Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1518 ------- bIELT.. ■ ■ ..=,,■ ,^=_ Nr. 4Q Die Hellenisten Von Rudolf Leszynsky Im Anfang war’s eine berechtigte Reform. Verrat wurde es erst später. Das Leben des jüdischen Volkes bewegte sich in den alten ausgefahrenen Gleisen, in kleinen engenVerhältnissen. Der Acker wurde bestellt und das Vieh gehütet, ein jeder ging seinem Gewerbe nach. Man klagte über die schlechten Zeiten und die hohen Steuern und die persischen Beamten. Man hörte auch wohl von fernen Kriegen und Aufständen entlegener Provinzen. Es wurde unruhig, Truppen zogen durchs Land. Aber dann ward es wieder still, und alles blieb beim Alten. Dann und wann zog man nach Jerusalem und opferte im Tempel, und der Gott des Himmels, der sein Volk so oft errettet hatte, half wieder und immer wieder. Man war ja auch fromm, man hielt die Gesetze, die in dem alten Buche standen, streng und gewissenhaft. Froh wurden die Feste gefeiert, am Sabbat arbeitete niemand; und wußte man nicht Bescheid mit seinen Pflichten, dann fragte man den Priester oder seinen Gehilfen, den Leviten, die Schreiber. Die konnten lesen, die hatten studiert. Gott selbst hatte sie ja zu Lehrern Israels eingesetzt. Man hatte Vertrauen zu ihnen und gehorchte ihnen. Sie waren klug und gerecht. Sie schufen neue Einrichtungen, wie die Zeit sie verlangte. Wer ein unbedachtes Gelübde getan, dem lösten sie es. Sie erlaubten, unter gewissen Modalitäten auch am Sabbat Gegenstände vom Haus in den Hof und die Gasse zu tragen. Sie waren milde Richter, wenn sie auch gelegentlich verboten und erschwerten. Das Volk fühlte sich glücklich und war zufrieden unter ihrer Herrschaft. Von den Leuten jenseits der Grenze hielt man sich ängstlich fern. Das waren Götzendiener, unreine Heiden mit schlechten, häßlichen Sitten. Das waren die Feinde, die immer Händel suchten und Grenzstreitigkeiten begannen. Jetzt waren sie noch mächtig, aber die alten Propheten hatten verheißen, daß es einst anders kommen werde: Israel die Weltherrschaft, den Heiden Schmach und Schande. Man wartete auf den Messias, den Nachkommen Davids, der Judas Thron erneuern werde, und mittlerweile hielt man treu an der nationalen Eigenart fest. Da brauste ein Krieg durchs Land. Fremde Menschen, wie man sie noch nie gesehen hatte, kamen und besiegten die Heere des mächtigen Großkönigs und setzten ihren eigenen König an seine Stelle. Die neuen Herren waren aber ganz anders als die Perser. Die hatten nur kommandiert und Steuern verlangt. Um anderes hatten sie sich nicht gekümmert, und nach Ablauf ihrer Amtsdauer waren sie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Griechen aber kamen nicht nur als Soldaten und Beamte, sie blieben im Lande und gründeten Häfen und Städte, und fingen an Handel zu treiben, und importierten und exportierten. Und sie waren so reich! Ihre Häuser waren groß und geräumig, und ihre Tempel waren schön — wie ein Märchen, wie ein Spiel der Phantasie. Wie interessant es bei ihnen zuging! Sie hatten Stadien und Theater. Was gab es da alles zu schauen! Wettlauf und Wagenrennen, Faustkampf und Diskusschleudern. Und dann wurde gesungen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht traten unten auf die Arena und sprachen miteinander und schrien und weinten und fielen manchmal wie tot zu Boden. Man verstand ja nicht recht, was da eigentlich vorging, aber man sah, wie die Griechen, die von den langen Sitzreihen am Berge hinunter auf die Bühne sahen, bald tieftraurig wurden, bald herzhaft lachten und Beifall klatschten. Was mochte da wohl Vorgehen? Der eine oder der andere fing an, Griechisch zu lernen. Die Priester und die Behörden mußten mit der neuen Regierung verhandeln, mußten ihr die Steuern abliefern, die Bürger und die Großgrundbesitzer lernten im Handel und Verkehr die neue Weltsprache. Und nun, da sie die Sprache kannten und die Bücher der Griechen lesen konnten, nun fingen sie erst richtig an, die Kultur der Fremden zu verstehen lind zu bewundern. Was hätten sie nicht alles entdeckt und erfunden. Sie wußten, wie die Welt entstanden war und wie Himmel und Erde aussahen, sie kannten fremde Länder und Sitten, sie hatten Körper und Seele erforscht, sie wußten, nach welchen Gesetzen der Mensch1 denkt und empfindet. Geheimnisse gab es nicht mehr, alles hatten sie studiert und kritisiert. Sie hatten keine Scheu vor dem Alten und Ueberlieferten. Die Nachkommen waren ja viel klüger als die Vorfahren. Homer, der alte Dichter, war ein Schwätzer und Lügner; man kann es beweisen. Wie klug doch' diese Griechen waren — viel klüger als die Priester. Es war doch unrecht gewesen, daß man sich immer so scheu von den Fremden ferngehalten hatte, sie waren gar nicht so schlimm, im Gegenteil! Die Jugend stürmte ins Lager der Fremden. Das Neue reizte. Die alten Sitten mußte man natürlich schleunigst ablegen, darüber hätten die Griechen ja nur gespottet. Man wollte doch nicht Barbar bleiben, sondern hinaus aus den engen Mauern geistiger Beschränktheit. Der äußere wie der innere Mensch mußte ein anderer werden. Man trug griechische Kleidung und machte die griechischen Feste mit. Weshalb denn nicht? Man wollte sich doch die höhere hellenische Kultur aneignen. Besonders die Reichen und Vornehmen gingen mit dem guten Beispiel voran. Die Alten sahen den Abfall und klagten, und schalten auf die schlechte Jugend und wußten nicht, wie sie dem neuen Geiste entgegentreten sollten. Was nützte es, wenn sie ermahnten, fromm zu sein, zur Religion und den Gesetzen zurückzukehren, die von Gott am Sinai gegeben waren? Wenn sie Moral predigten und Glauben forderten, wo nicht Moral und Glaube mehr war? Die Jugend ließ sich nicht abkanzeln und widersprach energisch und geschickt, die Frommen aber waren unbeholfen, ein Bild des Jammers gegenüber den beweglichen, gewandten Hellenisten. Denn die Jungen waren nicht umsonst in die Schule der Griechen gegangen und hätten Logik und Rhetorik gelernt. Sie waren den Alten überlegen. Sie nahmen die Bibel, auf die sich die Frommen immer beriefen, und kritisierten sie und bewiesen, daß sie nicht nötig hatten, das Gesetz zu halten. Waren die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob nicht fromme Männer gewesen, die hatten doch auch nicht das Sinaigesetz befolgt! Und sittlich sollen wir sein? Wir sind noch ebenso sittlich wie Rüben und Juda, unsere Väter, von denen das erste Buch Mose so manches Bedenkliche erzählt. Und die Griechen sollen wir meiden? Gerade in der Thora steht doch, daß Japhet in den Zelten Sems weilen soll. Das jüdische Gesetz ist wie die