesprochen hatte, wurde er in dem Glauben an seine „öffentliche Meinung“ schwankend. Er begann den großen Unterschied einzusehen zwischen den Chalukahleuten, die ihm auf Bestellung ihre Zustimmung ausgesprochen hatten, und den produktiven Kräften, die für die Herrschaft der hebräischen Sprache kämpfen. Trotz der Zustimmungskundgebungen und der Unterschriften, die Dr. Nathan besaß, wurde die Lage nicht besser und die Krise verschärfte sich immer mehr. Die Lehrer des Hilfsvereins überreichten ihm eine Denkschrift im Namen