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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1520 Sitte aller anderen Völker, vergänglich, wandelbar. Also fort mit allen jenen barbarischen Sitten wie die Beschneidung! Wir wollen Hellenen werden, genau wie die anderen. Generationen gingen dahin. Die brausende Jugend von einstmals wurde alt, der Hellenismus war im Fortschreiten, und doch war die Masse des Volkes immer noch jüdisch, teils aus Gewohnheit, teils aus dem instinktiven Gefühl heraus, daß zwar die Hellenisten nicht zu widerlegen seien, daß sie aber trotzdem Unrecht hatten und eine Gefahr bildeten. So blieb man hartnäckig bei den Sitten, die man höchstens gefühlsmäßig verteidigen konnte. Und gerade das war den Hellenisten so überaus unangenehm und peinlich. Sie hatten die jüdische Sitte abgelegt und konnten es nicht vertragen, daß andere sie beibehielten. Sie wollten aufklärend wirken, das Volk zu ihrer eigenen Höhe hinaufziehen. Die Priester, die früher Lehrer des Judentums gewesen waren, wurden nun zum großen Teil Lehrer des Hellenismus. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem errichtet, in dem die Jünglinge nackt turnten. Die Jugend sollte griechisch erzogen werden. Und als alles nichts half, und das widerspenstige Volk noch immer nicht wollte, da reformierte man mit Gewalt, man hatte ja die Macht dazu. Die Frommen hätten nie für ihren Glauben erfolgreich kämpfen können. Jetzt starben sie für ihn. Ihre Treue war ehrenvoll, aber sie nützte wenig. Wären sie allein gewesen, dann hätte das Judentum aufgehört zu bestehen. Es war aber mittlerweile eine neue Bewegung entstanden. Sie ging wie einstmals der Hellenismus von den Jungen aus und war selber jung und lebensstark. Sie forderte nicht Dogmen und Glaubenssätze, sondern Begeisterung und Mut. Sie erzählte von den großen Ahnen, von der glorreichen Geschichte des jüdischen Volkes. Sie wollte die nationale Eigenart bewahren. Sie trat den Griechlingen nicht darum entgegen, weil sie die Kultur haßte und zurück wollte in die Vergangenheit, sie wollte sich nur selbst nicht auf geben und hatte nur ein großes Ziel: die Erhaltung des Judentums. Und die Alten, die jetzt die großen, mächtigen Herren waren, spürten die Kraft der neuen Bewegung und wußten nicht, weshalb auf einmal ihre bisher so siegreichen Argumente so gar keinen Eindruck mehr Nr. 49 machten, und der Fortschritt, den sie ja doch ihr ganzes Leben lang vertreten hätten, so plötzlich stille stand. Sie verstanden die neue Zeit nicht und glaubten, daß die Jugend wieder zu den veralteten Idealen der Frommen zurückgekehrt sei, und das reizte sie. Da verloren sie die Geduld und gebrauchten ihre Macht. Sie hatten ja die hohen Stellen im Tempel und Staat und standen sich gut mit den griechischen Herren. Die syrischen Söldner rückten ein, Juden zeigten ihnen den Weg. Auch der Tempel wurde reformiert, ein Götzenbild darinnen errichtet, die jüdische Sitte wurde verboten und die Griechenfeinde denunziert und zum Schafott geschleppt. Die aber entkamen, griffen zu den Waffen, und das blutige Ringen begann. Jetzt waren die Griechenfreunde Verräter, jetzt kämpften sie gegen ihr eigenes Volk, und wenn sie zu unterliegen drohten, dann schickten sie zum König und verklagten die Volksgenossen. Wieder und wieder riefen sie die fremden Truppen ins Land und störten den Frieden und stellten den Erfolg der Siege in Frage. Sie kämpften verzweifelt, um ihre einstige Macht wieder aufzurichten. Vergebens! Das ganze Volk hatte sich gegen sie gewandt. Juda Makkabi konnte fallen; aber die Bewegung, die er ins Leben gerufen und zum Siege geführt, blieb. Sie rettete die jüdische Religion, sie rettete die jüdische Kultur, das Judentum. Die Geschichte der Makkabäerkämpfe nimmt sich aus wie ein Spiegelbild unserer Zeit. Es ist doch alles schon einmal dagewesen. Und wenn wir in den alten Chroniken lesen, dann steht das Ghetto vor uns mit seinem abgeschlossenen, stillen, religiösen jüdischen Leben, und wir sehen, wie die Kultur kam und die Emanzipation die Mauern des Ghetto niederriß, und wie die Liberalen hinausstürmten in die moderne Kultur und Sieg auf Sieg errangen gegen die Konservativen, die immer weiter und weiter zurückgedrängt wurden, bis das Judentum unterzugehen drohte in der Flut der nichtjüdischen Kultur. Und wir sehen, wie eine neue junge Bewegung kommt mit nationalen Idealen und sich mit siegendem Ungestüm durchkämpft gegen ererbte Macht und starr gewordenen unjüdischen Fortschritt. Nur den Schluß sehen wir nicht, weil wir noch mitten im Kampfe stehen, in einem Kampfe, der mit anderen Waffen ausgefochten wird als in den Zeiten der Makkabäer. Wir glauben aber zuversichtlich, daß ein neues Chanukah kommt und die Treue zum nationalen Ideal auch über den modernen Hellenismus den Sieg davontragen wird. SßgßgR MMM Aus der Kunstgewerbeschule „Bezalel“: Chanukahlampe aus Silberfiligran mit Halbedelsteinen

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